Sterbehilfe

Wem gehört unser Leben?

Argumente anhören, sich eine Meinung bilden, debattieren – in Zeiten von Fake News und angeblichen „Querdenkern“ ist ein TV-Film wie „Gott“ über die Sterbehilfe ein Ereignis der Aufklärung.
  • Gruppenbild aus dem TV-Ethikrat mit Schauspielprominenz (von links): Christiane Paul, Ina Weisse, Anna Maria Mühe, Matthias Habich, Ulrich Matthes, Barbara Auer, Lars Eidinger und Götz Schubert. Foto: Julia Terjung/ARD Degeto/Moovie GmbH
Der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich „mit den großen Fragen des Leben“, er gibt „Orientierung für die Gesellschaft und die Politik“. So steht es auf der Homepage. Gendiagnostik, Patientenwohl, Big Data – und aktuell lautet die Frage: Wie soll der Zugang zu einem Covid-19-Impfstoff geregelt werden? Jetzt am Montag tagt der Ethikrat im Fernsehen, aber in einer fiktiven Sitzung, besetzt mit deutscher Schauspielerprominenz: „Gott“ heißt das neue Theaterstück Ferdinand von Schirachs über die Sterbehilfe. Zwei Monate nach der Uraufführung zeigt die ARD am Montag das Kammerspiel im Abendprogramm: wie bei „Terror“ mit einer Abstimmung der Zuschauer und anschließender Diskussion bei „Hart aber fair“.

Argumente anhören, sich eine Meinung bilden – in Zeiten von Fake News, in denen vermeintliche „Querdenker“ Verschwörungstheoretikern nachlaufen, ist „Gott“ ein TV-Ereignis der Aufklärung. Theater, das bildet – abseits hektisch rechthaberischer Talkshow-Runden.

Mit der tödlichen Dosis helfen?

In „Gott“ kommt keine Strafsache vor Gericht, niemand ist angeklagt, kein Urteil wird gesprochen. Es geht darum: Der 78-jährige Richard Gärtner (Matthias Habich) ist körperlich völlig gesund, hat aber nach dem schrecklichen Tod seiner Frau den Wunsch zu sterben. Er möchte nicht dement auf der Intensivstation enden. Er hat seine Ärztin (Anna Maria Mühe) gebeten, ihm zu helfen – und er ist in den Ethikrat gekommen, um die Öffentlichkeit auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Drei Sachverständige sind geladen: eine Juristin (Christiane Paul), ein Vorstand der Bundesärztekammer (Götz Schubert) und ein katholischer Bischof (Ulrich Matthes).

Wem gehört unser Leben? Einem Gott, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie – oder nur uns selbst? Unter welchen Umständen darf man einem Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? Das Bundesverfassungsgericht hat das geklärt: Ein Arzt darf beim Suizid assistieren. Aber es geht nicht nur um das Recht, es gibt ethische, moralische Fragen und Antworten. Es werden viele Problematiken angerissen, Informationen geliefert, das ist die Stärke dieses Diskurses.

Dann wendet sich die Vorsitzende (Barbara Auer) frontal an den Zuschauer: „Halten Sie es für richtig, dass Herr Gärtner Pentobarbital bekommt, um sich töten zu können?“ Sie differenziert die Frage zwar: „Würden Sie es tun, wenn Sie Arzt wären? Würden Sie das Medikament auch einer 30-jährigen Frau geben?“ Aber die Abstimmung läuft pauschaler, es geht eben nur um die eine Frage, ob man es für richtig halte, dass Herr Gärtner die tödliche Dosis bekommt. Das lässt sich leichter beantworten als etwa die Frage, ob ein Arzt verpflichtet werden könnte, derart seinem sterbewilligen Patienten zu helfen. So ist die interaktive Abstimmung eine dramaturgische Pointe, ein pädagogischer Kniff, um den Zuschauer zu fesseln, herauszufordern.

Bislang war „Gott“ an acht Theatern zu sehen, in 99 Aufführungen gab das Publikum ein Votum ab: 55,8 Prozent stimmten mit Ja. So hat Peter Dabrock, Ex-Vorsitzender des (echten) Deutschen Ethikrats, in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) beklagt, dass sich von Schirach einseitig in seinem Stück positioniert, in weiten Teilen eine „Werbeschrift für ärztliche Suizidassistenz“ verfasst und dafür den Bischof „inhaltlich schwach“ gezeichnet habe. Man weiß jetzt nicht, auf welcher Basis Dabrock argumentiert, ob er nur das Buch (erschienen bei Luchterhand) gelesen, eine Aufführung besucht oder den Film gesehen hat. Dem TV-Regisseur Lars Kraume jedenfalls ist es gelungen, mit seinen brillanten Darstellern ruhig und sachlich, nuancenreich die Debatte zu führen.

Alle Figuren bestehen. Dass Lars Eidinger als provokanter Anwalt Gärtners groß aufdreht, gehört zum Spiel, aber Ulrich Matthes als glaubensstarker Bischof pariert. Es gewinnt nur der Zuschauer – der auch gern dabei sein würde, wenn ein solcher Ethikrat ein Thema wie „Wer kriegt zuerst den Impfstoff?“ derart kompetent debattierte.
© Südwest Presse 21.11.2020 07:45
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