Neue Geschäftsmodelle für grüne Energie

+
Foto: (v.l.) Prof. Dr. Anna Nagl, Roderich Kiesewetter, Hans Peter Weber, Prof. Dr. Marcus Liebschner, Prof. Dr. Carsten Lecon, Dr. Karlheinz Bozem und Daria Kern.

Bürgerenergie-Genossenschaften sind essenziell für die Energiewende. Ein Forschungsprojekt hat nun Geschäftsmodelle für die Zeit nach der Förderung durch den Staat untersucht.

Aalen

Mit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wurden zahlreiche Bürgerenergie-Genossenschaften gegründet. Mittels der Bürgerenergie-Genossenschaften sollten sich breite Bevölkerungsschichten an EE-Anlagen, die Energie aus Wind, Sonne oder Biogas erzeugen, an der Energiewende beteiligen. Zwei Jahrzehnte wurden sie vom Staat subventioniert, mit Beginn des Jahres 2021 endet für die ersten EE-Anlagen der 20-jährige Förderzeitraum. Damit entfällt auch für die Genossenschaften die garantierte Einspeisevergütung, wodurch das Geschäftsmodell vieler Bürgerenergie-Genossenschaften ins Wanken gerät. Eine Studie, an dem die Hochschule Aalen sowie die OstalbBürgerEnergie eG mitwirkte, stellt nun mögliche Geschäftsmodelle für die Zukunft vor.

Neben dem Kompetenzzentrum für innovative Geschäftsmodelle der Hochschule unter der Leitung von Prof. Dr. Anna Nagl und der OBE mit ihrem Vorstand Hans-Peter Weber, waren an der Studie auch der Rektor der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, Prof. Dr. Bastian Kaiser, sowie die erneuerbare Energien Rottenburg eG (eER) dabei.

Um Geschäftsmodelle und Zukunftsplanungen der Bürgerenergie-Genossenschaften im Land zu erforschen, hat das Projektteam im Rahmen alle 149 Bürgerenergie-Genossenschaften in Baden-Württemberg befragt. Dazu wurden etwa Geschäftsmodelle, Leistungsspektren, Zukunftsplanungen sowie die Strukturdaten der Genossenschaften der Bürgerenergie-Genossenschaften erhoben.

Ergebnisse der Umfrage

Von den 149 Bürgerenergie-Genossenschaften in Baden-Württemberg haben sich 60 Genossenschaften (40 %) an der Umfrage beteiligt. Wie wichtig das Projekt ist, zeigt sich vor allem an einer Zahl: 83 Prozent der befragten Genossenschaften betrachten die Einspeisung von Strom nach dem EEG als Basis für ihr aktuelles Geschäftsmodell. Zwar bietet ca. die Hälfte der teilnehmenden Bürgerenergie-Genossenschaften ihren Mitgliedern noch weitere Leistungen an, diese sind aber nur in 17 Prozent der Fälle Basis des Geschäftsmodells.

Der Wegfall der Förderung beeinträchtigt das Geschäftsmodell der meisten Bürgerenergie-Genossenschaften. So erwarten 85 Prozent der Teilnehmer sehr große bis mittlere Herausforderungen für ihre Genossenschaft. Lediglich 15 Prozent sehen darin eher keine bis geringe Auswirkungen. Eine weitere Herausforderung werden in der durch die ehrenamtliche Führung der Genossenschaften zum Teil fehlenden Professionalisierung (78%) bzw. der zeitlichen (98%) und fachlichen (87%) Überforderung der ehrenamtlich Tätigen sowie der enormen Regulatorik (97%) gesehen. Zukunftschancen sehen die Organisationen unter anderem im Aufbau und Betrieb von Ladesäulen für die E-Mobilität, von Fernwärmenetzen sowie der Beteiligung an Freiflächen-PV-Anlagen und Windkraftanlagen. Vereinzelt können sich Bürgerenergie-Genossenschaften sogar den Einstieg in Mieterstrom- und Contractingprojekte vorstellen.

Worauf könnte ein nachhaltigen Geschäftsmodell gründen? So werden der Einstieg in den Stromhandel und die Direktvermarktung gesehen (80 %). Hierbei gilt es nach Meinung von 60% der Befragungsteilnehmer Anlagenbetreiber, Stromverbraucher zusammenzuführen und die Zusammenarbeit mit Kommunen, anderen Bürgerenergie-Genossenschaften, Stadtwerken und regionalen Energieunternehmen auf Basis digitaler Plattformen zu stärken. Fusionen werden mehrheitlich als nicht zielführend angesehen werden. 60% sympathisieren mit einer Solardachpflicht auf Wohn- und Firmengebäuden. Eine überragende Bedeutung (100 %) wird dem weiteren Betrieb der Ü-20-Anlagen beigemessen. 25 % der Mitglieder nehmen im Durchschnitt an der jährlichen Generalversammlung teil.

Dominante Geschäftsfelder sind PV- und Windenergie

Die hervorzuhebenden Geschäftsfelder, in denen die Bürgerenergie-Genossenschaften in Baden-Württemberg tätig sind, sind PV- und Windenergie. Die Anlagen haben meist noch eine längere Förderzeit vor sich. Im Jahr 2020 fallen nur wenige Anlagen mit geringer Leistung aus der EEG-Förderung. Ab 2028 steigt dann die Anzahl der vom Auslaufen der EEG-Förderung betroffenen Anlagen stark an und damit auch die Leistung ausgeförderten Anlagen.

Grundsätzlich zeigt die Umfrage, dass sich die Bürgerenergie-Genossenschaften zwingend intensiv um ihre Geschäftsmodelle kümmern müssen. Die einfache Einspeisung von EE-Strom gegen Einspeisevergütung für sich allein ist kein Geschäftsmodell mit Zukunft. Kiesewetter zeigte sich in seinem Schlussstatement beeindruckt, mit welchen Ideen und Ansätzen die Weiterentwicklung der genossenschaftlichen Geschäftsmodelle vorangebracht werden kann. Nach seinen Worten ist es zwingend notwendig, zum Gelingen der Energiewende die Menschen vor Ort einzubinden und dies kann kaum besser als in Form der Einbindung von Energiegenossenschaften erfolgen. Er zeigte sich überzeugt davon, dass der im Rahmen des Forschungsprojektes aufgezeigte Weg sinnvoll und zielführend ist. Er sagte zu, die Arbeit des Projektteams auch künftig nach Kräften zu unterstützen.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft Regional

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare