Ex-Zeiss-Chef Kaschke: Deutschland ist zu bürokratisch

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Beim BW-Bank-Unternehmerforum diskutierten Dr. Moritz Kraemer (Chefvolkswirt der Landesband Baden-Württemberg), Markus Kistler (BW-Bank) und der frühere Zeiss-Chef Prof. Dr. Michael Kaschke (von links).
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Klare Worte beim BW-Bank-Unternehmerforum auf Schloss Kapfenburg. LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer: "Die fetten Jahre sind vorbei."

Lauchheim

Deutschland ist zu bürokratisch. Entschieden wird hierzulande nach Glaubensansätzen und Dogmen. Statt Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung gibt es „gigantisch gestiegene Sozialausgaben“. Und bei Problemen ruft man nach dem Staat: Ex-Zeiss-Chef Prof. Dr. Michael Kasche kann dem aktuellen deutschen Wirtschaftsmodell wenig abgewinnen. Das wurde beim BW-Bank-Unternehmerforum auf Schloss Kapfenburg deutlich, wo außer Kaschke auch Landesbank-Chefvolkswirt Dr. Moritz Kraemer am Rednerpult stand. Statt Finanzthemen spielten in diesem Jahr weltwirtschaftliche Perspektiven und die Rolle Deutschlands die Hauptrollen. Bei allen Kritikpunkten und Negativerwartungen machten Kramer und Kasche aber auch Lichtblicke aus.

Die Ostalb war von Kaschke, von 2011 bis 2020 Vorstandsvorsitzender der Carl Zeiss AG, bislang eher diplomatische und vorsichtige Töne gewohnt. Nun hielt der Physiker, der jetzt dem Aufsichtsrat des Karlsruher Institut für Technologie vorsitzt, mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg: „Deutschland ist schon lange nicht mehr die Wachstumslokomotive der Welt, nicht einmal Europas“, sagte er und verwies auf rückläufige Gründungszahlen, extrem niedrige Start-up-Investitionen und weltweite Uni-Rankings, in denen sich nur drei deutsche Technische Unis unter den Top 50 befinden.

Angesichts von Trends wie Digitalisierung in allen Bereichen, einem neuen Verständnis von Globalisierung, der Abkehr von fossilen Brennstoffen und dem demografischen Wandel könne Deutschland nicht weitermachen wie bisher. Auf der Haben-Seite verbuche das Land viele Marktführer und Hidden Champions, eine weiterhin führende deutsche Ingenieurskunst bei guter Ingenieurausbildung, ein ausdifferenziertes Wissenschaftssystem und einen Mittelstand nahe am Kunden.

Gleichzeitig wirke Deutschland gelähmt durch Bürokratie und Staatsgläubigkeit. Der jüngst artikulierten Klage des Deutschen Beamtenbundes, es fehlten im öffentlichen Dienst rund 300.000 Mitarbeiter, hielt er entgegen: Nötig sei stattdessen ein Programm, das 300.000 Stellen im öffentlichen Dienst einspare. "Wir brauchen generell weniger Staat", sagte Kaschke. Statt Angst und Stillstand forderte er ein "völlig verändertes Mindset", eine „can-do-Mentalität“. Bei der Finanzierung von Vorhaben in Infrastruktur, Bildung und Wissenschaft solle auch auf neue Finanzierungsmodelle, etwa öffentlich-private Partnerschaften, zurückgegriffen werden.

Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, lobte zu Beginn den geräumigen Trude-Eipperle-Rieger-Konzertsaal auf Schloss Kapfenburg, um sogleich die Frage zu stellen: „Wie heizt man diesen Saal?“ Vieles hat sich geändert, Prioritäten haben sich verschoben, Prognosen sind schwieriger geworden. Kein Wunder angesichts so vieler "schwarzer Schwäne" - so nennen Ökonomen Ereignisse, die völlig unerwartet eintreten: "Pandemie, gestörte Lieferketten, Inflation, Krieg - mit keiner dieser Entwicklungen hatten wir Erfahrungen", so Kraemer.

Die derzeitige Prognose der Landesbank ist klar: Rezession. "Die fetten Jahre sind vorbei", drückte es Kraemer aus. Die Globalisierung, die weltweite wirtschaftliche Verflechtung, habe ihren Zenit überschritten. "Nur wir in Deutschland haben den Schuss noch nicht gehört und sind weiterhin auf dem Globalisierungspfad unterwegs." Schließlich sei die deutsche Volkswirtschaft einer der Hauptgewinner der starken Globalisierungstendenzen vergangener Jahre gewesen.

Drei Säulen hätten das deutsche Erfolgsmodell ausgemacht, merkte Kraemer augenzwinkernd an: "Wir importieren billiges Gas aus Russland,  verkaufen unsere Ware nach China und lassen uns von den USA verteidigen." Deutschland sei wesentlich stärker industrialisiert und exportorientiert als andere Länder und deshalb extrem abhängig von funktionierenden Lieferketten sowie der Just-in-Time-Verfügbarkeit von Komponenten. Gleichzeitig investierten die Deutschen weiterhin einen extrem hohen Anteil des Bruttoinlandsprodukt im Ausland. Handelspartner China wiederum arbeite gerade daran, selbst Export-Champion für genau jene Waren zu werden, die Deutschland bislang erfolgreich ins Reich der Mitte exportiert hat.

"Statt Resilienz wurde bei uns auf Effizienz gesetzt", sagte Kramer, der ein Erstarken geopolitischer Überlegungen und ein Ende des Multilateralismus gekommen sieht. USA oder China? Möglicherweise müsse sich Deutschland entscheiden. "Und bei dem Glück, das wir momentan haben, kommt auch noch ein kalter Jahrhundertwinter", merkte Kraemer ironisch zum Thema Energiekrise an. Andererseits könne Deutschland auch Pluspunkte verzeichnen: starke Unternehmen, eine funktionierende Tarifpartnerschaft sowie eine politische Mitte, die hält.

Staatliche Investitionsförderung, etwa um die heimische Chip-Produktion anzukurbeln, bewertet Kraemer positiv: "Wenn wir mehr Resilienz haben wollen, wird es über den Markt alleine nicht gehen“. Michael Kaschke wollte diese Ansicht in der abschließenden Diskussion nicht stehen lassen. Das falsche Eingreifen des Staats habe in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass Europa in Sachen Solartechnologie, Mikrochips und Batterieherstellung den Anschluss verloren habe.

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