Was bringt das Finanzjahr 2023?

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In Zeiten wankender Börsen ist die Geldanlage keine einfache Angelegenheit.
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Galoppierende Inflation, drohende Rezession, brüchige Lieferketten, Krieg – die Vorzeichen für das Jahr 2023 stehen nicht gerade rosig. Das gilt auch für die Finanzmärkte. Dennoch ergeben sich Chancen. Ein Überblick.

Aalen.

Viel zu spät, aber aggressiv hat die Europäische Zentralbank auf die galoppierende Inflation im Euroraum reagiert und dreht seit vergangenem Jahr kräftig an der Zinsschraube. Zuletzt stieg der Leitzins im Dezember um 0,5 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent. Der an den Finanzmärkten maßgebliche Einlagensatz wurde im selben Umfang auf 2,00 Prozent nach oben gesetzt. Es ist bereits die vierte Zinserhöhung in Folge. Das hat Folgen für Anleger im Jahr 2023.

Denn nach Jahren ausbleibender Zinsen auf Guthaben, haben die ersten Direktbanken reagiert und bieten auf Festgeld und Tagesgeld wieder Zinsen an. Bei dreijährigen Festgeldanlagen sind bei diversen Anbietern sogar wieder rund drei Prozent möglich. Fürs Tagesgeld bieten einige Finanzdienstleister bis zu rund zwei Prozent Verzinsung – alle Angebote sind allerdings meist zeitlich begrenzt. Der deutsche Neobroker Trade Republic wiederum heizte jüngst den Wettbewerb ordentlich an: Für Guthaben verspricht er derzeit zwei Prozent Zinsen - allerdings nur bis 50.000 Euro. Wie lange der Zinssatz gehalten wird: unklar.

Was angesichts einer Inflation von zuletzt knapp zehn Prozent aber offensichtlich ist: Selbst steigende Zinsen gleichen den aktuellen, realen Wohlstandsverlust nicht aus. „Es ist eine gute Nachricht, dass sogar wieder ein kleiner Zins auf die Guthaben gezahlt wird“, sagt Irmgard Sachsenmaier, stellvertretendes Vorstandsmitglied der KSK Ostalb, allerdings mahnt sie: „Die Inflation wird zwar zurückgehen, aber sie wird auch in diesem Jahr deutlich über der Zwei-Prozent-Marke liegen. Insofern ist die Realzinsfalle heute tiefer als zu Nullzinszeiten.“ Sie empfiehlt daher, die bestehenden Sparformen, um Sachwerte zu ergänzen.

Die steigenden Zinsen sorgen gleichzeitig dafür, dass der Prä- und Post-Corona-Börsenboom unsanft ausgebremst wurde. Im Jahr 2022 benötigten Anleger deshalb gute Nerven. So startete zum Beispiel der DAX das vergangene Jahr bei rund 16.000 Punkte, um im Herbst bis auf 12.000 Punkte zu sinken, ehe er zum Jahresende bei rund 14.000 notierte – macht unter dem Strich ein Minus von 12 Prozent. Noch schlechter lief es für den deutschen Leitindex im Jahr 2018, als der Handelskrieg zwischen China und den USA den Index mit 18 Prozent ins Minus trieb. Mit seinen Verlusten ist der DAX allerdings in guter Gesellschaft: Der Dow Jones verlor rund 8,7 Prozent. Die Industrieländer verbuchten im Schnitt ein Minus von 8,3 Prozent an ihren Börsen.

Dennoch sind sich die regionalen Experten einig: „Im Sinne eines langfristigen Vermögensaufbaus ist die Beimischung von Wertpapieren wichtig“, erläutert der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KSK Heidenheim, Thomas Schöpplein. Auch 2022 ist die Nachfrage bei der Bank im Wertpapiergeschäft sehr positiv gewesen. Der Umsatz der KSK in diesem Bereich erhöhte sich auf 400 Mio. Euro – dies entspricht einem hohen Zuwachs von 55 Mio. Euro.

Wie die Börsen im Jahr 2023 performen werden, ist derzeit Gegenstand vieler Prognosen. Während einige Experten den Dax in Richtung 10.000 Punkte rauschen sehen, sind andere vorsichtig optimistisch - Krieg in der Ukraine, massiver Inflation, Zinserhöhungen und Rezessionssorgen zum Trotz. Eine Glaskugel besitzen auch Jochen und Dr. Jürgen Abele nicht. Doch die Inhaber der Abele Depotverwaltung sehen das Aktienjahr 2023 mit vorsichtigem Optimismus. „Die Euphorie des Jahres 2021 ist im letzten Jahr der harten Realität gewichen. Die Marktkorrektur war wichtig und überfällig. Das Jahr 2023 wird sicher volatil bleiben, aber auch wieder verstärkt Chancen bieten, da sich das Bewertungsniveau normalisiert hat“, sagt Jochen Abele.

Generell beurteilen die Aalener die Lage wie folgt: „Die Bedingungen an den Kapitalmärkten haben sich im Jahr 2022 schlagartig verändert. Ein Cocktail aus Lieferengpässen, den Lockdowns in China sowie der Ukrainekrieg haben die Inflationsraten hochschnellen lassen. Die Zentralbanken haben zwar spät, dafür aber im Rekordtempo die Zinsen erhöht“, sagt der Börsenexperte. Nun zeichne sich für Anleger ein anderes Bild. Aufgrund der höheren Zinsen würden Anleihen wieder einen größeren Part in der Portfoliogewichtung vieler Investoren einnehmen. „Während eine 10-jährige-Bundesanleihe Ende 2021 noch im negativen Bereich notierte, gibt es nun immerhin 2,2 Prozent Rendite. Eine negative reale Rendite bleibt jedoch für den Anleger derzeit gewiss. Wir bleiben daher bei unserer These, dass Aktien langfristig den besten Inflationsschutz bieten. Bei der Aktienauswahl sollte man jedoch gut aufgestellt sein.“

Dr. Jürgen Abele fügt an: „Wir befinden uns mitten in einer Zeitenwende. Viele etablierte Verhaltensmuster können wir angesichts des Klimawandels und der massiven geopolitischen Veränderungen so nicht mehr fortführen.“ Unternehmen und somit auch ihre Aktien würden sich in den kommenden Jahren negativ entwickeln, wenn sie sich nicht frühzeitig an diesen Wandel anpassen.

Einen Boom erlebten seit Ausbruch der Corona-Pandemie die sogenannten ETF-Fonds, die bestimmte Indizes automatisch nachbilden – und eben nicht die spezifischen Schwächen und Stärken von einzelnen Firmen oder Branchen berücksichtigen. In der Krise zeigte sich das als Nachteil gegenüber klassisch gemanagten Fonds: Der Verlust fällt für einige ETFs höher aus als bei den aktiv gemanagten Anlageklassen. Der Beliebtheit tut das vor allem unter jüngeren Sparern keinen Abbruch. Die Zahl der ETF-Sparpläne ist auch 2022 gewachsen, allerdings fallen die absoluten Volumina im Vergleich zu klassischen Fonds-Sparplänen eher gering aus.

„Die fetten Jahre sind vorbei“. So lautet der Befund einer Studie der Immobilienberatung Cushman&Wakefield (C&W). Das Investitionsvolumen in Gewerbeimmobilien sank 2022 gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent auf 51,7 Milliarden Euro, laut C&W der schwächste Wert seit 2015. Die C&W-Berater gehen davon aus, dass für das laufende Jahr zahlreiche Investitionen überdacht, neu bewertet und letztendlich verschoben würden. Auch das Geschäft mit privaten Baufinanzierungen ist im Zuge gestiegener Darlehenszinsen und höheren Baukosten eingebrochen, nachdem es in den ersten Monaten des Jahres 2022 überproportional zugelegt hatte.

Entzaubert wurden 2022 hingegen die Kryptowährungen. Die „Leitwährung“ Bitcoin beendete 2022 mit einem Minus von mehr als 65 Prozent. Allerdings: Historisch betrachtet notiert der Bitcoin noch immer deutlich über dem Niveau der Jahre vor 2020. Noch schlimmer erging es anderen Kryptowährungen. Zahlreiche Skandale erschütterten die Branche, von der Goldgräberstimmung der Vorjahre ist nicht mehr viel übrig. Ob die Kryptobranche 2023 in ruhigeres Fahrwasser gerät? Angesichts immer neuer Skandale und wackelnder Kryptobörsenbetreiber eher unwahrscheinlich.

Dennoch sehen zum Beispiel die Analysten der LBBW Research auch Positives. Der Zusammenbruch der Krypto-Börse FTX habe zwar endgültig gezeigt, dass der Krypto-Sektor in dieser Form keine Zukunft hat und dringend reguliert werden müsse, so eine Analyse. „Dies heißt aber nicht, dass Blockchain und Krypto per se keine Zukunft haben. Trotz aller Skandale des Krypto-Sektors trägt dieser doch ein hohes innovatives Potenzial in sich. Zu diesem gehören die Nutzung von Blockchain-Systemen für den Datenaustausch zwischen Finanzinstituten sowie die Speicherung und Verschlüsselung von digitalen Aktiva auf diesen Systemen“, schreiben sie. In Zukunft, so die Prognose, dürften vier Geldformen koexistieren: Zentralbankgeld, Giralgeld der Banken, E-Geld von regulierten Nichtbanken sowie Stablecoins als von regulierten Nichtbanken emittiertes E-Geld auf Blockchain-Basis. „Inzwischen bilden sich die ersten Netzwerke großer Banken heraus, die Stablecoins als Blockchain-basierte regulierte Verbindlichkeiten einzusetzen versuchen.“

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