Nordische Kombination

„Das ist das Salz in der Suppe“

Bundestrainer Hermann Weinbuch verrät beim Meet & Greet, wie der Dreifach-Olympiasieg von Pyeongchang zu Stande kam und unter welchen Umständen er weitermachen will.
  • Hermann Weinbuch plauderte aus dem Nähkästchen. Foto: M. Kappeler/dpa
  • Mit dem Dreifach-Olympiasieg von Pyeongchang gelang Johannes Rydzek, Fabian Rießle und Eric Frenzel (von links) ein historischer Moment. Hermann Weinbuch erzählte, wie es dazu kam. Foto: Eibner
Wenn sich der Bundestrainer der nordischen Kombinierer, Hermann Weinbuch für die Fragen seiner Fans Zeit nimmt, dann richtig. Beim virtuellen Meet & Greet der SÜDWEST PRESSE gab der 60-Jährige den Lesern tiefgründige Einblicke in seinen Werdegang, seine Trainingsphilosophie und Schlüsselerlebnisse bei Olympia. Ein Auszug aus den wichtigsten Fragen unserer Leser und Weinbuchs – nahezu ungekürzten – Antworten kurz vor dem Start der nordischen Ski-WM in Oberstdorf.

Wie sind Sie eigentlich zur nordischen Kombination gekommen?

Hermann Weinbuch: Mein Vater ist sehr sportaffin und war ja auch Sportdirektor beim Deutschen Ski-Verband. Insofern hat er mich zum Sport gebracht und mich schon mit drei Jahren auf Skier gestellt. Ich war eher der Draufgänger, bin über Hügel gesprungen, habe eigene Schanzen gebaut. Deshalb hat mich mein Vater gefragt, ob ich nicht mal das Skispringen probieren möchte. So bin ich mit neun Jahren von den ersten Schanzen gesprungen, was mich sehr fasziniert hat. Also hat mein Vater gemeint, ich sollte auch ein bisschen Langlauf machen. Das war mir zwar am Anfang zu anstrengend, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich im Laufen eigentlich talentierter bin als im Springen, so dass ich doch dabei geblieben bin.

Woher kam die frühe Begeisterung für das Trainer-Dasein?

Man muss sagen, ich habe generell arg viel trainiert und einseitig gegessen. Man kann sagen, ich habe extrem gelebt als Sportler, und dann auch noch ein Diplomtrainer-Studium reingeschoben. Da habe ich irgendwann gemerkt, dass mein Körper da nicht mehr mitspielt bei den hohen Belastungen. Deshalb habe ich mich relativ jung dem Trainerdasein gewidmet. Das war schon immer mein Ziel gewesen. Ich war schon als Schüler gerne Kapitän in der Fußballmannschaft und habe gerne Führungspositionen übernommen. So bin ich erst Nachwuchstrainer geworden, und schon 1993 zum ersten Mal Bundestrainer – allerdings nur für ein Jahr. Da bin ich vielleicht etwas zu schnell hochgeschossen, so dass ich mich erst noch einmal zurückziehen musste, um ein paar Jahre später zurückzukommen und eine junge Mannschaft aufzubauen.

Wie haben Sie es geschafft, so eine Kontinuität bei den Erfolgen über 25 Jahre herzustellen – gerade im Vergleich zu den Langläufern, die immer wieder einmal hinten herunterfallen?

Ich maße es mir nicht an, über die Langläufer zu urteilen, was sie anders machen sollten. Ich kann nur für die nordische Kombination sprechen: Da haben wir ein stimmiges Konzept, das sehr viele Leute tragen und das wir jedes Jahr auf den Prüfstand stellen. Natürlich hat jeder Trainer an jedem Stützpunkt seine eigene Philosophie, dennoch müssen wir alle an einem Strang ziehen. Das ist besonders nach dem Winter immer eine ganz schwierige Arbeit: Jeden Trainer zu überzeugen, dass unser Weg der richtige ist und dass er andere Dinge nicht machen soll. Beispiel Langlauf: Hier kann ich, wenn ich sehr intensiv im anaeroben Bereich trainiere, sehr schnell Erfolge erzielen. Aber diese Athleten werden überholt, wenn sie älter werden. Man muss in jungen Jahren erst einmal bei der Technik, der Kraft, der Ausdauer eine Basis schaffen. Und da muss ich als Junger ein bisschen anders trainieren als die Erwachsenen. Das hat uns ausgezeichnet: Dass die Leute, die mit 19 oder 20 zu mir kommen, noch nicht fertig sind, sondern sich noch ein paar Jahre weiterentwickeln. Genau da haben wir die anderen Nationen überholt. Das ist unser großes Plus.

Wie erklären Sie es sich, dass es beim Springen viel schwieriger scheint, konstant gut zu sein als beim Langlauf?

Das ist eigentlich ganz einfach: Wenn ich beim Langlaufen eine gute Basis habe, gibt es keine großen Unterschiede, höchstens bei schwierigen Schneebedingungen oder nicht optimalem Wachs. Auch weiß ich da mittlerweile, wie viele Trainingskilometer der jeweilige Athlet verträgt. Nach zwei bis drei Jahren kann ich einen Sportler, der bei mir trainiert, lesen. Da habe ich genügend Anhaltspunkte gesammelt, was bei dem geht und was nicht. Hier ist eher die Hauptgefahr zu überziehen. Daran gehen viele kaputt. Das Skispringen dagegen ist so eine diffizile, feinkoordinative Sportart mit sehr viel Technik und sehr viel Material, wo die Entwicklung immer weitergeht. Da kann ein Sprung, der vor zwei Jahren gut war, plötzlich nicht mehr funktionieren, weil sich eine Kleinigkeit verändert hat. Da muss man sich ständig anpassen und sehr lernbereit sein. Deshalb sind da oft große Leistungssprünge drin.

Am meisten in Erinnerung bleibt wohl dieser sensationelle Dreifacherfolg von Pyeongchang 2018. Wie haben Sie es geschafft, dass ihr Team nach Platz vier, fünf und sechs im Springen an der versammelten Konkurrenz vorbeigezogen ist?

Erst einmal zur Vorgeschichte: Im Springen waren wir kurz vor den Spielen eigentlich nicht in so einer guten Form. Aber wir versuchen da vor allem etwas über die mentale Schiene zu bewegen. Da haben wir so einen kleinen Schlüssel, dass man noch einmal den Glauben findet, dass man da ein großes Ding starten kann. Das ist uns in Pyeongchang im Springen wirklich gut gelungen. Angesichts der Konstellation vor dem Laufen haben wir schließlich gewusst: Wir können einen großen Coup landen. Wenn wir wirklich zusammenarbeiten, können wir alle drei Medaillen abfassen. Dann habe ich den Jungs in der Wachskabine gesagt: Wenn ihr erst einmal wartet, bis alle da sind, und ihr euch dann in der Führungsarbeit gut abwechselt, kommt ihr alle durch. Dann könnt ihr auf dem letzten Anstieg ausfechten, wer von euch was gewinnt. Aber ich will, dass jeder von euch mit einer Olympia-Medaille nach Hause kommt. Dann habe ich gesagt, ich gehe jetzt raus und ihr entscheidet, ob ihr das so machen wollt oder nicht. Dabei ist es so, dass natürlich mancher weiß, wenn er nicht gleich angreift, sondern es auf den Endspurt ankommen lässt, wird er nur Zweiter oder Dritter. Trotzdem haben es alle drei konsequent durchgezogen. Das war sensationell und ist das Salz in der Suppe dieses Sports.

Glauben Sie dass nach Olympia 2022 eine Zäsur in der nordischen Kombination ansteht?

Mein Vertrag geht erst einmal bis zum Ende der Olympia-Saison, ich habe mir aber vorbehalten, dass ich, wenn ich sehe, dass ich doch nicht mehr der Richtige bin, auch nach der WM in Oberstdorf schon jemand anderen ran lassen würde. Im Moment sieht es aber eher gut aus, so dass ich den Vertrag schon erfüllen möchte. Danach muss der Verband dann auch mal Farbe bekennen und sagen, ob er mich noch haben will und in welcher Funktion. Da erwarte ich, dass ich mit meinen Verdiensten nicht selbst hausieren gehen muss. Ich möchte schon spüren, dass sie gewillt sind, mir einen Job anzubieten, der mir auch Spaß macht.
© Südwest Presse 23.02.2021 07:45
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