Die Millionen-Strategie

Der VfB Stuttgart will frei werdende Gelder nutzen – wie zum Beispiel das Jahresgehalt von Holger Badstuber. Wichtige Spieler profitieren von einer Umverteilung.
  • Mit neuem Vertrag ausgestattet: Stuttgarts Nicolás González. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Leistung lohnt sich. Das ist die Botschaft, die Sven Mislintat an die Mannschaft des VfB Stuttgart ausgesandt hat – mit drei Vertragsverlängerungen in der vergangenen Woche. Nicolas Gonzalez, Wataru Endo und Borna Sosa, sie haben neue Arbeitspapiere zu verbesserten finanziellen Konditionen unterschrieben. Womit der Sportdirektor ihren gestiegenen Wert für den Fußball-Bundesligisten gleich doppelt in Rechnung stellt. Zum einen honoriert Mislintat den sportlichen Wert für die Mannschaft. Zum anderen ergibt sich mit den längeren Laufzeiten der Kontrakte ein höherer Marktwert für künftige Transfers. Mit Blick auf die Entwicklung des Teams zweifelt niemand daran, dass dem Sportchef gerade mit dem aufstrebenden Gonzalez (Vertrag bis 2024) ein Coup gelungen ist. Allerdings stellt sich die Frage, woher der VfB in Zeiten der Corona-Pandemie das Geld nimmt – wenn doch überall im Klub gespart werden muss. Die Antwort fällt in den Details komplex aus und führt dazu, dass der VfB durch die Vertragsverlängerungen in den Finanzbüchern sogar einen positiven Effekt erzielt.

Es ist jedoch auch so, dass Mislintat die Zukunft konkret plant und frei werdende Personalkosten jetzt schon umverteilt. 45 Millionen Euro beträgt das aktuelle Budget. Wichtig zu wissen, ist: Der VfB katapultiert sich mit den moderaten Anpassungen nicht wieder auf das Gehaltsniveau, auf dem er schon stand. Das Team, das zuletzt trotz der 1:3-Niederlage gegen den FC Bayern gefiel, ist längst nicht so kostspielig wie der Kader, aus dem die Elf hervorging, die gegen Union Berlin 2019 in der Relegation abstieg.

Von Aogo über Gentner und Gomez bis Zieler erhielten damals eine Reihe von Spielern satte siebenstellige Jahresgehälter. Dennoch: ein gehöriger Batzen der jetzigen Kosten fließt an fünf Spieler, deren Verträge im kommenden Sommer auslaufen: allen voran Holger Badstuber. Aber auch Gonzalo Castro und Daniel Didavi fallen monetär schwer ins Gewicht. Marcin Kaminski und Hamadi Al Ghaddioui sind dagegen Leichtgewichte.

So soll Badstuber fünf Millionen Euro pro Jahr kassieren – womöglich ein guter Grund, seinen Vertrag in Stuttgart nicht aufzulösen und in der Regionalliga für den VfB II zu spielen. Insgesamt könnte der Aufsteiger zum Ende der Saison etwa 12,5 Millionen Euro an Gehaltskosten einsparen. Allerdings will der VfB seine junge Mannschaft weiterwachsen lassen und investiert lieber mit Weitblick. Das ist trotz Corona-Krise Teil der Strategie. Die Mittel sollen jedoch nicht nur an künftige Neuverpflichtungen fließen. Es sollen auch Spieler profitieren, die zum Aufschwung beitragen. Zudem zeigen Castro und Didavi, dass sie dem schwäbischen Jugendstil-Projekt immer noch guttun können. Deshalb will man sich mit beiden an einen Tisch setzen, um über eine weitere Zusammenarbeit zu reden. Im Fall Didavi verlängert sich der Kontrakt nach einer gewissen Einsatzzahl. Die Konditionen würden sich aber verschlechtern.

Für Badstuber eröffnet sich keine Perspektive mehr, und bei Kaminski und Al Ghaddioui werden wohl die nächsten Monate Klarheit bringen, ob sie weiterhin im Trikot mit dem Brustring auflaufen. Endo ist dagegen weiter eine Hauptrolle zugedacht. „Er ist der Dreh- und Angelpunkt in unserem Spiel“, sagt Trainer Pellegrino Matarazzo über den Japaner im Mittelfeld. Er ist der Anker, der das Stuttgarter Schiff stabilisiert und an dem sich die Nachwuchskräfte festhalten oder hochziehen können. „Er ist fast schon eine Symbolfigur für den Weg, den wir beschreiten wollen“, sagt der Trainer. Endo marschiert, Endo erfüllt seine Aufgabe – und Endo macht auf sich aufmerksam. Der Mann aus Fernost hat nur kurz gebraucht, um als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler in der deutschen Eliteklasse wahrgenommen zu werden. Das weckt Interesse. Doch bevor der 27-Jährige im nächsten Sommer in den Fokus anderer Clubs gerät, hat Mislintat agiert. Statt 2022 endet der Vertrag des vierfachen Familienvaters nun 2024. Das gibt dem VfB Planungssicherheit – oder die Möglichkeit im Fall der Fälle eine höhere Ablösesumme aufzurufen.

Folgenreiche Verlängerung

Wie bei Gonzalez, dessen Unterschrift zusätzliche zehn Millionen Euro Wert sein dürfte. Statt der bisher avisierten 20 Millionen Euro an Ablösesumme dann eher 30 Millionen Euro plus X. Von unmoralischen Angeboten für den Argentinier, die darüber hinaus gehen, mag man beim VfB zwar träumen. Aber eher erwischen sich die Strategen bei dem Gedanken, dass der Stürmer vielleicht noch ein Jährchen länger bleiben könnte, da es mit den Stuttgartern aufwärts geht.

Das hat auch Sosa dazu bewogen, den VfB nicht nur als Sprungbrett zu benutzen. Zumal der Kroate lange gebraucht hat, um überhaupt in Schwung zu kommen. Nun hat der Linksverteidiger überzeugt und bis 2025 verlängert. Vergessen die Zeit, als der 22-Jährige weg wollte, weil es nicht so lief, wie er es sich vorgestellt hatte. Vorbei die Phase, als der VfB überlegte, Sosa zu verkaufen oder zu verleihen – und den Klub buchhalterische Gründe davon abhielten, weil die gebotenen Summen nicht stimmten. Beim VfB Stuttgart sehen gefragte Spieler wieder eine Zukunft. Auch das ist eine Botschaft, die von Sven Mislintats Vertragsverlängerungen ausgeht – an die Konkurrenz.
© Südwest Presse 04.12.2020 07:45
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