Cool surfen auf dem Vulkan

Extremsport In Nicaragua können Touristen einen aktiven Vulkan auf einem Holzbrett hinabsausen. Wem das zu dramatisch ist, der kann wandern.
  • Foto: Bernadette Olderdissen

Morgens um acht holen Lastwagen die Abenteuerlustigen ab. Ziel: der 728 Meter hohe, 1850 entstandene und 1999 letztmals ausgebrochene Cerro Negro, 25 Kilometer von León entfernt. Denn selbst in Nicaragua, dem „Land der 1000 Vulkane“ gibt es nur einen, der besurfbar ist – ebendiesen.

Mit Mini-Bar-Türen begann es

Angeblich stammt die Idee des Vulcano Boarding von dem Australier Darryn Webb, der den schwarzen Berg mit Minibar-Türen bezwingen wollte. Am Ende setzten sich Holzbretter mit Metallböden und Halteschnur durch. Tüv-geprüft wirkt das Ganze allerdings nicht. Ab gut 20 US-Dollar ist man dabei, für 30 Dollar gibt es zu Transport, Ausrüstung und dem versprochenen „ride of a lifetime“ noch ein Andenkenshirt dazu.

Mittelamerikas jüngster Vulkan ist ein baum- und pflanzenfreies Ungetüm, bedeckt von dunklem Gestein. Jeder bekommt einen Rucksack mit Handschuhen, Taucherbrille und Anzug – dem Aussehen nach aus Guantanamo importiert. Was man eben braucht, um vom Vulkan zu purzeln. Der steile Aufstieg über Lavagestein und Felsbrocken mit dem acht Kilo schweren Brett unterm Arm dauert 45 Minuten. Je höher es hinaufgeht, desto feiner werden die Steine und desto heißer die Erde, an einigen Stellen tritt sogar schwefelhaltiger Rauch aus dem Boden. Endlich am Gipfel angekommen, eröffnet sich ein grandioser Weitblick über die grüne Landschaft.

Bis zu 90 Stundenkilometer

Die Abfahrtspiste liegt auf der Vulkanseite, an deren Fuß die Touristen-Lastwagen parken. Sie mit der Größe von Ameisen zu vergleichen, wäre noch übertrieben. Die Guides führen auf dem Trockenen vor, wie man ein Holzbrett einen Vulkan hinuntersteuert. „Wenn ihr nicht abbremst, könnt ihr bis zu 90 Stundenkilometer schnell werden“, warnt Guide Alberto, der das Vergnügen selbst erst einmal ausprobiert hat. Er müsse schließlich fotografieren. „Ich würde ab der Mitte verlangsamen, unten werden die Steine größer.“ Es ist mucksmäuschenstill, als die Gefangenenanzüge übergestreift und Taucherbrillen angepasst werden.

Schreien und Lachen verkneifen

Darf ich präsentieren: der Schlund des Teufels.

Danilo
Touristenführer

Schon rast die erste Gestalt in Gelb in einer enormen Staubwolke in die Tiefe. Der provisorische Schlitten gewinnt an Fahrt, die Bein-Bremsen wollen nicht richtig funktionieren. Schreien oder Lachen sollte man sich verkneifen, sonst steckt das Gestein schnell im Hals. Manch einer überschlägt sich, doch die meisten kommen mit ein paar Schrammen kurz vor knapp zum Stehen. Schwarze Schuppen krönen die Köpfe, Asche hat sich bis in die letzten Körperritzen gestohlen. Anne aus Kanada bringt es auf den Punkt: „Einmal im Leben kann man das machen.“

Wer sich die gröbste Vulkanasche vom Leib gespült hat, kann von León, einer der vulkanreichsten Gegenden Nicaraguas aus gleich das nächste Abenteuer angehen: eine Besteigung des 1061 Meter hohen Telica zum Sonnenuntergang. Er gilt als einer der aktivsten Feuerspucker. Die letzten Aschewolken hustete er 2011 und sorgte dafür, dass 60 Dörfer in der Umgebung evakuiert wurden. Derzeit köchelt und brodelt es jedoch nur im Schlund, so dass Vulkan-Hungrige wieder hinauf und sogar eine Nacht im Camp nahe dem Gipfel verbringen dürfen.

Nichts für schwache Mägen

Schon die Jeep-Fahrt zum Ausgangspunkt der Kraterwanderung ist nichts für schwache Mägen. Sturzregen verwandelt in der Regenzeit manche Pfade in reißende Bäche und lässt das Vulkansurfen dagegen harmlos erscheinen. Schon nach wenigen Kilometern auf dem Wanderweg beginnt es zu stinken – immer beißender, je höher man steigt. „Geht nicht zu nah an den Rand, ich hole euch da nicht wieder raus“, warnt der Guide kurz vor dem Krater. Ein Blick in den Abgrund reicht den meisten ohnehin. In 120 Meter Tiefe, wo die schwefelhaltigen Schwaden herkommen, öffnet sich die Erde und legt den Blick auf die glühende Hölle darunter frei. „Das ist, als würde man über Tausenden von faulen Eiern stehen“, kommentiert eine Teilnehmerin mit zugehaltener Nase. Doch selbst wenn der Sonnenuntergang vernebelt bleibt, sorgt die hereinbrechende Nacht für beste Sicht auf die köchelnde Erde.

Ein ganzes Stück weiter südlich, zwischen der Hauptstadt Managua und Granada, befindet sich der meistbesuchte und gerade nachts spektakulärste Vulkan. Er ist benannt nach dem gleichnamigen Ort Masaya und zählt wie der Telica zu den aktiven, noch Feuer speienden Vulkanen. Bereits um 18 Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, stehen die Minibusse vorm Eingang in den Nationalpark Schlange.

„Darf ich präsentieren - der Schlund des Teufels“, scherzt Danilo, der jeden Abend Besucher nach oben fährt. Den Spitznamen „Höllenschlund“ bekam der Vulkan schon von den spanischen Eroberern im 16. Jahrhundert. Die indigene Bevölkerung nannte ihn dagegen Popogatepe, brennender Berg. Jede Eruption galt als Verärgerung der Götter. Unzählige Touristen balancieren den schmalen Grat entlang - dass angeblich noch niemand hineingefallen ist, gleicht einem Wunder. Im Gegensatz zur sechs mal elf Meter großen Caldera des Masaya scheinen die köchelnden Herde des Telica geradezu armselig. Im Masaya brutzelt es nicht nur, die rote Hölle quillt über. Doch um auf den Wiederausbruch des Vulkans, der gefühlte zwei Stunden entfernt ist, zu warten, reichen 20 Minuten auf der Spitze nicht aus. Außerdem warten in Nicaragua noch genug weitere Abenteuer.

© Gmünder Tagespost 09.03.2018 16:16
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