3,5 Millionen Euro Schaden: Bandendiebstahl bei Hartmann

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Stammsitz von Hartmann in Heidenheim.

Fünf Männer müssen sich wegen Bandendiebstahls und Betrugs verantworten, darunter zwei ehemalige Hartmann-Mitarbeiter. Es geht um einen Schaden in Millionenhöhe für das Unternehmen.

Heidenheim

Es sei "eine reife Leistung" gewesen, war der erste Kommentar des Vorsitzenden Richters Bernhard Fritsch nach dem Verlesen der Anklageschrift. Und die hatte es in der Tat in sich. Gut eine Stunde und 15 Minuten lang bombardierte Oberstaatsanwalt Oliver Knopp die Zuhörer am Landgericht Ellwangen mit Bestellnummern, Lieferdaten, Eurobeträgen, Mengenangaben und Paragraphen. Konkret geht es um Bandendiebstahl sowie banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrug.

Angeklagt sind fünf Männer, darunter zwei ehemalige Lagerarbeiter im Hartmann-Logistikzentrum in Herbrechtingen, sowie drei Unternehmer aus dem süddeutschen Raum, die sich auf den Handel mit Transportpaletten spezialisiert haben.

Das Geschäft mit den Paletten

Und so sollen die Taten abgelaufen sein: Im Zeitraum zwischen 2010 und 2015 haben der Anklage zufolge der ehemalige Leiter des Herbrechtinger Logistikzentrums und sein Stellvertreter Paletten für die Firma Hartmann bestellt, die zwar nie geliefert, aber dennoch vom Unternehmen bezahlt wurden. Dafür wurden Bestellungen sowie Lieferscheine manipuliert und zu hohe Wareneingänge quittiert, was die Zahlungen automatisch auslöste. Hunderte solcher Scheinlieferungen fanden in den fünf Jahren statt. Insgesamt geht es um etwa eine Million nicht gelieferter, aber bezahlter Paletten.

Das illegale System funktionierte auch in die andere Richtung. Bei Hartmann ausgediente Paletten wurden ohne Kenntnis der Firma von den beiden Logistik-Mitarbeitern an Palettenhändler in der Region verkauft. Auf eigene Rechnung. Der Gesamtschaden – inklusive der nicht gelieferten Paletten – für die Paul Hartmann AG: rund 3,5 Millionen Euro.

Lukrativ waren die illegalen Aktivitäten jedenfalls für die ehemaligen Mitarbeiter. Für alle Taten und über den gesamten Zeitraum hinweg sollen dem 56-jährigen ehemaligen Lagerleiter rund eine Million Euro zugeflossen sein, seinem 46-jährigen Ex- Stellvertreter rund 200 000 Euro. Vor Gericht zeigten sich beide reuig. Als Grund für sein Vorgehen nannte der Lagerleiter unter anderem Frust über seinen Arbeitgeber, die Arbeitsbedingungen und mangelnde Wertschätzung. Zudem habe er das Geld für die Finanzierung seiner Internet-Sexsucht gebraucht, die er mittlerweile aber im Griff habe.

Auf die Frage des Oberstaatsanwalts, wie das ganze System überhaupt möglich war, gab es keine langen Erklärungen. „Es gab keine Kontrolle“, so der Ex-Lagerleiter. Man habe einfach mehr Paletten bestellt als benötigt wurden. Sein ehemaliger Stellvertreter äußerte sich ähnlich. „Bei Hartmann herrschte das Vier-Augen-Prinzip.“

Drei weitere Männer, allesamt Geschäftsführer von Unternehmen, die mit Paletten handeln, saßen ebenfalls auf der Anklagebank und räumten die Taten weitgehend ein. Zwei gaben an, das in die Taten verstrickte Unternehmen 2005 gekauft zu haben. Schon damals habe neben legalen Geschäften mit Hartmann auch der illegale Geschäftszweig mit Hartmann-Mitarbeitern bestanden. Ein Verteidiger: „Das System war schon vorher etabliert, und mein Mandant ist reingeruscht. Anfangs war es verlockend. Und irgendwann wurde man gierig.“ Die fehlende Kontrolle von Seiten der Paul Hartmann AG habe es allen Beteiligten aber auch sehr einfach gemacht.

Strafen zur Bewährung?

Am kommenden Donnerstag wird weiterverhandelt. Doch schon in der ersten Sitzung äußerte sich Fritsch zum Strafmaß. Für vier Angeklagte (darunter die ehemaligen Hartmann-Mitarbeiter) prognostizierte er keine Aussetzung der Haftstrafe zur Bewährung. „Das kommt bei Schäden in Millionenhöhe nicht in Betracht.“

Allerdings sei im Vorfeld von den Verteidigern der Wunsch nach offenem Vollzug geäußert worden. „Das würde die Kammer unterstützen“, so der Vorsitzende Richter. Zur Begründung verwies er auf die Bemühungen zur Schadenswiedergutmachung. Es habe von den Angeklagten „ernsthafte Bemühungen gegeben, mit Hartmann einen Vergleich zu schließen“. Außerdem wolle man den Männern in beruflicher Hinsicht keine Steine in den Weg legen.

"Eine reife Leistung."

Bernhard Fritsch, Vorsitzender Richter

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