Literatur Belle Époque

Von Schönheit und Wahnsinn in der verlorenen Zeit

Julian Barnes hat ein erstaunliches Buch über den Gynäkologen Samuel Pozzi und die Belle Époque geschrieben: „Der Mann im roten Rock“.
  • John Singer Sargent malte Dr. Samuel Pozzi (1846-1918) zu Hause, im roten Rock. Foto: mauritius images / Alamy / Artiz
  • : Der Mann im roten Rock. Übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 24 Euro. Foto: Julian Barnes
Ein bärtiger Mann im Morgenrock, mit spitzenbesetzten Manschetten. Eine heroische Pose. Eine virile Erscheinung. Die Finger aber sind die ausdrucksvollsten Teile des edlen Porträts, jeder ist anders gestaltet. Ein Klaviervirtuose? Nein.

Julian Barnes gibt noch einen anderen Hinweis in seiner Bildbeschreibung: Die linke Hand des Mannes ist in eine der beiden Taillenkordeln des Rocks verhakt, und das Auge folgt diesen Kordeln nun bis zu einem komplizierten Knoten, an dem ein Paar pelziger Quasten baumelt. „Sie hängen eben unterhalb der Lenden, wie ein scharlachroter Stierpenis.“ Hat der Maler das so gewollt? Man weiß es nicht, aber der Amerikaner John Singer Sargent, eine Berühmtheit seiner Zeit und sehr teuer, soll ein durchtriebener Künstler der Pracht und Herrlichkeit gewesen sein. „Dr. Pozzi at Home“ heißt das Gemälde, entstanden 1881. Es handelt sich um Samuel Pozzi – und der war Arzt, ja der führende Gynäkologe Frankreichs und ein begnadeter Operateur (die Finger!), aber auch ein großer Verführer (Stierpenis!).

„Der Mann mit dem Rock“ heißt das neue Buch von Julian Barnes, seit diesem Donnerstag in der deutschen Übersetzung im Handel. Samuel Pozzi (1846-1918) ist der Protagonist – aber es ist kein biografischer Roman. Wie etwa „Der Lärm der Zeit“, Barnes' Bestseller über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch im sowjetischen Stalin-Terror. Man könnte sagen: Pozzi führte ein derart romanhaftes Leben, dass ein Schriftsteller nur eklektisch scheitern könnte an diesem Stoff. Barnes weiß das, er spielt damit, mit Fiktion und Wahrheit – erzählt aber nur Fakten. Die freilich so wunderlich erscheinen, dass man ihnen immer wieder verblüfft hinterhergoogelt.

Pozzis Ende zum Beispiel. Er operiert 1915, der Weltkrieg tobt massenmörderisch, einen Finanzbeamten, der sich Sorgen um die Krampfadern am Hodensack macht. Drei Jahre später kommt dieser Maurice Machu zu ihm in die Sprechstunde und erschießt ihn. Die Pariser Gesellschaft nimmt feierlich Abschied von Pozzi, und in der ordinären Gerüchteküche heißt es, „Docteur Dieu“ habe den Patienten absichtlich impotent gemacht, damit er selbst mit Madame Machu schlafen konnte. Absurd. Sexueller Klatsch. Eigentlich unfassbar, was die Journalisten damals so alles zusammenschrieben: brillant beleidigend, selbstreferentiell, höchst theatralisch, meistens mit einem Körnchen Wahrheit. Und was erst Edmond de Goncourt alles in sein Tagebuch notierte!

Wir sind also in der „Belle Époque“, jener Zeit zwischen der französischen Niederlage gegen Deutschland von 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg 1914-1918. Die Belle Époque ist „der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde“. Und es ist eine narzisstische, neurotische, gewalttätige Zeit.

Davon berichtet Julian Barnes pointiert. Zu seinem Personal gehören neben Pozzi der Graf Robert de Montesquiou-Fezensac und Prinz Edmond die Polignac, drei Franzosen, die 1885 in London nicht nur nobel einkauften, sondern auch den Dichter Henry James besuchten. Dazu: die nymphomanische Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Pozzi unterschiedlich verarztete. Von Marcel Proust ist viel die Rede, von Oscar Wilde natürlich. In diesem – fein bebilderten Buch – puzzelt Barnes, der einst als Lexikograph arbeitete, mit nicht zuletzt aparter Ironie ein unterhaltendes Panorama der Belle Époque. Dandys, Duelle, derangierte Geister. Affären und Skandale. Anekdoten, Zitate, Szenen aus dem großbürgerlichen (und auch gern homoerotischen) Milieu.

Erinnerungen an „1913“

Zwei Romane aus dem „Fin de siècle“ spielen zudem eine Hauptrolle in Barnes‘ Buch: „Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans und „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde, in denen viele Figuren nach erkennbar realen Vorbildern gezeichnet sind. Genau das möchte Barnes in seinem Buch nicht. So erinnert „Der Mann im Rock“ die deutschen Leser an Florian Illies' erzählerische Kulturgeschichte „1913“, in der episodenhaft die Akteure aus Literatur, Kunst und Musik auftauchen und auch Proust nach der verlorenen Zeit sucht.

Bei Barnes ist Dr. Pozzi der Mann, der alle kennt – und ein europäischer Held. Dessen Vorfahren zogen aus Italien nach Frankreich, er selbst war anglophil, ließ sich den Stoff seiner Anzüge aus London kommen, ging auf dekorative Einkaufstour, liebte das Schöne, die Kunst und die Frauen, war aber ungemein neugierig, rational, fortschrittlich, wissenschaftlich, ein Pionier der Medizin, seiner Zeit weit voraus. Er reiste um die Welt, nicht nur, um sich zu vergnügen, vielmehr saugte er wissbegierig alles auf, um die Medizin in seiner Klinik zu verbessern, zu modernisieren, um Menschenleben zu retten.

Barnes schrieb das Buch 2019, im letzten Jahr vor Großbritanniens „verblendetem, masochistischem Austritt“ aus der EU. Pozzi sei ihm oft in den Sinn gekommen angesichts der Unfähigkeit der englischen politischen Elite, sich in das Denken von Europäern hineinzuversetzen. Barnes zitiert eine Maxime seines Helden Pozzi: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz.“
© Südwest Presse 14.01.2021 07:45
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