Leserbeitrag von In my humble opinion

Pandemie braucht Perspektivwechsel ( P-GT vom … )

Ich bin einigermaßen erschüttert, wie kurz scheint’s das Gedächtnis in der Politik ist und wie populistisch die Vermengung von subjektiver Wahrnehmung mit objektiver Realität ( oder vielleicht gar der Austausch von „Realität“ durch „Wahrnehmung“? ) gerät.

Im März 2020, in der ersten Welle, sollten Kriterien für Lockdown und Shutdown festgelegt werden, weil die Gesundheitsämter im Hochtechnologieland nicht mehr mit der Nachverfolgung der Kontakte und deren Quarantäne nachkamen, weil die Urwaldtrommeln und die Tontäfelchen dafür einfach nicht mehr ausreichten. Die Bundeskanzlerin gab die „35“ als Verhandlungs-Basar-Basislinie  vor, aber weil die schon teilweise überschritten war und demzufolge Maßnahmen hätten eingeleitet werden müssen, „einigten“ sich die Mini-Präsis auf die Zahl „50“ – und die Virologen und Epidemiologen hielten diese Zahlen damals schon für reichlich politisch-willkürlich. „Wir hatten Glück, diese Zahl von „50“ wurde in der ersten Welle nicht bundesweit überschritten, bei den lokalen und kurzen Überschreitungen drückte die Politik ein Auge zu, sonst hätte man ja handeln müssen.
Im Sommer haben die Fachleute vor der zweiten Welle im Herbst gewarnt – und was wurde vorbereitet? Eigentlich nichts, man sonnte sich im Erfolg der im Vergleich zu anderen Ländern niedrigen Werte ( im Juni 2020 lag die Inzidenz bei ~3! ) und klopfte sich im Wohlgefühl der Überheblichkeit auf die Schultern, ja, man fand sogar das Shoppen mit Maske „unerotisch“.

Dann wurde die „35“-Linie überschritten ( das war nur eine informelle Notiz wert ), dann wurde die „50“-Linie überschritten ( „wenn ihr nicht aufpasst, dann …“ ), dann wurde die „100“-Linie überschritten ( „ich habe schon 100x gesagt, ihr sollt aufpassen …“ ), dann die „150“ ( „jetzt werde ich aber langsam ärgerlich, wenn ihr jetzt nicht …“ ) und dann bundesweit die „200“ ( lokal dann noch +300! und stellenweise sogar +500! ) – und damit kam der Notwehr-Knüppel aus Berlin und zum Teil leise knurrend machten die Mini-Präsis endlich mal gemeinsam mit, aber grundlegend wurden die nachfolgenden Strukturen immer noch nicht verbessert, nicht gestrafft, nicht in die Lage versetzt, zielorientiert zu arbeiten.

Sicher, die Politik allein kann nichts ( und auch nicht durch vollmundige Sprüche ) gegen die Verbreitung des Virus tun, das müssen wir schon alle selber hinkriegen, mit Maske und Abstand, ohne Massenkuscheln. Wie gut das bei uns aber ohne Knüppel funktioniert, haben wir ja auch gesehen, nämlich im Grunde überhaupt nicht, denn, wie man so sagt „Jeder macht, was er will, keiner macht, was er soll, aber alle machen mit“. Leider wird mit diesem Knüppel aber auf den Sack gehauen, wenn der Esel gemeint ist, und es wird auch auf Säcke eingeschlagen ( weil es eben Säcke sind ), die nicht mal auf einem Esel sind. Und so kommen die kritikwürdigen Ungereimtheiten zustande, die einen dürfen was nicht, was andere aus anderen Gründen doch dürfen, aber das sind nun mal politische Entscheidungen, die einfach anzuordnen, einfach ( vom Schreibtisch aus ) zu kontrollieren und irgendwie und irgendwann auch mal wirksam sind. Kritikwürdig sind viele Entscheidungen des Bundes, einige des Landes, manche des Landkreises und auch der Stadtverwaltung, jeder auf seiner Ebene trifft mehr oder weniger politische Entscheidungen, ob sie in der Sache auch wirksam sind, finden wir später mal heraus. Da werden dann auch Shutdowns angeordnet, an deren Sinnhaftigkeit jede Logik scheitert, und Lockerungen erlaubt, die ebenso unsinnig sind. Das große Problem ist die Verbreitung des Virus, und da haben wir zu wenige Tests, zu geringe Kenntnis, zu wenig Nachverfolgung, um die hauptsächlichen „Treiber“ zu identifizieren und zu isolieren.

Wir leben nicht in einer "Welt der Virologen", wir leben in einer Zeit des Virus. Leider „kümmert“ sich das Virus auch keinen Deut um das populistische, anbiedernde Feldgeschrei >„Wir leben nicht in einer Welt der Virologen, sondern in einer Welt der Bürger.“<, es infiziert, wo und wie es möglich ist, es verbreitet sich in den Aerosolen weiter und es „lernt dazu“, wird infektiöser und womöglich auch gefährlicher, ob wir nun „wollen“ oder nicht, ob „der Bürger“ ( oder auch der Oberbürger… ) will oder nicht.

Die Virologen sind wie die Wetterfrösche, sie sagen das Unwetter voraus und geben den Rat, sich mit einer Regenjacke zu schützen. Und wenn es stark regnet, hilft auch ein Schirm zusätzlich zu Regenjacke – und Gummistiefel sind vielleicht nicht „erotisch“, aber die Füße bleiben trocken. Die Politik macht dann ( angesichts der "Komplexität des Problems" mit Regenjacken, Gummistiefeln und Schirmen und wie man das denn wohl dem Bürger vermitteln könne ) daraus ein simples und für alle leicht verständliches: „Bleibt einfach zu Hause.“

Und manchmal fordert dann „der Bürger“: „Will aber raus, will aber keine Jacke, will keine Gummistiefel, will keinen Regen“ …
Da bleibt doch angesichts solcher verquerer „Logik“ nur Kopfschütteln und Schulterzucken übrig.

Tübingen hat es vorgemacht, durch eine engagagierte Ärztin und einen tatkräftigen OB, gegen das Desinteresse von Land und Bund, man hat Geld in die Hand genommen und „auf Deubel komm‘ raus“ getestet und so diejenigen gefunden, die das Virus in sich tragen, ohne es zu wissen, und es so verbreiten, ohne es zu wollen – und man hat dadurch Erfolg, wie die niedrigen Inzidenzzahlen zeigen.

Was ist in Tübingen denn so anders, dass man ( sich ) leisten kann, was andere offenbar ( sich ) nicht leisten können oder wollen?

Warum immer die Rufe nach „Maßnahmen von oben“, von dort quasi Erlösung von dem Übel erflehend ( aber wenigstens einen Geldregen ), warum nicht selber mal den Spaten in die Hand nehmen und den Acker umgraben?

Warum immer, wenn es um Arbeit geht, die Rufe nach den Ehrenamtlichen, danach, unbezahlte Arbeit mit dem Titel „Ehrenamt“ zu veredeln und mit feuchtem Händedruck zu belohnen, getreu dem Motto „Hannemann, geh du voran, du hast die größern Stiefel an“, warum, scheint’s, immer noch und immer wieder das „pissiness äs juschwel“?

Aber beim gegenseitigen Schulterklopfen steht man in der ersten Reihe!

Mir ist klar, dass ich hier etwas einseitig formuliert habe, aber diese vielfältigen ( technischen, verwaltungsmäßigen, politischen ) Unzulänglichkeiten hier und sell, da und dort, die sich insgesamt zu einer Art klebriger, breiiger Masse verpappen und uns zu ersticken drohen, bringen mich innerlich zur Weißglut. Dagegen hilft nicht „fordern“, dass andere etwas tun sollen, da hilft nur sachlich-logische eigene Anstrengung!

© In my humble opinion 14.02.2021 21:56
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Kommentare

Karin Hofmann

Danke, inmyhumbleopinion,

Sie schreiben:

"Tübingen hat es vorgemacht, durch eine engagierte Ärztin und einen tatkräftigen OB, gegen das Desinteresse von Land und Bund, man hat Geld in die Hand genommen und „auf Deubel komm‘ raus“ getestet und so diejenigen gefunden, die das Virus in sich tragen, ohne es zu wissen, und es so verbreiten, ohne es zu wollen – und man hat dadurch Erfolg, wie die niedrigen Inzidenzzahlen zeigen".

Welch ein Lob - ZU RECHT! und - er ist der Oberbürmeister in Tübingen. Boris Palmer, seit Jahren von den Medien wegen seinen anderen Gedankengängen, auch zur Asylpolitik verfolgt, diffamiert, ausgelacht bis hin zu Absetzungsmöglichkeiten in seiner Position. Nun ist er ein Held. 

Es sollte zu denken geben, daß gerade die Anders-, Voraus-Denkenden, die "Verfolgten, Verfehmten", erstmal Nicht-Verstandenen oft (wenn sie nicht aufgeben!) eine gute Lösung haben. Aber Hürden überwinden müssen, in der Presse zerrissen werden bis hin zum Wunsch der Enthebung seines Amtes durch alteingesessene, besserwisserische, konservativ Denkende, die sich an den gegebenen Regeln still festhalten. Er war so mutig in seinem eigenen Landkreis mit eigenen, wenn auch schweren Regeln, einzuschreiten. An ihm könnten sich andere, gesponserte, angepasste, seit 1 Jahr dumm schwätzende Oberbürgermeister unseres Landes ein Beispiel nehmen. Ihm gilt Respekt, daß er nicht aufgegeben hat.

Ein HOCH auf Boris Palmer!

Frieder Kohler

Ein Volltreffer durch die "bescheidene Meinung", der durch Alexander Gerst (Leute im Blick) an Wucht gewinnt:"Als Teil der Crew des Raumschiffes Erde habe jeder die Verantwortung, sich und andere zu schützen!"

Ob die (eigene) sachlich-logische Anstrengung bei den erforderlichen Rettungsmaßnahmen durch die "Entscheider" und die gleichgültige Gesellschaft angenommen werden, steht auf einem anderen Blatt. Ein 3-Milliarden-Kredit für ADIDAS und die Staatshilfen trotz der Millliardengewinne an die AUTOMOBILINDUSTRIE und der Dividendenausschüttung (in Milliardenhöhe!) kann doch bei den um ihre Existenz ringenden "kleinen Leute" nicht mehr (abstrakt und logisch...) verstanden werden. Die Enttäuschung, Empörung, Wut und der heilige Zorn wird noch größer bei den Zusehern samt *Innen, die gestern Abend https://www.etwasverpasst.de/die-anstalt/14-februar-2021-984812 die ANSTALT als Medium der Aufklärung eingeschaltet hatten. Viele Fakten für die gutgläubigen Wähler*Innen der GROKOS der Vergangenheit müssen endlich erkennen, wer die BRD regiert und wer dem Großkapital verpflichtet ist! Davon an anderer Stelle mehr, nach diesen Zeilen mussen jetzt meine "revolutionären Zellen" beruhigt werden!

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