NEUES VON DER MÖBELMESSE

Glückselig in Opas Sessel

Ursula Geismann, Trend- und Designexpertin des VDM erläutert die Trends
  • Einen Einblick in die aktuellen Wohntrends bietet die imm in Köln. Foto: pr
Es ist ziemlich genau 200 Jahre her, als in Deutschland und Teilen Europas die Zeit des Biedermeier begann. Vorangetrieben in den damaligen Metropolen Hamburg, Berlin, Wien und München setzte sich eine Bewegung in Gang, die ganz bewusst den Rückzug in die Häuslichkeit lebte. Auf politische Wirrungen und Unsicherheiten, aber auch die beginnende Industrialisierung reagierten die Menschen mit einem Rückzug in die eigenen vier Wände.
Auch heute führen Globalisierung, digitale Spionage, politische Unsicherheiten, Kriege und Flüchtlingsmigrationen zu Frustrationen und politischer Verdrossenheit und zur Flucht in das Bewährte und Kontrollierbare. Der Rückzug in das private Zuhause – wir haben das Phänomen schon länger Homing genannt – hat seinen Schwerpunkt im modernen Biedermeier gefunden. Kein Wunder, denn in unserer Zeit überholt sich alles und jeder ständig selbst. Updates nerven!
Viele kulturelle Grundsätze und Werte sind heute vergleichbar mit denen des Biedermeier. Typische Ausprägungen waren neben dem Rückzug ins Zuhause mit seiner inszenierten Dekoration von Zimmern zum Beispiel die Vorliebe für den „Ausflug ins Grüne“, die Erfindung des Tanz- und Literaturcafés, ein ausgiebiger Alkoholkonsum, ein Faible für Handarbeit, das Aufkommen von Kammermusik im vertrauten Kreis oder auch die Beliebtheit der Komödie. Beim Interieur wurden einfache, funktionale Möbel mit klaren Linien in perfekter Gestaltung und vorzugsweise aus lokalen Materialien favorisiert. Was im Biedermeier die Familie war, sind heute frei gewählte Wohngruppen oder Patchwork-Kommunen. Menschen in Großstädten inszenieren dabei mehr und mehr idyllische Dörflichkeit, um Geborgenheit in der Anonymität zu finden.
Solch ländliche Ästhetik – Nutzgärten statt Industriebrachen, Landlust statt Staufrust, Weihnachtsmärkte bis zur Schmerzgrenze – will Authentisches, Rohes und Handgesägtes, auch wenn das wirkliche Dorf heute von architektonischer Standardisierung, sozialer Kontrolle und strukturellem Konservatismus geprägt ist.
Es vollzieht sich ein leiser Wandel in den Lebenswelten, in den sozialen Beziehungen und im Alltag. Die neuen Biedermeiers – so beschreiben es die Forscher – leben politisch einen „schwarz-grünen“ Zeitgeist mit Patchworkfamilie, Dreitagebart, schicker Wohnung und Bio-Essen.

Die Deutschen lieben Möbel
Im Trend liegt alles in allem ein nostalgischer Global-Mix. Ursula Geismann, VDM
Mit einer stabilen Pro-Kopf-Ausgabe für Möbel von 384 Euro pro Jahr sind die Deutschen nach wie vor Europameister beim Möbelkauf. Hinzu kommen die Ausgaben für Accessoires und Dekorationen beim Wohnen, die mit 100 bis 150 Euro pro Jahr angesetzt werden können.

Das Feuerwerk des Wohnens
Im Vorfeld der imm Cologne 2015 hat der Verband der Deutschen Möbelindustrie wie auch in den vergangenen Jahren eine Trendbefragung bei den Ausstellern durchgeführt. Im Folgenden werden nun die wichtigsten Trends und Tendenzen im Möbel- und Einrichtungsangebot der neuen Saison 2015 beschrieben.
Grundsätzlich im Trend liegt alles in allem ein nostalgischer Global-Mix. Die Menschen wollen harmonische Formen und Farben und wohnliche Accessoires. Gegenstände werden bewusst ausgewählt und „authentisch inszeniert“. Dieses in Szene setzen heißt, dass Gegenstände nicht zufällig irgendwo hingestellt werden, sondern ganz bewusst im Raum angeordnet sind, so dass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Der Global-Mix wünscht sich dabei Einrichtungsideen und auch Möbel aus allen Weltkulturen. So entsteht kultureller Bezug und bei klassischen Entwürfen auch Zeitbezug, der Sicherheit und Identität gibt. imm
© Gmünder Tagespost 04.02.2015 16:45
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