Wie ein Krater ohne Boden

Was es heißt, den Holocaust zu überleben: Juan Gómez Bárcenas pechschwarzer Roman „Kanada“.
„Dein Haus steht noch. Du hattest die Hoffnung, dass es eingestürzt wäre.“ Mit diesen pechschwarzen Sätzen beginnt Juan Gómez Bárcenas Roman „Kanada“. Das Haus könnte in Sarajevo, in Bagdad oder in Damaskus stehen, die ersten zwanzig Seiten könnte dieser Roman überall dort handeln, wo ein Mann zurückkehrt in ein Zuhause, das es nicht mehr gibt, weil er ein Gefangener der Hölle bleibt, aus der er kommt.

Die Hölle dieses Mannes heißt „Kanada“, doch sie liegt in Polen, in einer Landschaft aus Schuhbergen, Brillenhügeln und Leichenpyramiden. Denn „aus irgendeinem Grund neigten die Gefangenen dazu, sich vor dem Tod an der Tür zu versammeln, sich dort zu verklumpen, sich zu prügeln, aufeinanderzuklettern und die Nägel und die Zähne ineinander zu schlagen, bis sie eine perfekte Pyramide formten“.

Der Mann hat das KZ überlebt, weil er im „Kommando Kanada“ die Kofferinhalte der Deportierten sortierte. In der perversen Logik des Vernichtungslagers hat er „Glück“ gehabt. Und weil es leichter fällt, davon zu erzählen, enden viele Geschichten dort, wo Bárcena anfängt: bei der Frage, wie man dieses „Überleben“ überhaupt überleben kann.

Quälende Präzision

Der 1984 geborene Spanier tut das mit derselben sprachlichen Sogkraft, die er schon in seinem Debüt „Der Himmel von Lima“ entfaltete. Und er unterwirft sich derselben quälenden Präzision, die sein Protagonist aufwenden muss, um das Zimmer zu reinigen, das er so gut wie nicht verlässt. Ein aussichtsloses Unterfangen, denn der Schmutz will nicht abgehen, der Raum ist unermesslich. „Maßlose Rechnungen“ stellt der Mann an, über die Zahl der Ameisen und über die Kubikmeter Luft im Zimmer, und endet doch immer wieder, mit tödlicher Sicherheit – in Kanada.

Juan Gómez Bárcena wählt die zweite Person Singular als Erzählperspektive. Dieses „Du“ zieht mit einem diabolischen Trick auch den Leser hinein in ein Trauma, dem alle anderen Ereignisse äußerlich bleiben. Selbst die Niederschlagung eines Volksaufstandes ist nicht viel mehr als ein Rauschen vor dem Fenster, denn innendrin klafft „Kanada“. Ein Krater ohne Boden, ein tief wühlender Text, der es auf sich nimmt, die unerträgliche Wahrheit auszuerzählen: „Dies ist das Lager: ein Äußerstes, jenseits dessen es nichts gibt.“ Lena Grundhuber
© Südwest Presse 06.12.2018 07:45
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