Orgel

„Zuhörer mit Musik glücklich machen“

Die aus Lettland stammende und mittlerweile international gefeierte Iveta Apkalna spielte schon vor Papst Johannes Paul II. und ist ein Star der Elbphilharmonie.
  • Iveta Apkalna wusste lange nicht, dass ihre beiden Großväter Organisten waren. Foto: Ko-Cheng Lin
  • Insgesamt 4765 Pfeifen hat die Orgel der Hamburger Elbphilharmonie. Während des Lockdowns wird das Instrument generalgereinigt. Foto: Peter Hundert
Die Orgel ist 2021 das „Instrument des Jahres“. Zu den international gefeierten Virtuosinnen gehört Iveta Apkalna, nicht zuletzt durch ihre Konzerte als Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie. Ihr Herkunftsland Lettland hat die 44-Jährige stark geprägt, die „singende Revolution“ zu Beginn der 90er Jahre erlebte sie hautnah.

Sie sind in der lettischen Stadt R?zekne geboren. Wie hat diese Herkunft Ihre musikalische Laufbahn beeinflusst?

Iveta Apkalna : Ich hatte das große Glück, als Lettin geboren zu werden. (lacht). Denn bei uns wird es einem quasi bereits an der Wiege gesungen, dass wir die Musik lieben. Als lettische Musiker merken wir durch die Musik sehr schnell: Das bin ich. Und daraus folgt, dass wir uns ziemlich früh für eine professionelle Musikausbildung entscheiden. Mir ging das genauso.

Wie haben Sie Ihre Ausbildung erlebt?

Alle Lehrer, die mich unterrichteten, arbeiteten mit mir perfekt zusammen. Ich bin, was meinen Lebensweg betrifft, ein sehr dankbarer Mensch, auch an den kritischeren Stellen, wo etwas hätte scheitern können – was aber nie passiert ist. Ich wusste schon mit acht Jahren, dass ich mein Leben lang Musik machen möchte. Als ich zu der Zeit ein Mozart-Konzert spielte, fühlte ich das erste Mal diese Glückshormone, was es bedeutet, wenn man in einem großen Saal die Zuhörer mit seiner Musik glücklich machen kann.

Gab es zwischendurch auch Schwierigkeiten?

Natürlich habe ich mir immer wieder einmal eine blutige Nase geholt, denn es war auf meinem Weg nicht immer nur sonnig. Aber die Menschen, die mich an die Hand nahmen, habe ich in mein Herz geschlossen, mit ihnen werde ich meinen Traum weiterleben. Ich freue mich immer, wenn ich einige dieser Weggefährten in meinen Konzerten oder in einer Wettbewerbs-Jury wiedersehe. Das ist faszinierend zu sehen, wie toll ein Musiker-Leben sich entwickeln kann.

Wie hat die Freiheit die Musikszene verändert?

Damals, zur sowjetischen Zeit Lettlands, war überhaupt nicht abzusehen, dass ich außerhalb der vorgegebenen Grenzen musikalisch einmal werde wirken können. Alle Balten, die – genau wie ich – die „singende Revolution“ hautnah miterlebten, tragen ein ganz besonderes Bild davon im Kopf. Wir können – und wollen – dieses Bild nie ausradieren! Für uns als Musiker war es plötzlich möglich, im Ausland zu studieren. Ich wäre nie Organistin geworden, wenn Lettland 1990 nicht unabhängig geworden wäre. Und ich hätte nie mit 16 Jahren für Papst Johannes Paul II. gespielt, wenn die Grenzen weiter so geschlossen geblieben wären. Insgesamt gesehen, war die „singende Revolution“ ein Komet, der durch die Welt raste. Das hat wirklich ein Zeichen gesetzt.

Haben Sie das Gefühl, unter Ihren vielen männlichen Organisten-Kollegen als Frau nun seit Jahren die Orgelszene durcheinanderzuwirbeln?

In Lettland dominieren wir Frauen die Orgelszene sowieso. (lacht) Für uns wäre also eher die Frage, warum woanders die Männer die Orgelszene dominieren. Ich konnte im Alter von acht Jahren nicht einmal erahnen, dass ich eines Tages die Gelegenheit bekommen würde, eine Orgeltaste zu berühren, weil damals das kirchlich-musikalische Leben zu Sowjetzeiten stillstand. Ungefähr bis zum sechzehnten Lebensjahr wurde mir innerhalb der Familie sogar verheimlicht, dass meine beiden Großväter Organisten gewesen waren. Meine Eltern hatten Angst, dass ich das als Kind in der Schule ausplaudern könnte, das hätte Ärger nach sich gezogen. Somit ist also etwas zutage getreten, was schon in meinen Genen angelegt war. Doch man konnte das Schicksal oder wie auch immer man es nennen mag, nicht unterdrücken. (lacht)

Sie beherrschen ja auch das Klavierspiel. Wie sehen Sie das Verhältnis von Klavier und Orgel?

Bis ich mich zwischen Klavier und Orgel endgültig entschied, habe ich beide Instrumente mehr als zehn Jahre parallel gelernt. Ich bin davon überzeugt, dass, wenn man ein guter Organist sein will, man erst einmal ein sehr guter, ja exzellenter Klavierspieler sein muss. Und jedes Mal, wenn ich diesem Phänomen im Leben begegne, sei es als Jurymitglied oder im Gespräch mit jungen Organisten, kann ich sofort sagen, ob jemand noch nie vorher Klavierunterricht genommen hatte. Es stimmt tatsächlich: Die Orgel ist so viel mehr.

Was wünschen Sie sich in Sachen Orgel für die Zukunft?

Ich habe mit meiner Sturheit, die ich aus der Region Lettgallen mitgebracht habe, immer darauf bestanden, dass die Orgel ein Konzertinstrument ist und in Konzerten zu hören sein soll. Die Orgel soll wieder mehr gesehen und respektiert werden. „Gesehen“ meine ich im wortwörtlichen Sinne, denn man nimmt besser wahr, was man mit seinen Sinnen hört und sieht. Genau dafür habe ich immer mein Bestes gegeben.

Man hat Sie auch einmal als „das schwarze Schaf der Orgelszene“ bezeichnet.

Natürlich hat es mich im Laufe meiner Karriere innerlich sehr getroffen, wenn solche Dinge über mich gesagt wurden. Aber ich habe an mein Instrument geglaubt und weitergemacht. Und das hat sich ausgezahlt. Früher war die Orgel sogar ein Entertainment-Instrument. Im alten Griechenland und antiken Rom wurde sie open air in riesigen Arenen gespielt. Erst später, im Mittelalter, kam es zur kirchlichen Fokussierung der Orgel. Deshalb vertrete ich die Meinung: Man darf alle Instrumente, egal ob kleine Flöte oder große Orgel, überall spielen und hören. Jetzt ist die Orgel wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt – und das ist gut. Denn die Orgel lebt und gehört dazu.
© Südwest Presse 12.01.2021 07:45
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