Bayerns schönste Ecken sind Blau

Inspiration Die Gegend um Murnau mit dem Staffel- und dem Riegsee wird bestimmt durch wechselnde Lichtstimmungen, wie sie die Maler des Blauen Reiters liebten.
  • Foto: Jochen Müssig

Es war nicht ein Weißbier zu viel. Es war auch keine Halluzination. Auf dem Riegsee hatte sich ein 100 mal 30 Meter großes Stück Festland eigenständig gemacht und schipperte als Insel über den See – samt seiner Bäume und Sträucher! Als seien die Seen Konkurrenten, wollte der Staffelsee ebenfalls punkten. Gefunden wurde ein riesiger Süßwasserschwamm. Ein einzigartiger Fund in Europa, denn nur im Baikalsee existieren weltweit noch andere Süßwasserschwämme.

In Sachen Kunstgeschichte war der Staffelsee freilich schon immer Primus. Für ihn und seine umliegenden Moore interessierte sich die Künstlerkolonie des Blauen Reiters, die 1911 von Wassily Kandinsky und Franz Marc gegründet wurde. Ihr Ziel war die Befreiung von der erstarrten Tradition der akademischen Malerei. Die Landschaft inspirierte sie. Und so machten sie Murnau und das Blaue Land zu einem Zentrum expressionistischer Kunst. An seine Ufer kamen nicht nur Maler, sondern auch Komponisten und Schriftsteller. Die Atmosphäre, die Kandinsky, Marc und Co. in ihren Bann zog, öffnete auch bei Literaten neue Sichtweisen. „Kasimir und Karoline“ wurde an den Gestaden des Staffelsees geboren.

Der Schöpfer, Ödön von Horváth, lebte zwischen 1923 und 1933 in Murnau, ehe er ins politische Exil musste. Heute zählt der Dramatiker zu den wichtigsten Repräsentanten des literarischen Expressionismus.

Bis heute lockt das Murnauer Moos, mit einer Fläche von mehr als 30 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Moor Bayerns, Künstler an. Rita de Muynck ist eine von ihnen. „Ich arbeite in der expressiven Tradition mitten auf dem Land, wo Kandinsky und seine Schülerinnen ihren ersten Land-Malaufenthalt abhielten“, sagt die gebürtige Flämin. „Es ist wahr, was Kandinsky meinte, das Licht hier sei für die Malerei sehr förderlich. Denn es hat starke, farbige Schlagschatten und ist auch an trüben Tagen intensiv. Die expressive Malerei musste hier entstehen.“ Kunst und Natur gehen scheinbar eine fantastische Symbiose ein.

Das „Baumgedächtnis“

Vor einigen Jahren hat Rita de Muynck gefällte Linden, die auf dem Weg zum Münter-Haus in Murnau lagen, aufgekauft. „Diese Linden sind monumental, sie sind 110 Jahre alt und müssen Gabriele Münter und Wassily Kandinsky täglich gesehen haben.“ Sie legte mit dem Werk „2 Riesen“ das „Baumgedächtnis“ frei, wie de Muynck sagt, indem aus Teilen dieser Linden die Porträts von Münter und Kandinsky geschnitzt wurden.

Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.

Paul Klee
Maler

Kennengelernt haben sich die beiden im Moos. Mit dem Fahrrad ging es hinaus aufs Land, raus aus dem Atelier, Natur aufsaugen. Und der Herr Lehrer, Wassily Kandinsky, muss wohl zum Spaß nach der Lenkstange einer Schülerin gegriffen haben. Beide kamen zu Fall – und sich näher. Die Schülerin hieß Gabriele Münter und wurde seine Geliebte.

Wie modelliert und Blau getönt

Häufig wirken die Seen und Moore, die Wälder und Wiesen, ja sogar die Alpenkette im Süden wie modelliert und mit weichem Blau getönt. Paul Klee sagte: „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ Murnau ist mit seinem südlichen Flair, Fußgängerzone, Straßencafés und Wirtshäusern das touristische Zentrum des Blauen Landes.

Sieben weitere Orte, allesamt im Einzugsbereich der beiden Seen Staffel- und Riegsee gelegen, ergänzen die Region, in der Lüftlmalereien vor zackengekrönten Bergwänden als Kulisse ebenso zu sehen sind wie Mädchen im Dirndl und Buben in Lederhosen. Und da essen doch tatsächlich auch ein paar Männer mit Gamsbarthüten dicke weiße Würste und trinken Bier aus riesigen Maßkrügen – und das am frühen Morgen. Ein bisschen fühlt man sich wie Crocodile Dundee in New York: Es ist alles ein bisschen anders als zu Hause.

© Gmünder Tagespost 11.05.2018 13:43
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