Müssen Wartezeiten in der Arztpraxis sein?

„Zeitmanagement ist das moderne Schlagwort. Es bedeutet, effektiver Umgang mit unserer kostbaren Zeit. Unnötiges Warten wird deshalb zu Recht als unzeitgemäß empfunden. In den meisten Arztpraxen wird seit Jahren durch eine moderne Praxisorganisation versucht, die Wartezeiten zu verkürzen.
Allerdings wird die Termingestaltung auch von nicht planbaren Faktoren beeinflusst, sodass ein absolut zuverlässiges System nicht angeboten werden kann. Im Übrigen ist es nicht erlaubt, ausschließlich Terminsprechstunden anzubieten, um zusätzlich nicht angemeldete Patienten in der Sprechstunde versorgen zu können.
Das Hauptproblem für ein zuverlässiges Zeitmanagement sind jedoch die akuten Notfälle, bei denen wir vorab nicht wissen, wie viel Zeit für die Versorgung dieser Patienten erforderlich ist. Je nach Fachrichtung ist die Art und der Umfang dieser Notfälle unterschiedlich, während in den HNO-ärztlichen und augenärztlichen Facharztdisziplinen täglich eine Vielzahl von Notfällen zu versorgen sind, kann bei den Hausärzten ein dringender Hausbesuch aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung das gesamte Zeitmanagement eines Tages, trotz des Einbaus von Zeitpuffern, durcheinander bringen.
Auch wissen wir im ärztlichen Alltag oft nicht, welchen zeitlichen Umfang die Konsultation eines Patienten benötigt. Vor allem bei psychosomatischen Fragestellungen kann ein Gespräch auch eine längere Zeit dauern. Einerseits wird uns Ärztinnen und Ärzten immer wieder vorgehalten, dass wir uns zu wenig Zeit für die Patienten nehmen, andererseits werden wir ermahnt, wenn wir uns zu viel Zeit nehmen. Kein Patient wartet gern, jeder Patient erwartet aber, dass man sich gerade für ihn ausreichend Zeit nimmt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir in den Arztpraxen bemüht sind, die Wartezeiten ständig zu reduzieren, jedoch nicht planbare Ereignisse ein zuverlässiges Zeitmanagement erschweren. Darüber hinaus muss immer wieder betont werden, dass ärztliches Tun auch individuelles, situatives und kreatives Nachdenken und Handeln erfordert. Diese Arbeit lässt sich nicht 'takten'. Unnötige Wartezeiten durch unzureichende Praxisorganisation und mangelhafte Kommunikation innerhalb der Praxis sind jedoch nicht zu entschuldigen.“
Dr. med. Peter Högerle, Sprecher der Kreisärzteschaft Schwäbisch Gmünd
© Gmünder Tagespost 15.08.2007 00:00
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