Interview

„Nach 2020 scheint alles möglich“

Stuttgart arbeitet auch im Lockdown an neuen Ausstellungen. Direktorin Christiane Lange setzt auf eine Mischung aus Vorsicht, Spontaneität – und Hoffnung.
  • Ein früher Rubens aus der Sammlung: „Alte Dame mit jungem Mädchen“. Foto: Staatsgalerie Stuttgart
  • Die Chefin bei der Arbeit: Kunsthistorikerin Christiane Lange ist seit 2013 Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart. Foto: Oliver Kröning Foto: Oliver Kröning
  • Edgar Degas‘ „Frau bei der Toilette“ ist Teil der Impressionisten-Ausstellung. Foto: Staatsgalerie Stuttgart
  • Joseph Beuys gestaltete seinen eigenen Raum in der Staatsgalerie. Foto: Lothar Wolleh Estate Berlin
Die stille Zeit ist noch lange nicht zu Ende. Die Staatsgalerie Stuttgart bleibt vorerst geschlossen, doch hinter verschlossenen Türen wird an neuen Ausstellungen gearbeitet – und an digitalen Angeboten. Direktorin Christiane Lange, 56, sprach mit uns am Telefon über die Erfahrungen der Corona-Zeit und die Zukunftsaussichten.

Die Staatsgalerie hat wie alle Museen ein schwieriges Jahr hinter sich. Was war für Sie das Schlimmste?

Christiane Lange: Dass wir die Kunst nicht mehr mit den Menschen teilen können. Es ist traurig, dass die Schätze, die wir haben, und die Arbeit, die wir machen, nicht mehr ihrer Bestimmung zugeführt werden können.

Viele Kultureinrichtungen zeigten sich zuletzt enttäuscht von der Politik: Sie entwickelten Hygienekonzepte – und wurden doch gleich als Erste geschlossen. Wie groß ist Ihr Frust?

Das ist ein Thema, das unabhängig von den Museen verhandelt werden muss. Es trifft jeden in seinem Bereich besonders hart, einen Gastronomen ebenso wie ein Museum oder einen Konzertveranstalter.

Ein Drittel des Jahres 2020 war die Staatsgalerie zu. Wie hoch ist der finanzielle Schaden?

Wenn wir alles zusammenrechnen, alle geplanten Einnahmen, die wir nicht hatten, dazu die höheren Ausgaben etwa für Desinfektionsmittel, kommen wir auf eine knappe Million Euro. Aber im Vergleich zu nicht-staatlichen Häusern, wo seit Monaten Kurzarbeit herrscht, sind wir privilegiert – und das sehen unsere Mitarbeiter auch.

Inwiefern?

Wir haben von Anfang an die Möglichkeit zum Homeoffice geboten und individuelle Lösungen für die gefunden, die zu einer Risikogruppe gehören oder in einer besonderen familiären Situation stecken. Man darf auch nicht vergessen: Das Ausstellen ist nur ein Teil unserer Aufgaben. Wir haben weiterhin viel zu tun. Und wir hatten das Glück, alle geplanten Ausstellungen auch zeigen zu können.

Die Impressionisten-Schau „Mit allen Sinnen!“ wurde aber nach gut zwei Wochen wieder geschlossen.

Wir konnten die Leihgeber davon überzeugen, dass wir die Bilder deutlich länger behalten dürfen. Wenn wir wieder öffnen, werden wir die Ausstellung aber in einem anderen Gebäudeteil präsentieren: Ein Flügel des Altbaus wird ab März einer größeren Baumaßnahme unterzogen. Der Umzug war im Dezember eine unglaubliche Herausforderung für die Mitarbeiter. Damals hatten wir noch die Hoffnung, im Januar wieder öffnen zu können.

Bereuen Sie, dieses Projekt nicht in die ferne Zukunft verschoben zu haben? Sie mussten wegen Corona schon das Konzept abspecken.

Hinterher ist man immer schlauer. Aber ich bereue es nicht, weil in den zwei Wochen der Zuspruch so groß war. Das hat uns gezeigt: Es lohnt sich, die Ausstellung ein weiteres Mal umzuarbeiten. Durch die Neueinrichtung wird es auch keine Warteschlangen am Eingang mehr geben. Aber uns war wichtig, dass die Räume weiter Tageslicht haben: Das Erlebnis von Impressionismus „mit allen Sinnen“ soll an den neuen Ort transferiert werden.

Muss die Staatsgalerie sparsamer bei ihren Ausstellungen werden?

Das ist völlig klar. Wir haben beim Durchkalkulieren gesagt, dass wir die geplanten Budgets noch nicht in Gänze freigeben können. Wir können noch nicht absehen, wie das Jahr wird, vielleicht bleiben wir durchgängig zugesperrt. Nach 2020 scheint einem alles möglich.

Manche sehen durch die Pandemie das Ende der internationalen Kunst-Events gekommen. Haben große Ausstellungen, wie sie die Staatsgalerie zuletzt etwa mit Tiepolo hatte, eine Zukunft?

Wir planen für 2021 ab Ende März eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys. Im Herbst folgt eine Ausstellung zum frühen Peter Paul Rubens. Dafür kommen natürlich Leihgaben von überall. Die Solidarität unter den Museen ist groß. So großzügig, wie wir Leihgaben verlängern, ob in London, Paris oder Wien, so großzügig sind auch die Kollegen.

Auch die Besucher kamen vor der Pandemie von weiter her. Kann eine Beuys- oder Rubens-Ausstellung in einer Zeit fast ohne Tourismus funktionieren?

Wir haben hier im Großraum Stuttgart zweieinhalb Millionen Menschen. Wie viele davon waren in den vergangenen Jahren ständig unterwegs und haben dann eher Ausstellungen in Frankfurt, Zürich oder Paris gesehen? 2020 kam auch zu uns ein Publikum, das schon lange nicht mehr da war und das eigene Museum wieder entdeckt. Vielleicht wird sich in Zukunft etwas verschieben.

Die Staatsgalerie hat wegen Corona einiges im Ablauf geändert. Wie haben die Besucher reagiert?

Es war erstaunlich, wie verständnisvoll unser Publikum reagiert hat. Unser Konzept mit den festgelegten Routen haben wir aber nach einiger Zeit wieder ausgesetzt. Wir haben die Adressen der Besucher, Maskenpflicht, 12 000 Quadratmeter Fläche und Aufsichten, die dafür sorgen können, dass sich die Leute nicht zu nahe kommen.

Mindestens bis Ende Januar bleibt die Staatsgalerie zu, damit wackeln auch Eröffnungstermine. Klappt alles wie gedacht?

Wir haben 2020 immer parallel in drei Varianten geplant: Es läuft wie geplant, die Eröffnung wird verschoben – oder wir müssen uns entscheiden, es gar nicht stattfinden zu lassen. Das machen wir auch für Beuys und Rubens. Spontaneität ist da eine Tugend.

Musste bei der Beuys-Ausstellung wegen Corona das Konzept überarbeitet werden?

Nein, der Beuys-Raum ist nun mal der Beuys-Raum. Wenn wir den nicht antasten wollen, müssen wir mit der Ausstellung in die Sammlungsräume der klassischen Moderne gehen. Dort haben wir breite Durchgänge, hohe Räume und gute Klimatisierung, wir sind also für alle Vorgaben gerüstet.

Die Leihgaben sind auch alle verfügbar?

Die Stücke sind alle zugesagt, sie kommen aus Deutschland. Ich sehe hier keine Entwicklung wie in England. Wir hatten unseren Bacon für eine Londoner Ausstellung versprochen. Vor wenigen Tagen haben die Kollegen abgesagt: Es wird wegen der Corona-Entwicklung keine Francis-Bacon-Ausstellung geben.

Bei Rubens könnte die Sache wegen der Leihgaben aus dem Ausland etwas spannender werden.

Da sind wir aber auch schon Ende 2021. Bis dahin hoffe ich, dass einige Millionen Menschen in Deutschland geimpft sein werden – und wir wieder rausdürfen!

Derzeit sitzen die Menschen aber noch zuhause. Wie andere Museen hat auch die Staatsgalerie ihre digitalen Angebote ausgebaut. Ist das nur Ersatzbefriedigung oder gibt es dafür eine echte Nachfrage?

Ich bin überrascht, wie sehr das nachgefragt wird, und stolz, wie engagiert unser Team digitale Angebote aufgebaut hat. Auf meinen kleinen Weihnachtsgruß habe ich fast 50 E-Mails bekommen. Ich war ganz berührt. Aber natürlich war ein Tenor dieser Zuschriften, wie schön es wird, wenn man endlich wieder die Originale ansehen kann.

Haben solche Angebote nach dem Ende der Pandemie noch eine Berechtigung?

Diese Form von medialer Präsenz ist nicht mehr wegzudenken. Die staatlichen Museen in Baden-Württemberg haben jetzt auch Stellen für die digitale Vermittlung bekommen.

Was glauben Sie: Kehren die Besucher nach der Pandemie in Scharen zurück?

Nach dem ersten Lockdown herrschte eine große Verunsicherung, aber mit der Zeit entspannte sich das. Wir waren sehr froh über das positive Feedback. Gerade wenn die Menschen geimpft sind, werden sie mit großer Begeisterung die Kulturangebote wahrnehmen. Was man lange vermisst hat, schätzt man hinterher umso mehr.
© Südwest Presse 13.01.2021 07:45
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