Mehr Tempo bei Energiewende

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Auf dem Podium des Kreisentwicklungsdialog - Zukunftsforum Energie (v.l.): Ralf Bodamer, Dr. Andre Baumann, Dr. Joachim Bläse, Matthias Steiner, Raphael Montigel und Dirk Schmidt.
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Das Zukunftsforum Energie gibt einen Überblick über den Stand des Ausbaus der Erneuerbaren Energien im Ostalbkreis. Region wird zum Energieexporteur.

Aalen

Die gute Nachricht: Der Ostalbkreis ist bei den Erneuerbaren Energien führend in Baden-Württemberg. Allein 13 Prozent aller Windkraftanlagen sind hier installiert, 2,2 Prozent der Fläche ist für die Erzeugung von Erneuerbaren Energien vorgesehen; das Ziel des Landes, 2 Prozent, ist übertroffen. Die schlechte: Das wird nicht reichen für die Energiewende – bei weitem nicht. Um den Status quo zu analysieren und um Tempo zu machen bei diesem so wichtigsten Zukunftsthema, hat der Landkreis das Zukunftsforum Energie ins Leben gerufen, zu dem wichtige Experten, Akteure und Entscheidungsträger eingeladen waren. „Ohne den ländlichen Raum wird die Energiewende nicht gelingen“, sagt Landrat Dr. Joachim Bläse, der zugleich eine Diskussion über die dafür nötigen Flächen anstoßen will.

Staatssekretär Dr. Andre Baumann unterstreicht die Bedeutung der Energiewende, die für das Land Baden-Württemberg essenziell sei: „Wir wollen nicht das Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts werden.“ Genau das drohe, wenn man nicht umgehend handle. Bereits jetzt siedeln sich energieintensive Unternehmen lieber im Norden als im Süden an, der einfache Zugang zu grüner Energie lockt. „Die Nord-Länder machen kein Hehl daraus, dass sie beim Ausbau der Erneuerbaren Energie zuerst auf sich schauen. Bevor sie uns im Süden schnell an die Netze anschließen, bezahlen sie uns in Zukunft lieber über den Länderfinanzausgleich“, formuliert Baumann trocken. „Das Land befindet sich in einer schwierigen energiepolitischen Lage. Wir müssen rasch Antworten finden und schneller werden.“ Doch selbst wenn das Ziel 2050 erreicht werden würde, bleibt laut Baumann eines beim Alten: „Baden-Württemberg wird immer Energie-Importeur bleiben.“

Klar ist: Sollen Öl und Erdgas einmal ad acta gelegt werden, braucht es Strom, sehr viel Strom. „Bis 2050 dürfte sich der jährliche Strombedarf in Deutschland auf rund 1500 Terrawattstunden verdreifachen“, erläutert Ralf Bodamer, Referatsleiter beim Landratsamt, das eigens eine Task Force Erneuerbare Energien gegründet hat. Diese Menge regenerativ zu erzeugen, sei eine große Herausforderung. Die aktuelle Stromproduktion aus Photovoltaik müsse verachtfacht werden, Energie aus On-Shore-Windanlagen um den Faktor 6 und aus Offshore-Windanlagen um den Faktor 8 größer werden. Der Ostalbkreis selbst ist im Vergleich gut aufgestellt, pro Kopf wird doppelt so viel nachhaltige Energie erzeugt wie im Rest des Südwestens. Das Ausbautempo muss dennoch massiv erhöht werden, neben Flächen braucht es schnellere Genehmigungsverfahren, höhere Personalkapazitäten im Handwerk und genügend Anlagen. „Wir brauchen eine deutsche und europäische Solarmodulindustrie, um nicht von Asien abhängig zu sein“, sagt Baumann.

Wie schnell etwa der Ausbau der Windkraft in Baden-Württemberg vonstattengeht, manifestiert sich in einer denkwürdigen Zahl: Fünf. Fünf Windkraftanlagen sind laut Raphael Montigel vom Verein Erneuerbare Energien BW im ersten Halbjahr 2022 im Ländle in Betrieb gegangen. Derzeit leisten Windräder hierzulande laut des Experten 1600 Megawatt an Energie. Um bis 2040 klimaneutral zu sein, müsse der Bestand um 850 Megawatt ausgebaut werden – pro Jahr. Ähnlich ambitionierte Ziele gibt es für die Photovoltaik.

Einer der großen Hoffnungsträger, vor allem für die Industrie, ist der Energieträger Wasserstoff. In der Region haben sich vielversprechende Projekte entwickelt, etwa das Gmünder Modellprojekt H2-Aspen. Dirk Schmidt von der Eura AG gab einen kompakten Überblick zu diesen Vorhaben, zu dem auch eine Wasserstoffinitative in Ellwangen und das Logistiknetzwerk Heidenheim gehören.

Matthias Steiner ist wiederum laut eigener Aussage „der Spielverderber“. Der Geschäftsführer der Netze ODR, muss regelmäßig darauf hinweisen, dass ambitionierte Ziele das eine, das andere aber funktionierende Netze sind. „Wir brauchen massive Investitionen in den Netzausbau“, sagt er. Denn nur so könne man die vorrangig im ländlichen Raum erzeugte Energie in die Ballungsräume zu transportieren. Auch hier hemmen langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren und langwierige Verhandlungen die Pläne. An einer Stromtrasse von Ellwangen nach Nördlingen plant und baut die ODR bereits seit acht Jahren. „Allein in Deutschland müssten – defensiv geschätzt – rund 87 Milliarden Euro in das Netz investiert.“ Erfreulich sei hingegen der Wille der Bevölkerung im Netzgebiet der ODR zu Investitionen in nachhaltige Energie. Die Zahl der Anmeldungen einer PV-Anlage ist im ersten Halbjahr 2022 um 136 Prozent gestiegen. „Die Energiewende ist bei den Bürgern angekommen. Die Region wird damit immer mehr zum Stromexporteur.“

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