Fachkräftemangel: Handwerksmeisterin Lisa König kämpft allein

+
Lisa König
  • schließen

Die 28-jährige Handwerksmeisterin wollte den Aalener Familienbetrieb Otto König Heizung und Sanitär weiterführen. Doch nun muss sie selbst langjährigen Kunden absagen: Sie hat keine Leute mehr.

Aalen

Wenn das keine goldene Zeiten für einen traditionsreichen Heizungsbau- und Sanitärbetrieb sind! Sollte man meinen. Doch für Lisa König und die vor 90 Jahren gegründete Firma Otto König in Aalen fühlen sich die Zeiten anders an. Eher so wie rostiges Blech. Die 28-jährige SHK-Meisterin wollte nach dem Tod ihres Vaters den Familienbetrieb weiterführen. Dann lief alles schief. Nun steht sie allein da und muss langjährigen Kundinnen und Kunden erklären, warum sie keine Heizungen einbaut, sich nicht um Badausstattung kümmern kann. Sie will, dass alle wissen: "Das ist kein zehnköpfiger Betrieb mehr, da sitzt nur eine Lisa König, die auf gar niemand zurückgreifen kann."

Wenn sich doch nur eine Fachkraft meldete, käme und bliebe – „das wäre der Wahnsinn“. So etwas wie ein Lottogewinn. Aber der Arbeitskräftemarkt ist leer gefegt. So muss Lisa König Kunden absagen. Telefonate erledigt ein Anrufbeantworter. "Die Bandansage ist  wöchentlich strenger geworden", sagt Lisa König. Aber was soll sie machen? Einige vertrauen seit Jahrzehnten auf den Betrieb in der Bahnhofstraße, den ihr 1993 verstorbener Opa Otto 1932 gegründet hat. "Manche fühlen sich persönlich gekränkt." Auf der Website steht: "Aufgrund massiver Umstrukturierung in unserem Familienbetrieb arbeiten wir derzeit ausschließlich laufende Aufträge und Projekte ab." Lisa König möchte das nicht mehr. Sie will endlich durchstarten. Warum hat sie schließlich auf ihr BWL-Studium die Ausbildung samt Meistertitel gesattelt?

Wenn Lisa König die Geschichte erzählt, drängt sich der Verdacht auf:  Manches ist da offenbar richtig schief gelaufen. Obendrauf türmen sich Probleme, die fast alle Handwerksbetriebe treffen. Aber von vorne. Die Otto König Zentralheizungen und sanitäre Anlagen GmbH & Co. KG wird von mehreren Gesellschaftern innerhalb der Familie getragen. Eine so zersplitterte Eigentümerstruktur sei in Handwerksbetrieben eigentlich unüblich,  sagt Lisa König. Vor Jahren sei versäumt worden, per Testament klare Verhältnisse zu schaffen. Ihre Mutter Sybille König, nun Geschäftsführerin, erbte die Gesellschafteranteile des 2020 verstorbenen Vaters Eberhard König. Dieser war kein Handwerksmeister, sondern Exportkaufmann. Er verantwortete die wirtschaftlichen Belange der Firma und besaß selbst noch einen Betrieb in Korb bei Waiblingen. Nicht weit davon, in Schorndorf, ist Lisa König aufgewachsen. Für das Handwerkliche war in Aalen ein Betriebsleiter zuständig. "Mein Vater war eine starke Führungspersönlichkeit und genoss großen Respekt seiner Mitarbeiter", sagt Lisa König. Sein Tod änderte vieles.

Das merkte Lisa König, als sie selbst im September 2021 als angestellte Meisterin in Aalen einstieg. Da war der Personalschwund schon in vollem Gange. Der erste Angestellte hatte im Dezember 2020 gekündigt. Ein weiterer ging in den Ruhestand. Der Betriebsleiter machte sich selbstständig, später ging ein weiterer Meister. Einer nahm noch einen Lehrling mit. Jeder hatte einen individuellen Grund. Das Problem: Es war kein Ersatz zu finden."Ich habe kein Netzwerk in Aalen", sagt Lisa König. Der letzte Monteur verließ das Unternehmen Ende September. Er wanderte nach Russland aus.

Viel Pech war im Spiel. Dazu kommt ein altbekanntes Problem auf der Ostalb: Gut ausgebildete Handwerker zieht es in die Industrie. Und ein relativ neues: Es kommen keine Fachkräfte mehr nach. Lisa König will den Betrieb nicht aufgeben. Er ist 90 Jahre alt, trägt ihren Nachnamen und den ihrer Mutter. Aber ganz ohne ein Team kann sie nur noch in Ausnahmefällen Wartung, Kundendienst und Kleinstreparaturen erledigen. "Es ist kaum der Rede wert, alles ist weggebrochen, neue Aufträge annehmen ist gar nicht drin."

Im September hat Lisa König eine Weiterbildung zur Gebäudeenergieberaterin begonnen. Diese soll im April abgeschlossen sein. Dann kann sie eine Tätigkeit anbieten, die sie auch alleine ausüben kann. "Das hätte ich sonst nicht unbedingt gemacht", sagt die Handwerkerin, die eigentlich keine Einzelkämpferin sein will. Vielleicht findet sie doch noch Mitarbeiter und kann wieder Bäder sanieren, Heizungen installieren und vieles mehr. Die Zeiten dafür sind wirklich gut. "Wer will und Material auf Lager hat, kann gerade jede Woche eine Wärmepumpe installieren. Und wenn man Kunden heute absagt und sie in zwei Monaten informiert, dass man doch Zeit hätte - dann nehmen sie einen immer noch mit Kusshand!"

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

Kommentare