„Der Erfolg des Onlinehandels gibt uns da Recht“

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Oberbürgermeister Michael Salomo (SPD).
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Heidenheims Oberbürgermeister Michael Salomo über die Entwicklung der Großen Kreisstadt zum Logistik-Cluster, aber auch Maßnahmen zur Stärkung der Innenstadt und des Bildungsstandortes.

Heidenheim. Seit August ist Michael Salomo (SPD) Oberbürgermeister von Heidenheim. Für die aktuelle Ausgabe der Wirtschaft Regional hat ihn Redakteur Bernhard Hampp über den Wirtschaftsstandort Heidenheim befragt.

Welche aktuellen Nachrichten beschäftigen den Wirtschaftsstandort?

Das übergeordnete Thema lautet sicherlich digitale Transformation, der auch wir als Verwaltung ausgesetzt sind und die wir unter anderem im Smart-City-Projekt gemeinsam mit der Stadt Aalen umsetzen. Ferner ist derzeit natürlich das bestimmende Thema die Pandemie. Mein Eindruck ist, dass die Unternehmen die vergangenen Monate gut überstanden haben. Ich knüpfe und pflege ja seit meinem Wahlkampf und auch jetzt im Amt Kontakte zu den hiesigen Unternehmen, schließlich braucht es einen vertrauensvollen Austausch zwischen Stadt und den ansässigen Firmen. Ein weiteres Thema bildet naturgemäß die Gewinnung von Fachkräften, für uns als traditioneller Industriestandort ist das von zentraler Bedeutung. Als Teil des Transformationsnetzwerks Ostwürttemberg haben wir uns aktuell fürs Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie beworben, um den Wirtschaftsstandort langfristig noch attraktiver zu gestalten und Wirtschaftsbetriebe mit der Förderung zu unterstützen.

Welche Unternehmen prägen Heidenheim als Standort?

Wir als Stadt sind stolz auf jedes Unternehmen, das hier bei uns wirtschaftet, unabhängig der Größe, der Zahl der Mitarbeitenden oder der Branche. Wichtig ist doch vor allem, dass Menschen ihre Potenziale entwickeln und voll entfalten können – und von ihrer Arbeit gut leben können. Ich sehe, dass viele kluge Köpfe all unsere Firmen voranbringen und damit unseren Wohlstand sichern. Zwar denken viele zunächst an Voith, Hartmann, Edelmann und weitere Größen, aber Heidenheim hat eben auch eine Vielzahl an hochinnovativen Handwerksbetrieben. Das sind unsere hidden champions, die eben auch mit ihrer innovativen Arbeit dazu beitragen, dass sich Talente entwickeln und entlang der Brenz neue Patente auf den Markt kommen.

Ihr im Sommer verabschiedeter Vorgänger Bernhard Ilg hat Heidenheim mehr als 20 Jahre lang als OB geprägt. Welche seiner Ideen und Projekte führen Sie fort?

Wir modernisieren Schulen und Kindergärten, wir kümmern uns um unsere Sportstätten, rufen einen Wettbewerb zur Innenstadtsanierung aus und auch die geplante Sanierung des Rathauses und des Rathausplatzes steht weit oben auf der Liste. Zudem werden wir die Vorhaben voranbringen und umsetzen, die neuen Wohnraum in Heidenheim schaffen. Parallel arbeiten wir mit Aalen an Smart City und schaffen unter anderem mit Radwegeausbau einen Beitrag zur Mobilitätswende. Es steht also außer Frage, ob Projekte fortgeführt werden, es geht vielmehr darum, Heidenheim wie in den vergangenen Jahre auch zukunftsfähig zu gestalten und die laufenden Projekte bestmöglich zu verwirklichen.

Wo setzen Sie neue Akzente?

Kurz nach meinem Amtsantritt haben sich neue Möglichkeiten eröffnet, wie das historische Rathaus im Zentrum der Fußgängerzone – das Elmar-Doch-Haus – künftig genutzt werden könnte. Plötzlich schien es machbar, eine Gastronomie im Haus unterzubringen und zugleich neben dem Gebäude einen neuen, zentralen Platz zu schaffen und damit die Innenstadt weiter aufzuwerten. Wir haben das binnen kürzester Zeit innerhalb der Verwaltung geprüft und ich bin zum Schluss gekommen, dass wir diese einmalige Chance nutzen müssen. Ein weiteres Anliegen ist es mir, dass in unsere Stadt genug bezahlbarer Wohnraum bereit steht. Wir planen deshalb, in den nächsten Jahren etwa 1500 Wohneinheiten zu schaffen über Neubaugebiete, aber auch ganz gezielt über Nachverdichtung. Parallel dazu kümmern wir uns um die Innenstadtbelebung mit einer ganzen Reihe von Vorhaben, mit denen etwa die Verweildauer in und die Attraktivität der Innenstadt steigen wird.

Welche großen Infrastrukturprojekte möchte die Stadt Heidenheim in den kommenden Jahren anpacken und voranbringen?

Auf dem Schlossberg und damit rund um das Wahrzeichen der Stadt wird sich in den nächsten Jahren einiges bewegen. In der Nähe des Klinikums entsteht unter Federführung des Landkreises neuer Wohnraum. Außerdem werden wir in den nächsten Jahren einen noch stärkeren Fokus auf die Jugendarbeit setzen. Und gemeinsam mit unseren Nachbarkommunen Herbrechtingen, Gerstetten, Steinheim und Nattheim werden wir vom kommenden Jahr an die Stickstoffelimination in der Kläranlage Mergelstetten optimieren und gemeinsam 47 Millionen Euro dazu investieren. Eine Investition, die die Gebührenlast für die Bürgerinnen und Bürger spürbar senken wird.

Auf dem WCM-Areal steht die Erweiterung der DHBW an: Wie ist hier der Zeitplan und der Stand der Dinge?

Am letzten Montag im November werden wir in Heidenheim gemeinsam mit dem Finanzminister des Landes, Dr. Danyal Bayaz, den ersten Spatenstich für den Neubau setzen. Der Verkauf des WCM-Areal ans Land ist erfolgt. Die Planungen für die Außenanlagen laufen in enger Abstimmung mit dem Land, damit die Anlagen – darunter ein Boulevard – auf den Flächen von Stadt und Land entlang der Brenz nahtlos ineinander übergehen. Das alles ist möglich dank einer breiten Unterstützung von Unternehmen, von Landkreis und der Stadt Heidenheim, die mein Vorgänger Bernhard Ilg maßgeblich auf den Weg gebracht hat.

Wie wichtig ist die DHBW für den Wirtschaftsstandort Heidenheim?

Die DHBW ist in Heidenheim nicht mehr wegzudenken, ihr kommt eine herausragende Bedeutung zu. Mit dieser Institution findet Lehre und Forschung unmittelbar in Heidenheim statt und junge Menschen können hier studieren und zugleich in einem unserer vielen Unternehmen arbeiten. Wir bilden so langfristig Fachkräfte an der Brenz aus und sichern so bestmögliches Know-how in den Betrieben. Aktuell zählen wir 2500 Studierende, unter anderem im Studiengang Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften und weiteren wegweisenden Studiengängen, die den Anforderungen des Arbeitsmarkts heute und in Zukunft gerecht werden. Mit dem Neubau und dem Campus wir die Zahl der Studierenden weiter steigen und Heidenheim noch mehr studentisches Flair verleihen.

Der 1. FC Heidenheim ist sportliches Aushängeschild. Welche wirtschaftliche Bedeutung hat er für die Stadt?

Wir sind stolz auf den FC Heidenheim, sein Engagement in der Stadtgesellschaft und seine sportlichen Erfolge – das gilt natürlich auch für den Fall, dass es mal Rückschläge auf dem Rasen gibt. Wir als Stadt profitieren insofern, als Heidenheim mit dem Zweitligisten bundesweit Schlagzeilen macht und wir und auch der Landkreis mehr Beachtung findet. Dass der Verein auch hier Spieler-Nachwuchs ausbildet, schärft unser Profil als Sportstadt. Und die vielen Fans des FCH und die der gegnerischen Mannschaften, die nach Heidenheim kommen, nutzen die Zeit vor und nach den Spielen fürs Flanieren durch die Innenstadt oder sie nutzen touristische Angebote.

Auf dem Ploucquet-Areal, aber auch auf dem Schlossberg entstehen auf bereits genutzten Arealen neue Wohngebiete. Ist das eine langfristige Strategie der Stadt Heidenheim?

Ja, das ist unsere langfristige Strategie, die der Gemeinderat gemeinsam mit der Stadt auf den Weg gebracht hat: Nachverdichtung geht vor Neuerschließung. Wir nutzen die sich bietenden Möglichkeiten, auch in der Innenstadt. Seit 2014 hat Heidenheim insgesamt mehr als 1000 Wohnungen möglich gemacht.

Wo sind weitere größere Wohngebiete geplant?

Um nur einige zu nennen: Im Haintal und Hardtwald werden wir in den nächsten Jahren um die 350 Wohneinheiten schaffen.. Auf dem Areal Bahnlinie und Fabrikstraße sind 200 Wohneinheiten geplant, Hinter dem kleinen Bühl 150, im Brenzparkquartier etwa 100 und mit dem Neubaugebiet Reutenen Süd entstehen in zwei Bauabschnitten 100. Auch in unseren beiden Ortsteilen Großkuchen und Oggenhausen entstehen insgesamt 50 Wohneinheiten.

Im Gewerbegebiet Rinderberg hat Amazon ein großes Logistikzentrum errichtet. Etabliert sich Heidenheim mehr als Logistikstandort – und was ist hier zu erwarten?

Heidenheim als moderne Industriestadt hat sich schon in den vergangenen Jahren zu einem Logistik-Cluster entwickelt. Und der Erfolg des Onlinehandels auch im Zuge der Corona-Pandemie gibt uns da Recht, zumal sich über unsere beiden Autobahnanschlüsse optimale Verkehrsanbindungen ergeben. Wir gehen davon aus, dass dieser Sektor langfristig ein Wachstum verzeichnen wird. Das entspannt die Arbeitslosenstatistik in der gesamten Region und wir als Kommune haben selbstverständlich auch die Verantwortung, Möglichkeiten zu schaffen, damit Menschen mit verschiedenen Bildungsabschlüssen Arbeit finden.

Was wird unternommen, um die Innenstadt attraktiv zu halten?

In den vergangenen Hochphasen der Pandemie haben wir mit dem Lokalen-Onlinemarktplatz heidenheimerleben.de in Kooperation mit dem Heidenheimer Handels- und Dienstleistungsverein (H.D.H.) den Händlern ein umfassendes Angebot gemacht, um trotz der Einschränkungen die Geschäfte weiter führen zu können. Das kam bei den Handelnden und auch in der Bevölkerung gut an. Zudem hat der Gemeinderat auf Vorschlag der Verwaltung das Vorhabenpaket „Attraktive Innenstadt 2025“ beschlossen, um die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu steigern und Erlebnisräume zu schaffen. Beispielsweise haben wir ein Street-Art-Projekt auf dem Rathausplatz realisiert. Weitere Punkte sind Ideen zur Innenstadtlogistik und Vorhaben für Handel und Gastronomie, die wir in den nächsten Jahren umsetzen werden. Dazu zählt etwa das Angebot an die Gewerbetreibenden, kostenlos eine externe Beratung zu nutzen und sich so für die Zukunft aufzustellen. Zudem steht ein städtebaulicher Wettbewerb bevor, der die Innenstadt auch in Sachen Blickachsen und Gestaltung neu ordnet. Wir machen also eine ganze Menge.

Die Bundesstraßen B19 und B466 sind wichtige Achsen, aber oft überlastet – sind hier neue Lösungen denkbar oder angedacht?

Seit Langem ist ein Tunnel an der Bundesstraße 466 im Gespräch. Der könnte mit seinen 500 Metern die Innenstadt verkehrstechnisch entlasten, die Kosten werden auf 25 Millionen Euro geschätzt. Im Bundesverkehrswegeplan steht das Bauwerk im weiteren Bedarf. Wir werden aber sicherlich künftig alternative Mobilitätsangebote prüfen, um die Verkehrssituation generell zu entspannen, dazu zählen smarte Angebote und ein Fokus auf den Ausbau des ÖPNV.

Wie möchte Heidenheim die Mobilität der Zukunft gestalten?

Wir entwickeln aktuell den Verkehrsentwicklungsplan 2035 weiter, der uns hier Handlungleitlinien geben wird. Ein Teil davon wird sicherlich der Ausbau der Radverkehrswege sein. Aber wir arbeiten auch daraufhin, eine Teststrecke für autonomes Fahren in Heidenheim zu etablieren.

Welche Rolle spielt der Bereich Bildung und Erziehung?

Eine zentrale Rolle, schließlich ist das eine unserer strategischen Handlungsfelder. Dieser Bereich alleine umfasst 40 Millionen Euro, es fließen also ein Viertel des Haushaltsvolumens in jedem Jahr in Sport und Bildung. Dazu zählen noch die Stadtbibliothek, die Opernfestspiele und viele andere kulturellen Bildungsangebote. Wir haben in den vergangenen Jahren nahezu alle Schulen und Kindergärten saniert und denken bereits über Neubauten nach. Das Projekt Mittelrainschule etwa sieht eine zweizügige Grundschule mit Montessori-Profil vor, dazu ein städtisches Kinderhaus als Neubau auf dem Gelände der Grundschule. Mit einem Bauwerk werden wir die Gebäude miteinander verbinden und das besonders nachhaltig, weil das in Holzbauweise geschieht, wofür wir als Stadt auch eine Auszeichnung erhalten haben. Zugleich ertüchtigen wir die Turnhalle und versehen deren Dach mit Photovoltaik-Anlagen, um Energie zu gewinnen und dem Klimaschutz Rechnung zu tragen.

Mit dem „Dock 33“ wurde eine Einrichtung für junge Unternehmen, Macherinnen und Macher, geschaffen. Wie wichtig ist die Gründer- und Startup-Szene für Heidenheim?

Gründer und Start-Ups sind für jeden Wirtschaftsstandort von sehr hoher Bedeutung. Start-Ups greifen innovative, gesellschaftliche Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz und vieles mehr auf und entwickeln dazu Ansätze weiter. So entstehen bestenfalls neue Arbeitsplätze dank Innovationen. Das bringt Menschen in unsere Stadt und trägt zu unserem Image als junge und dynamische Stadt bei. Mit dem Dock 33 unterstützen wir diese spannenden Startphasen. Schließlich hat jedes große Unternehmen mal klein angefangen.

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