Als der Kalte Krieg noch regierte

Museum Die Unternehmer Petra und Manfred Reuter kauften den Bundesbank-Bunker in Cochem. Hier wurde Ersatzgeld unter strengster Geheimhaltung gelagert. Heute gibt es Führungen.
  • Foto: Albers

Ein Geheimnis aus dem Kalten Krieg ist jetzt ein attraktives Ausflugsziel geworden: der ehemalige Bundesbank-Bunker in Cochem. Nie davon gehört? Na, das sollte auch keiner. Im Jahr 1962 kaufte die Bundesbank in Cochem, an einem kleinen Wohngebiet am Steilhang über der Mosel, ein Grundstück mit zwei Häusern und nutzte sie als Schulungsheim. Allerdings war die Baustelle ungewöhnlich. Zwei Jahre lang rückten Baukolonnen mit schwerem Gerät an, erschütterten Detonationen von morgens bis abends die Nachbarhäuser.

Was da gebaut wurde, kann man erst seit 2016 besichtigen. An einem ehemaligen Garagentor beginnen die Führungen, die gleich über eine Treppe in die Tiefe führen. Schwere Stahltüren, ein langer Gang mit Leitungsrohren, eine Kammer mit Atemmasken und Schutzanzügen - ein stattliches Bunkersystem tut sich da auf, 30 Meter tief in den Berg getrieben. Das war auch die Erklärung für die neugierig gewordenen Anwohner: Hier werde ein Atomschutzbunker gebaut. Nicht ganz falsch –nur ging es gar nicht um Menschen, die hier geschützt werden sollten. Gebunkert wurde hier vielmehr Geld: 15 Milliarden Mark. In Scheinen, die allerdings etwas anders aussahen als die damals gewohnten.

Falls die D-Mark wertlos ist

Der Anlass für die ganze Operation liegt eigentlich im Dritten Reich. Die SS hatte im KZ Sachsenhausen eine Fälscherwerkstatt eingerichtet, die so massenhaft britische Pfund fälschte und auch in Umlauf brachte, dass sich zeigte: Mit Massenfälschungen lässt sich eine Währung und damit die ganze Wirtschaft eines Landes zerrütten.

Genau das trauten die Deutschen im Kalten Krieg ihren Gegnern im Osten zu. Sollte „der Russe“ Westdeutschland mit Blüten überschwemmen und damit die D-Mark wertlos machen, hätten die Frankfurter Währungshüter von Cochem aus die neue Währung verteilt.

Acht Tonnen schwere Tresortür

Dazu musste sie erst mal in Cochem sein. Zehn Jahre lang kamen kleine Transporte, verteilt über alle Tages- und Nachtzeiten und auf verschiedene Tage – Geheimhaltung! – vor das Garagentor. Vom Schulungsheim, das zur Tarnung betrieben wurde, kam der Leiter, der Einzige, der in die Doppelexistenz eingeweiht war.

Die Geldpäckchen – in Geheimschichten von einem Spezialteam in der Bundesdruckerei hergestellt – wurden durch die Gänge zum Tresorraum gebracht. Zwei Meter dicke Wände und eine Tresortür von acht Tonnen sicherten ihn. Innen teilten Gitterboxen, mit mehreren Schlössern gesichert, Abteilungen für die einzelnen Scheine auf. Der Rundgang durch das ganze Bunkersystem zeigt, wie aufwendig an alles gedacht wurde. „Geld spielte da keine Rolle“, erzählt die Bunker-Führerin. Ein ganzes Netzwerk von Sensoren überwachte die Anlage. Als der Heimleiter sich einmal zum Trompete-Üben in den Bunker verzogen hatte, stand prompt ein Großaufgebot der Polizei vor dem Bau.

Vollkommen autark

Geld spielte da keine Rolle.

Elisabeth Holzmeier
Bunker-Führerin

Zum Bunker gehört eine Technik, die den Bunker autark machte. Tanks für 18 000 Liter Diesel waren ebenso eingebaut wie eine Wasseranlage, die im Notfall sogar Urin in etwas Trinkbares umgewandelt hätte. Filter schirmten die Luftanlage gegen Radioaktivität ab. Und alle Leitungen waren auf Federn gelagert, um den großen Atom-Rums bruchfrei zu überstehen. Auch deshalb war der Bunker in den Moselsteilhang gebaut worden. Eine Druckwelle wäre oberhalb des Tales darüber hinweggefegt.

Aber schon in Krisenzeiten rückte ein Bundesbank-Team an und mimte im Schulungsheim den Lehrkörper. Um schnell im Bunker zu sein für die Hauptaufgabe: die neue Währung aufzuteilen für die ganze Bundesrepublik. Deshalb hat der Bunker auch Schlafräume, Küche, einen Kommunikationsraum mit Fernschreibern und einen Arbeitsraum mit dem Charme eines 60er-Jahre-Büros.

Die Leitz-Ordner mit der Aufschrift „Deutsche Bundesbank Ausgabe der Ersatzwährung Cochem“ für die Filialen in vielen Städten stehen heute noch auf den Tischen. Das Erstaunlichste an der ganzen Anlage ist aber: Die sonst so allwissenden Ost-Geheimdienste haben wohl von dem ganzen Unternehmen nichts mitgekriegt, genauso wie die deutsche Öffentlichkeit. Und so ist es dann auch in aller Stille beendet worden. 1988 wurden die ganzen 15 Milliarden geschreddert.

40 Milliarden zu wenig

Denn das Geld, das 1962 noch dem ganzen Barbestand in Westdeutschland entsprach, hätte längst nicht mehr eine Volkswirtschaft zum Laufen bringen können. Mindestens 40 Milliarden hätten nachgedruckt werden müssen. Außerdem hatte sich die politische Lage deutlich entspannt. Und: Das Ersatzgeld war selbst nicht mehr fälschungssicher.

Das Ganze mutet doch arg handgestrickt an, nicht nur wegen der wollenen langen Unterhosen, die für den nuklearen Winter eingelagert waren. „Stellen Sie sich mal Krieg vor“, sagt die Führerin. „Ob die Beamten von Frankfurt hierhergekommen wären? Ob man das Geld hätte verteilen können?“

Später nutzte die Volksbank den Bunker, bis im Jahr 2014 Petra und Manfred Reuter, Busunternehmer aus dem nahen Treis-Karden, den Bunker gekauft und als Museum hergerichtet haben – und durch diese Privatinitiative ein Stück Zeitgeschichte bewahrt haben.

© Gmünder Tagespost 23.02.2018 09:44
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