Roman von Nick Hornby

Liebe in Zeiten des Brexit

Nick Hornby erzählt eine romantische wie gesellschaftskritische Geschichte aus Großbritannien: „Just Like You“ ist ein intelligentes Lesevergnügen. Von
  • Die Party ist vorbei, Großbritannien am Boden – aber in der Liebe geht noch was, in Nick Hornbys neuem Roman. Foto: Victoria Jones
  • : Just Like You. Übersetzt von Stephan Kleiner. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 22 Euro. Foto: Nick Hornby
  • Nick Hornby hat ein Gespür für Geschichten aus dem Leben. Foto: Facundo Arrizabalaga/dpa
Wie hätte Shakespeare abgestimmt? Für oder gegen den Brexit? Die 42-jährige Lucy steht im Theater in der Toilettenschlange und schaut sich die Gesichter an. Na ja, denkt sich die Englischlehrerin aus London: Wahrscheinlich hängt es davon ab, wie alt Shakespeare zum Zeitpunkt des Referendums gewesen wäre. Hätte er sein tatsächliches Alter gehabt, etwas über 450 Jahre, dann hätte er vermutlich für den Austritt gestimmt: „Je älter man war, desto weniger tolerant wurde man, deshalb wäre er wohl sehr intolerant gewesen.“

Lucy – gescheiterte Ehe, praktisch geschieden vom alkoholkranken Mann, Mutter von zwei Jungs – fühlt sich eigentlich auch schon alt. Denn ihr Freund Joseph ist nur 22, also 20 Jahre jünger. Er jobbt im Fitnesscenter, auch als Aushilfsmetzger und Fußballtrainer. Und er ist schwarz. Lucy also ist tolerant – und stimmt für den Verbleib in der EU. Aber alles ist natürlich viel komplizierter, mit der Politik und mit dem Privatleben sowieso. Bleiben, gehen?

„Just Like You“ heißt der neue Roman von Nick Hornby, dessen Handlung im Frühjahr 2016 beginnt, als in Großbritannien die Schlacht ums Referendum tobt. Und weil Hornby, der mit Romanen wie „Fever Pitch“ (über Fußball) und „High Fidelity“ (über Pop) zum englischen Kultautor aufstieg, einfach witzig wie hintergründig über die ganz normale Realität der Menschen schreiben kann, liefert sein Buch auch gesellschaftliche Wahrheiten aus dem Vereinigten Königreich unserer Tage.

Das liest sich, nach dem vollzogenen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, auch sarkastisch, wenn Lucy begreift, dass das Referendum eigentlich nur eine Gelegenheit zum Streit ist: für unterschiedliche Gruppen, die einander nicht ausstehen können oder einander zumindest nicht verstehen: „Die Regierung hätte ebenso gut eine Ja-Nein-Frage zum Nacktsein in der Öffentlichkeit oder zu Vegetarismus oder moderner Kunst stellen können . . .“

Andererseits ist „Just Like You“ zunächst mal eine wunderbare, virtuos leichthändig hingeschriebene Liebesgeschichte, die man sofort als Komödie verfilmen könnte. Da ist Lucy, die sich nach der Ehe-Katastrophe mit Paul nach einer neuen Beziehung sehnt, die sich zwischendurch mit dem renommierten Schriftsteller Michael arrangiert, aber sich zu Joseph hingezogen fühlt. Viel zu jung, wie gesagt. Fremdes Milieu. Nach Flirts in der Metzgerei engagiert sie aber Joseph als Babysitter, die fußballbegeisterten Jungs lieben ihn – und sie ihn auch; „der Rest ergab sich“.

Joseph wiederum ist empathisch, schlau, noch nicht ganz erwachsen (denkt seine Mutter), er könnte viel mehr aus sich machen, produziert clever Musik, lebt aber in den Tag hinein. Er betrachtet Lucy nicht als Sex-Trophäe, er liebt sie wirklich. Aber geht das zusammen? Auch bezüglich der Bildung? Hornby stellt das mit schönen Pointen dar. Sein Roman erinnert zuweilen an „Ziemlich beste Freunde“, wenn Joseph seiner Lucy Karten fürs Theater schenkt und er in eine völlig andere Welt hineingerät. Wobei Joseph in dieser feineren Gesellschaft einen ebenso gelangweilten Mann findet, mit dem er über Fußball, über Arsenal London reden kann.

Und wie hält es Joseph mit dem Brexit? Sein Vater ist dafür, weil er als Gerüstbauer darauf hofft, dass er ohne Ausländer mehr Geld hat. Die Mutter schüttelt den Kopf, denn ohne Kolleginnen etwa aus Polen wäre sie als Pflegerin sehr allein im Krankenhaus. Ohne Einwanderung wäre auch Josephs Familie nicht im Land. Und wie kann sein Vater nur für dasselbe stimmen wie die Rassisten um Nigel Farage? „Dass wir schwarz sind, heißt nicht automatisch, dass wir weiter zu Europa gehören wollen. Die Hälfte von diesen Ländern ist rassistischer als irgendwer hier“, sagt Joseph und erzählt Lucy, wie in Spanien schwarze Fußballstars mit Affengeräuschen beleidigt werden.

Großer Spaß

Joseph jedenfalls kann sich nicht entscheiden, er macht schlichtweg zwei Kreuze beim Referendum. Wählt aber auf jeden Fall Lucy. Und Nick Hornby wählt in einem sympathischen Roman mit sympathischen Figuren einen überraschenden Schluss. „Es war eine Zeit, in der alle schworen, anderen niemals zu verzeihen“, heißt es: das Post-Brexit-Trauma. Aber es geht noch was, menschlich. Für britische Leser muss dieser Roman wie ein Stimmungsaufheller wirken. Auch in Deutschland macht „Just Like You“ großen Spaß.
© Südwest Presse 08.01.2021 07:45
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