Elbe-Elster Klinikum

Sexuelle Belästigung in Klinik

Frauen werfen einem Mediziner in Brandenburg sexuelle Belästigung vor. Jetzt sprechen die Patientinnen darüber. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
  • Elbe-Elster-Klinikum-Geschäftsführer Michael Neugebauer. Foto: ArchivGabi Böttcher
  • Mehrere Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen einen Arzt. Foto: © Kopytin Georgy./shutterstock.com
  • Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU). Foto: ArchivLaurence Chaperon
  • Elbe-Elster Klinikum in Brandenburg: Hier soll ein Arzt mehrere Frauen sexuell belästigt haben. Foto: Montage: LR-Archiv/Schubert/LR
Ein Klinik-Arzt im Land Brandenburg soll mehrere Frauen sexuell belästigt haben. Dies ergeben Recherchen der „Lausitzer Rundschau“ (LR) und des ARD-Magazins „Kontraste“. Die LR ist Partnerzeitung der Südwest Presse. Der Mediziner am Elbe-Elster Klinikum mit Standorten in Elsterwerda, Finsterwalde und Herzberg soll drei Patientinnen bei Ultraschall-Untersuchungen des Bauches und in einem Fall des Brustkorbs an den Brüsten und im Schambereich berührt haben.

„Er hat mich erst an meinen Ohren gestreichelt, dann den Rücken massiert, und auf einmal ist seine Hand in meine Hose gewandert“, sagt eine Frau, die im Dezember 2015 aufgrund chronischer Magenschmerzen bei dem Arzt gewesen sei. „Ich war damals wirklich sehr naiv und habe dem Arzt vertraut“, sagt die Frau. Sie nimmt einen weiteren Termin an. Wieder ohne das Beisein weiteren medizinischen Personals, sagt sie. „Ich sollte mich für eine weitere Untersuchung wegen chronischer Magenschmerzen wieder auf die Liege legen. Diesmal wollte er meinen BH aufmachen. Ich habe sein steifes Glied an mir gespürt“, sagt die damals 38-Jährige. Sie habe die Behandlung über sich ergehen lassen – wollte dann nicht mehr zu dem Arzt. Danach habe sie der Mediziner privat angerufen, um einen Termin zu vereinbaren. „Bis mein Freund rangegangen ist. Dann war Schluss“, sagt die frühere Patientin. Die Frau ist heute 43 Jahre alt. Sie habe ihr Schweigen im Jahr 2020 gebrochen, weil sie durch eine Arbeitskollegin von weiteren Frauen gehört habe, die dem Arzt ähnliche Handlungen vorwerfen und mit ihrer Ärztin Anzeige erstattet hatten. Die 43-Jährige hat ebenfalls bei der Polizei ausgesagt. Eine weitere, damals 30-jährige Frau hatte nach eigenen Angaben bei demselben Arzt nur über Beschwerden im Brustkorb und im Bauch geklagt. Sie habe die Untersuchungen als sehr unangenehm empfunden. Sie sei dabei mit dem Arzt allein gewesen. „Er sah erregt aus, als er meine Brüste massierte“, sagt sie. Warum ihre Anzeige erst viel später erfolgt sei, wird die Jüngere der Frauen von einer Polizistin gefragt. Die Antwort: „Weil man sich schämt und nicht weiß, ob das legitim ist, was er da macht.“

Die Hausärztin Stefanie Frank sagt, diese junge Frau sei die zweite ihrer Patientinnen, die von solchen Ultraschall-Untersuchungen berichtet habe. Die Allgemeinmedizinerin sagt: „Es ist unmöglich, bei Untersuchungen des Magens oder auch des Brustkorbs den Intimbereich einer Frau zu berühren. Auch nicht aus Versehen.“ Die Verfahren ihrer beiden Patientinnen sind wegen Verjährung eingestellt worden. Nach der Anzeige der heute 43-jährigen Frau hat die Staatsanwaltschaft in Cottbus ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses eingeleitet.

Die Elbe-Elster Klinikum GmbH (etwa 450 Betten, 1000 Mitarbeitende) gehört dem Landkreis Elbe-Elster. Der Lausitzer Rundschau und dem ARD-Magazin „Kontraste“ liegt ein Dokument vom September 2019 vor, in dem Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) auf eine vermeintliche sexuelle Belästigung einer Patientin hingewiesen wird. Der Landrat sagt, während seiner Dienstzeit sei ein derartiges Fehlverhalten eines Mitarbeiters in keinem einzigen Fall festgestellt worden.

Was wusste der Klinik-Chef?

Dokumente belegen, dass Klinikum-Geschäftsführer Michael Neugebauer seit mindestens September 2019 von vermeintlichen Belästigungsfällen in seinem Haus weiß. Neugebauer sagt: „Bis heute haben wir keinen einzigen Fall zu verzeichnen, in dem ein derartiges Fehlverhalten eines Mitarbeiters festzustellen war.“

Der mit den konkreten Vorwürfen konfrontierte Mediziner lässt sich von einem Anwalt vertreten. Der Rechtsanwalt des Arztes bittet um die Nennung der Namen der vermeintlich belästigten Patientinnen. Erst dann und nach Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht könne sich sein Mandant damit hinreichend befassen. Dennoch äußert sich der Jurist aber so: Die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien unzutreffend. Untersuchungen ohne das Beisein von Schwestern oder anderem medizinischen Personal führe der Arzt nicht durch. Der Mediziner praktiziert weiter.
© Südwest Presse 14.01.2021 07:45
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