Nachvollziehen?

Zur deutsche Sprache:
„Das kann ich (nicht)nachvollziehen.“ „Das ist (nicht) nachvollziehbar.“ Diese Sätze hört und liest man immer wieder von Leuten, deren tägliches Handwerk der Umgang mit der gesprochenen oder der geschriebenen Sprache ist. Es scheint die „Nachvollziehitis“ zu grassieren. Gibt es kein Mittel dagegen? Beim „Sprachpapst“ Wolf Schneider, der 2014 auf dem Schönblick in Schwäbisch Gmünd deutliche Worte zum Gebrauch der deutschen Sprache fand, bin ich fündig geworden. In seinem Buch „Deutsch fürs Leben“ schreibt er: „Das Modewort ‘nachvollziehen’ hat ein gutes Dutzend schöner deutscher Wörter ins Abseits geschoben, die früher statt dessen üblich waren: verstehen, begreifen, einsehen, einleuchten, kapieren, sich klarmachen, billigen, nachfühlen, nachempfinden. Die Verödung einer ganzen Sprachlandschaft durch ein Modewort wäre traurig genug; Doch in all diesen Bedeutungen wird ‘nachvollziehen’ auch noch falsch verwendet: Es bezeichnet nämlich kein Denken oder Empfinden, sondern ein Tun – der ‘Strafvollzug’ beweist es ebenso wie der ‘Gerichtsvollzieher’. Sollen diese Wörter gar nichts mehr bedeuten? Sollen wir keine Zusammenhänge mehr spüren, auch wenn sie derart offensichtlich sind? Wenn Berufsschreiber nicht einmal sich selber zuhören – wer soll ihnen lauschen? Nachvollziehen heißt ‘nachmachen’, und dem Politiker, der mit Schmalz in der Stimme klagt, er könne diese schrecklichen Verbrechen ‘nicht nachvollziehen’, dem sollten wir zurufen: ‘Um Gottes willen! Das hat auch keiner von Ihnen erwartet.’“ Gerhard Sittner,
Aalen
© Gmünder Tagespost 18.12.2014 22:12
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