Coronavirus

„Die Einschläge kommen näher“

Von Fußball über Handball bis Basketball: Wie Amateure und Profis der populärsten Sportarten in Baden-Württemberg mit der Ansteckungsgefahr umgehen.
  • Maximilian Thiel als Superspreader des FC Heidenheim? Am Freitag herrschte Verwirrung über positive und negative Testergebnisse im Team. Foto: Eibner
  • Unterschiedlicher Umgang: Während sich Profis recht ungefährdet nahe kommen können, versucht mancher Klub mit technischen Geräten, der Pandemie Herr zu werden. In Heidenheim stand am Freitag die Frage im Raum, ob Spieler Maximilian Thiel zum Superspreader wurde. Foto: Eibner
  • Ratiopharm Ulm hat sich mehrere Lüftungsanlagen angeschaft, die das Virus von Spielern und Zuschauern fern halten sollen. Foto: Harry Langer
Per Günther ist ein positiv denkender Mensch. Deshalb versucht der Kapitän des Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm auch das Positive daran zu sehen, dass er momentan fast jeden zweiten Tag auf das Coronavirus getestet wird. „Immerhin kann ich mich mit meinen Arbeitskollegen abends treffen und sie umarmen, was im privaten Umfeld ja gerade nicht angebracht ist“, sagt der Basketballprofi. Das kann der 32-Jährige aus zweierlei Gründen: Zum einen, weil die Testergebnisse vom Morgen meist schon am gleichen Abend vorliegen und somit die Ansteckungsgefahr auf ein Minimum sinkt. Zum anderen, weil sich die Spieler im täglichen Training ohnehin auf engstem Raum begegnen.

Trotz dieser maximalen Sicherheit, die der Profisport bietet, beschleicht Günther „ein komisches Gefühl“, wenn er die täglichen Nachrichten verfolgt: „Die Einschläge kommen immer näher.“ Erst gab es nur Corona-Fälle bei Teams im Ausland, inzwischen auch in der Bundesliga, und selbst vor dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum der Ulmer Basketballer machte die Pandemie nicht Halt. Aufgrund mehrerer positiver Tests im Perspektivteam von Ratiopharm Ulm ist der Spiel- und Trainingsbetrieb bei Nachwuchs und Amateuren momentan eingestellt, der Kontakt zu den Profis unterbunden. „Trotzdem fühlt es sich so an, als wäre es nur eine Frage Zeit, bis auch zu uns in die Mannschaft etwas kommt“, sagt Günther: „Und zwar egal, wie sehr man aufpasst.“

Fünf Fälle beim FCH?

Verwirrung gab es am Freitag in dieser Hinsicht um Fußball-Zweitligist 1. FC Heidenheim, der mit fünf positiven Corona-Tests bei den Profis zu kämpfen hatte. Dabei war zunächst Offensivspieler Maximilian Thiel am Mittwoch „leicht positiv“ getestet worden. Daraufhin wurde am Donnerstag eine weitere Testreihe durchgeführt, bei der Thiel negativ getestet wurde, aber fünf andere positive Ergebnisse auftraten. Ein weiterer Test am Freitag im Heidenheimer Klinikum wies dann wieder alle Spieler als Corona-frei auf. Die Verunsicherung vor dem Heimspiel am Sontag gegen Osnabrück (13.30 Uhr/Sky) war perfekt.

Dabei ist der Wille unter den Sportprofis, weiterhin jede Woche um den Sieg zu kämpfen, groß: „Wir freuen uns zu spielen und wollen auf keinen Fall, dass der Spielbetrieb abgebrochen wird“, betont Basketballer Günther. Wie dem Aufbauspieler von Ratiopharm Ulm geht es auch vielen Amateuren in Baden-Württemberg, die über den Sport zur lange proklamierten „neuen Normalität“ zurückgekehrt sind und diese ungern wieder verlieren wollen.

Das sieht auch der Handballverband Württemberg (HVW) so. „Der HVW hat den Auftrag, Handball zu ermöglichen. Alle aktuell gültigen Verordnungen lassen sowohl den Trainingsbetrieb als auch den Spielbetrieb in allen Sportarten zu“, erklärt Verbandsmanager Thomas Dieterich. Aus diesem Grund sehe es der Verband als seine Aufgabe an, denjenigen, die Handball spielen möchten und können, dies auch zu ermöglichen. Deshalb könne bei einer 7-Tage-Inzidenz von unter 50 ein geregelter Spielbetrieb stattfinden. Die Praxis sieht anders aus: Weil die Zahlen in kaum einer baden-württembergischen Handballregion unter dieser Schwelle liegen, gibt es gerade bei den Amateuren schon jetzt massenweise Spielausfälle, die angesichts enger Terminpläne nur schwer nachzuholen sind.

Ähnlich geht es dem Basketball abseits der Profiligen. Auf Bezirksebene ist der Spielbetrieb zum Teil bereits ausgesetzt worden, auf Verbandsebene versucht man noch so viele Begegnungen wie möglich durchzubekommen. Das bringt so manchen Funktionär in Rage. „Trotz Kontakt der Herren 1 zu einem Spieler der Herren 2, der positiv auf Covid-19 getestet wurde, hätten wir drei Tage später spielen sollen“, beschwert sich Andreas Bobbe, Abteilungsleiter des Ulmer Regionalligisten TSG Söflingen. Beim Blick auf den Sport-Winter sorgt sich der ehrenamtliche Funktionär noch mehr: „Wir sind Ende Oktober an der Spitze des Eisbergs und haben noch mindestens kalte Tage bis März. Wie soll es da besser werden?“, fragt sich Bobbe, der auf generelle Spielabsagen auf Verbandsebene hofft, um die Pandemie auch im Sportbetrieb einzudämmen.

Sechs Infizierte bei Alba Berlin

Dabei ist nach wie vor umstritten, ob im Hallensport überhaupt Ansteckungsgefahr besteht. Aktuell gilt die so genannte „dritte Spielzeit“, das gemütliche Beisammensein nach dem Sportlichen, als gefährlichste Situation. Jedoch gibt es immer wieder Nachrichten, bei denen eine Infektionskette innerhalb des Trainings- und Spielbetriebs als wahrscheinlich gilt. So kam Bundesligist Alba Berlin mit sechs infizierten Spielern vom Euroleague-Spiel bei ZSKA Moskau zurück. Bei den Handballern der Rhein-Neckar Löwen waren mehrere Akteure, darunter die Nationalspieler Patrick Groetzki und Jannik Kohlbacher sowie Trainer Martin Schwalb positiv getestet worden.

Auf der anderen Seite stemmen sich die Verbände mit der Proklamation immer wieder erneuerter Maßnahmen gegen die Pandemie. So hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) am Freitag ein nationales Hygiene-Rahmenkonzept für sichere Sportveranstaltungen in Zeiten anhaltender Pandemie vorgelegt. „Die Gesundheit der Sportler und der gesamten Gesellschaft hat weiterhin höchste Priorität“, sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Damit soll unter anderem die Vielfalt des organisierten Sports in Deutschland geschützt werden.

Darüber hinaus versuchen auch die Klubs, auf eigene Initiative die größtmögliche Sicherheit in unsicheren Zeiten zu bieten – teils mit hohem technologischen Aufwand. So hat sich Ratiopharm Ulm gleich mehrere kühlschrankgroße Filteranlagen gesichert, die verunreinigte Luft sowohl im Leistungszentrum als auch am Spielort reinigen. „Wir hatten die Luftfilter schon im Eurocup und auch im Orange Campus auf der Konferenz-Ebene im Einsatz. Das Ergebnis ist sehr überzeugend“, sagt der Geschäftsführer von Ratiopharm Ulm, Andreas Oettel.

Ob Maßnahmen wie diese gerade rechtzeitig kommen oder ob es angesichts der – auch im Sport – rasant steigenden Pandemie-Zahlen schon zu spät ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.
© Südwest Presse 24.10.2020 07:45
345 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy