Erinnerungen an die eigene Flucht

Zum Thema „Flüchtlinge“:
„Es ist ein Riesenunterschied, ob ich tausende Euro einem Schlepper zahle, damit er mich ins gelobte Land bringt, oder ob es jemand so geht wie mir, wenn ein paar grinsende Tschechen vor der Tür stehen und dir sagen, morgen früh wirst du aus deiner Heimat vertrieben! An jenem Morgen wurden meine Großmutter (Mutter hatte den russischen Einmarsch nicht überlebt und Vater war in Kriegsgefangenschaft) und ich SechsJähriger in das erste von vielen stinkenden Lagern gebracht, wo in der heißen Augustsonne Kot und Urin über den Platz lief.
Da wir erst 1946 vertrieben wurden, die ersten hatten es etwas besser, wollte uns kein Mensch mehr haben. Und so fuhren wir wochenlang in dreckigen Viehwaggons von Stadt zu Stadt, besser gesagt, von Trümmerfeld zu Trümmerfeld (Halle, Dresden, Leipzig usw.).
Erste Bleibe fand ich auf einem Bauernhof, wo ich mit meiner Großmutter über ein Jahr in einem ehemaligen Schweinestall leben musste. Erst 1947 kam ich nach vielen Umwegen ins zerbombte Bayreuth, wo ich die nächsten sechs Jahre in einer, von uns Vertriebenen selbst erbauten, Baracke zubrachte. Im Sommer heiß, im Winter eisig.
In unseren Schulklassen waren wir bis zu 53 Schüler. Aber ein ganz großes Lob an unsere damaligen Lehrer, bei denen wir sehr, sehr viel gelernt haben. Allerdings nur durch Disziplin und Fleiß. Erst 1953 kam ich nach Schwäbisch Gmünd, um endlich ein geordnetes Leben beginnen zu können. Leider musste ich bei „Null“ beginnen, da alle Hilfsgelder und Lastenausgleiche längst vergeben waren. Nach all dem Gejammer der Medien war es mir ein Bedürfnis, auch einmal meine Vertreibung aus meiner Heimat zu schildern. Gern würde ich all dies vergessen, aber das schaffe ich nicht.“
Reinfried Spidler
Schwäbisch Gmünd
© Gmünder Tagespost 16.09.2015 16:36
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