Kommentar Jürgen Steck

Disqualifiziert

zu Demo, Kundgebung, Regeln und Vergleichen

Was gut war an diesem von vielen Meinungsäußerungen geprägten Samstag in Aalen: dass nichts passiert ist. Sondern mit Worten gefochten wurde – wie es sein muss in einer Demokratie. Dass dies gelang, zeigt: sie lebt, unsere Demokratie.

Was zudem gut war: dass viele Sprecher, auf der einen wie auf der anderen Seite, betonten, dass ihnen am Dialog, am Austausch mit Andersdenkenden gelegen sei. Macht das – das möchte man allen zurufen.

Was unverständlich war, zumindest für viele Beobachter: dass, wer den Aalener Wochenmarkt besuchte, dort Maske tragen musste. Wer im Anschluss zur Demo ging, musste keine tragen. Unklarheit führt nicht zu mehr Akzeptanz von Verordnungen.

Was schlecht, mehr als schlecht war: diese unseligen Vergleiche mit der NS-Zeit. Wenn Analogien von Adolf Eichmann, dem Holocaust-Organisator, zur Jetzt-Zeit, den Corona-Verordnungen aufgebaut werden, dann disqualifizieren sich die, die dies tun.
Sie disqualifizieren ihr Anliegen, berechtigt oder nicht. Sie verhöhnen die Millionen Opfer des Holocausts – und sie beleidigen all jene, die anders denken. Die sich sorgen wegen Corona. Die kämpfen gegen Corona. Und, sie verhöhnen, letztlich, auch die, die sterben mit Corona.

© Gmünder Tagespost 28.11.2020 19:36
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Kommentare

lesemeister

Wo bleibt der Kommentar über die "friedliche Gegenkundgebung" aus dem linken Spektrum?

Achim Stammberger

Ein grundsätzlich zutreffender Kommentar, danke. Dass nur „mit Worten gefochten wurde“, ist aber nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Polizei sehr präsent und auch vorsorglich aktiv war, wie im Hauptartikel beschrieben:

„Der Demonstrationszug führt bei der Greutschule an der Gegenkundgebung vorbei. Gut bewehrte Polizisten sichern zwischen beiden Gruppen. Es kommt zu Wortgefechten, die teils die sachliche Ebene verlassen, teils werden aber auch Argumente ausgetauscht. Weiter oberhalb – und außerhalb des Demonstrationszuges – steht eine Gruppe aus der rechten Hooliganszene: Polizeibeamte gehen zu ihnen hin, sprechen. Es passiert nichts.“

Die Anwesenheit gewaltbereiter Gruppen und inhaltliche Grenzverletzungen, wie in diesem Fall die Landvolkfahne (siehe meinen Kommentar zum Hauptartikel), sind fester Bestandteil dieser Demonstrationen. Es verwundert daher nicht, dass sie in größeren Städten kaum zu kontrollieren sind. Verwunderlicher ist der überaus duldsame Umgang der Ordnungsbehörden mit diesen Versammlungen, nicht nur in der Frage der Maskenpflicht.

wilma52

Demokratie heißt Freiheit, Meinungsfreiheit, Eigenverantwortung, aber auch Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber. Wer meint, er wird in Coronazeiten eingeschränkt, suche sich einen diktatorischen Staat. Lebe dort eine Weile.Vielleicht schätzt er dann wieder unsere Demokratie. 

Mit Freiheit muss man auch umgehen können!

Weber

Richtig Her Steck. Wer sich von Nazis distazieren will, dann aber den selben Prügel rausholt ist nicht besser als der Nazi selber.

Meinen Großeltern wurde Freiheit geraubt, aber wir leben seit 75 Jahre in Frieden, seit 50 Jahren mit relativem und seit 30 Jahren mit hohem Wohlstand. Und genau dieser hohe Wohlstand ist wohl einigen zu Kopf gestiegen.

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