Überfliegerin statt Eintagsfliege

Carina Vogt hat mit 23 Jahren alles erreicht: Auf den Olympiasieg folgt die Doppel-Weltmeisterschaft
  • Jung, erfolgreich und attraktiv: Carina Vogt zieht auch abseits der Schanzen die Blicke auf sich. Bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres 2014 belegte die 23-Jährige in Baden-Baden den dritten Platz. (Foto: Imago)
Vom Schülerferienprogramm zur Olympiasiegerin und Doppel-Weltmeisterin. Wenn bei einer Sportlerin das Wort „Bilderbuchkarriere“ zutreffend ist, dann bei Carina Vogt. Die Skispringerin aus Waldstetten hat in Falun ihre Kritiker eines Besseren belehrt und mit 23 Jahren alles erreicht. Trotzdem hat sie in Zukunft noch große Ziele.Schwäbisch Gmünd. 374 Tage liegen zwischen dem Olympiasieg in Sotschi und dem ersten WM-Gold in Falun. 374 Tage, in denen Carina Vogt sportlich alles erreicht hat. Und auch 374 Tage, in denen sie als Mensch unheimlich gereift ist. Die erst 23-Jährige tritt heute mit großer Souveränität auf. Das schüchterne, unsichere Mädel von einst gibt es nicht mehr. Was sie sagt, hat Hand und Fuß. Langweilige Standardfloskeln sind ihr fremd, jede Antwort ist wohl überlegt – und fundiert. Und: Ihre Lockerheit hat sie dabei nie verloren. Kurz: Carina Vogt macht Spaß.
Die 23-Jährige selbst hat dann Spaß, wenn sie mit Ski an den Füßen über Schanzen springen kann. Und da ist sie momentan die Beste der Welt. 2014 erste Olympiasiegerin in der Geschichte. 2015 Weltmeisterin im Einzel und im Mixed. Mehr geht nicht. Damit hat sie alle überrascht. Vor allem ihre Kritiker, die nach ihrem Olympiasieg zynisch von einem „Zufallsprodukt“ gesprochen haben. „Angesichts der kritischen Stimmung – Stichwort ‘Eintagsfliege’ – fühlt sich der WM-Titel einfach unglaublich gut an. Es solchen Leuten zu zeigen, dass es Schwachsinn ist, was sie gesagt haben“, sagt sie mit einer gewissen Genugtuung.
Satt ist sie deshalb aber nicht. Im Gegenteil. Vogt will mehr. Im kommenden Winter ist der Gewinn des Gesamtweltcups das formulierte Ziel. Vor allem will sie abseits der Schanzen für ihren Sport kämpfen. Will das Damen-Skispringen etablieren und eine ähnliche Popularität erreichen, wie es die Männer längst haben. Die Waldstetterin fühlt sich als Vorreiterin, und das muss sie angesichts ihrer Erfolge auch. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, sagt sie – wohl wissend, dass sie schon unglaublich viel erreicht hat. Carina Vogt ist längst das deutsche Gesicht des Frauen-Skispringens.
Dabei ist die Athletin des SC Degenfeld keineswegs eine, die den öffentlichen Rummel braucht. Und sucht. Nein, sie ist nach wie vor das bescheidende Mädel, die sich zu Hause in Waldstetten ihre Auszeiten nimmt. Und diese braucht. „Ich muss auch mal mit meinen Freundinnen und meiner Mutter Iris über etwas anderes als Skispringen reden“, sagt sie.
Das allerdings ist nicht mehr so einfach wie früher. Es ist sogar schon vorgekommen, dass wildfremde Menschen daheim in Waldstetten geklingelt und um ein Autogramm gebeten haben. Das ist der Punkt, an dem es der Skispringerin zu viel wird. Wobei sie auch sagt: „Diese Woche kam meine Kindergärtnerin vorbei und hat mir Blumen gebracht. Das hat mich wiederum riesig gefreut.“ Carina Vogt hat inzwischen die Balance zwischen öffentlicher Person und Privatperson gefunden.

Ein perfektes Comeback
Das ist mit ein Grund, weshalb Mutter Iris Recht behalten hat, als sie vor einem Jahr sagte, dass „Carina so bodenständig ist und bestimmt nicht abheben wird“. Im Gegenteil. Die 23-Jährige hat nie vergessen, wo sie herkommt. So hat sie während der WM immer wieder den Kontakt zu ihrem einstigen Degenfelder Trainer Thomas Aubele gesucht, der nach wie vor einer ihrer engsten Vertrauten ist. Und dem es mit seinen lockeren Sprüchen immer gelingt, Vogt aufzumuntern. „Thommi ist sehr wichtig für mich.“
Aubele gehört zu denen, die die 23-Jährige von Anfang an begleitetet haben. Begonnen hat alles 1998, als die damals Sechsjährige beim Schüler-Ferienprogramm der Gemeinde Waldstetten mitgemacht hat und von der 15-Meter-Schanze gesprungen ist. „Das hat mir Spaß gemacht“, sagt sie. Und ihr erster Trainer Richard Baur bescheinigte ihr von Anfang an „viel sportliches Talent“. Es ging schnell steil bergauf. Vogt feierte schon bald erste Siege im Schüler-Cup. Schnell gab aber auch Rückschläge. Beispielsweise 2007, als sie gemeinsam mit ihrem Degenfelder Vereinskamerad Jan Mayländer ans Skiinternat nach Furtwangen ging, dort aber nie glücklich wurde. Thomas Aubele erinnert sich noch genau: „Anfang 2009 kam sie zu uns nach Degenfeld zurück und wurde prompt Deutsche Vizemeisterin und Siegerin im Continental-Cup.“ Carina Vogt muss sich wohl fühlen, um Erfolg zu haben. Tut sie es nicht, geht nichts. Anfang 2010 fasste sie deshalb sogar den Entschluss, mit dem Skispringen ganz aufzuhören. Gerade volljährig, hatte sie mit Motivationsproblemen zu kämpfen. Kurz: Sie hatte keinen Bock mehr.
Losgekommen ist sie von „ihrem“ Sport aber nicht. „Carina hat mich ein halbes Jahr später angerufen und gefragt, ob sie wieder mitmachen darf“, erinnert sich Aubele. Es war ein Comeback, das erfolgreicher nicht hätte sein können: Silber und Bronze bei der Junioren-WM 2011. Bronze bei der WM 2013. Olympiasieg 2014. Und Doppel-Weltmeisterin 2015. Nun will sich Carina Vogt noch einen persönlichen Traum erfüllen. „Ich möchte einmal 200 Meter weit springen.“
Kaum einer zweifelt daran, dass die Überfliegerin des SC Degenfeld auch diese Marke knacken wird.
© Gmünder Tagespost 03.03.2015 19:10
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