Dem schönen Skifahrer-Himmel so nah

Südtirol Ski fahren auf leeren Hängen? Das geht, wenn man sich kurz unter dem Gipfel einquartiert und morgens früh losfährt. Möglich ist das in der 2800 Meter hoch gelegenen Lagazuoi-Hütte.
  • Foto: Mauritius

Halb drei in der Nacht. Schlafen? Für viele kein Gedanke. Die Luft ist dünn auf knapp 2800 Metern, die enge Kammer mit den Stockbetten erinnert an ein Schullandheim, und dann noch der Rotwein am Abend. Alkohol und dünne Luft sind Gift für ruhigen Schlaf und fördern auch noch das Schnarchen. Aber dafür sollen die Gäste in vier Stunden mit einem Spektakel belohnt werden, das die Nacht im Bettenlager vergessen lässt. Sonnenaufgang über den Dolomiten. Danach steht eine 13 Kilometer lange Abfahrt nach Armentarola auf dem Plan. Und das, bevor die erste Gondel vom Falzarego-Pass herauf andere Skifahrer ausspuckt. Da sind die Gipfelschläfer schon wieder auf dem Weg ins Tal.

Die Trommelfelle knacken

Die Lagazuoi-Hütte ist nur ein paar Kilometer von den umtriebigen Skizentren in Alta Badia wie St. Kassian oder Corvara entfernt, aber eine andere Welt. Mit dem Mini-Taxi geht es von St. Kassian hinauf auf den Falzarego-Pass. Dort ist die Grenze zwischen Südtirol und Belluno, am anderen Ende der Bergstraße liegt Cortina d’Ampezzo. Von der Passhöhe führt eine Gondel hinauf auf den Lagazuoi. 800 Höhenmeter fast senkrecht nach oben, das Seil hängt komplett frei, nur eine Station unten und eine oben. Die Trommelfelle knacken, das Herz pocht und das nicht nur wegen der dünnen Luft. Wer Höhenangst hat, sollte besser in der Mitte stehen. Oder die Augen schließen. Oben pfeift der Wind, die 30 Meter mit Gepäck von der Bergstation über metallene Stufen hinauf zur Hütte schlauchen. Ganz schön wenig Sauerstoff hier. Rein in die Hütte, Rucksack aufs Stockbett. Hüttenwirt Guido Pompanin erklärt die Regeln: Das Lager mit bis zu zwölf Betten pro Kammer ist im Parterre, oben über dem Gastraum gibt es Zwei- bis Vierbettzimmer. Duschen hat es nur unten. Wer es wagt, braucht viel Gefühl für die richtige Stellung des Mischers. Zwischen kochend heiß und eiskalt liegen nur einige Millimeter.

Am Abend gibt es Lieder

Draußen auf der Terrasse fliegen die Krähen gewagte Kombinationen, drinnen zeigt der Koch, warum Südtirol kulinarisch so oft gelobt wird. Spinatknödel mit frischem Parmesan, Tagliatelle mit Pilzen, Rinderfilet mit Ratatouille. Dazu schwerer Lagrein. Im Sitzen ist die dünne Luft nicht zu spüren und es vergeht kaum ein Abend, an dem nicht einer nach der Gitarre fragt. Die Akkorde C, F und G reichen für alle Lieder. Hier oben leben die 1970er Jahre, obwohl das Handy vollen Empfang hat. Ein Gast beherrscht sogar a-Moll auf den Saiten. Das reicht für „House of the Rising Sun“.

74 Plätze hat die Hütte, meist kommen Gruppen, erzählt Pompanin. Aber auch Familien, die für eine Nacht dem normalen Skitourismus entfliehen wollen. So gegen Mitternacht wird es ruhig in der Stube.

Wasser kocht unter 100 Grad

Wer die Sonne aufgehen sehen will, muss früh raus. Frühstück gibt es von halb acht an eine Stunde, die Eier muss man sich selbst im Wasserbad kochen. Aber acht Minuten, sonst sind sie wässrig. Hier oben kocht Wasser weit unter 100 Grad. Aber jetzt erst noch schlafen. Die enge Treppe hinauf zu den Kammern wirkt steiler als am Nachmittag. Nicht jeder schafft das noch. Es kommt vor, dass einer auf der Eckbank in der Stube schläft, weil er vergessen hat, in welcher Kammer denn nun sein Rucksack steht. Zähneputzen mit kaltem Wasser, draußen heult der Wind. Tausende Sterne, ganz nah, aus den Tälern blinken die Lichter der Skiorte. Dann ist Ruhe, wenn man davon reden mag. Der Schlaf ist für Flachländer nur leicht. Der Lagrein stresst den Puls, für Menschen mit Herzphobie ist das hier nichts.

Bei minus 15 Grad aufstehen

Endlich 7 Uhr. Die Gäste wälzen sich aus den Betten, Katzenwäsche, rein in die Skiklamotten und bei minus 15 Grad auf die Terrasse. Ganz nah am Himmel, Wolkenfetzen werden langsam rötlich, die Sonne spitzt hinter den Bergriesen. Ein schnelles Frühstück in der Hütte und raus auf die Piste, die sich als perfekt gewalzter Schneeteppich durch eine zerklüftete, hochalpine Landschaft präsentiert. Carven, wie wenn man mit einem Messer Butter schneidet.

Zurück in die moderne Skiwelt

Aber hier ist noch keiner. Vorbei an einem gefrorenen Wasserfall, ein letzter Steilhang, dann wird es immer flacher, die letzten zwei Kilometer muss man schieben oder sich von Pferden bis zur Straße ziehen lassen. Aber auch die Fell-Taxis schlafen noch. Nach ein paar Hundert Metern taucht die technische Skiwelt wieder auf, der erste Lift von St. Kassian ist erreicht. Menschen wuseln, Alpenfolklore aus einem Lautsprecher. Vor dem Lift stehen Kleinbusse. Für sechs Euro fahren sie hoch zur Gondel am Falzarego. Lift oder Taxi? Die Entscheidung ist für viele klar. Einmal noch ganz nach oben.

© Gmünder Tagespost 02.03.2018 16:03
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