Der ewige Kampf um die Liege

Strandurlaub Die Ignoranz gegenüber „Bitte nicht reservieren“-Schildern treibt seltsame Blüten. Jetzt kann man schon vor Urlaubsantritt die Liege reservieren.
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Man nehme eine bestimmte Menge an Liegestühlen, ebenso viele Badetücher und eine nur geringfügig größere Zahl von Personen – mehr braucht es nicht, um die friedliche Koexistenz von Menschen zu gefährden. Weil der Streit um die Liegen am Hotelpool regelmäßig vor allem den Deutschen und den Briten die Urlaubslaune verhagelt, hat sich der Reiseveranstalter Thomas Cook etwas einfallen lassen: Mit dem neuen Service „Meine Sonnenliege“ können die Erholungsuchenden bereits vor Reiseantritt ihre Wunschliege am Pool reservieren, gegen Geld, versteht sich. Bis zum Sommer sollen 30 Hotels über das hoffentlich Frieden stiftende Angebot verfügen.

Warum aber ist der Mensch nicht in der Lage, die vorhandenen Liegestühle so zu verteilen, dass es keinen Missmut gibt?

Das Gut würde knapp werden

Auch wenn es naheliegend scheint: Es handelt sich nicht um ein simples Angebot-Nachfrage-Problem. Weil jeder nur eine begrenzte Zeit liegen kann, ehe er wieder ins Becken springt oder den nächsten Saunagang antritt, steht die Annahme im Raum, der so frei gewordene Platz könnte jetzt von einem anderen eingenommen werden. Häufig hängt sie auch in deutlichen Worten an Türen und Wänden: „Bitte keine Liegen reservieren!“ Würde sich da jeder dran halten, würde das Gebrauchsgut nie knapp.

Doch hier liegt das Problem: Thermen-, Hotelpool- und Saunabesucher scheren sich nicht um die zeitweilige Nutzung, sie wollen die komplette Verfügungsgewalt über einen Liegestuhl, ihren ganzen Aufenthalt hindurch.

Nicht nur am Pool

Was treibt die Liegestuhlreservierer an? Wissenschaftler versuchen schon länger, das zu ergründen. So hat der Soziologe Erving Goffman Anfang der 1970er Jahre den Begriff der „Territorien des Selbst“ geprägt. Er ging davon aus, dass wir im öffentlichen Raum immer danach streben, einen bestimmten Bereich zu markieren: den Rucksack auf dem Platz neben uns in der Vorlesung zum Beispiel, die Tasche, die wir im Fahrstuhl neben uns stellen, um andere auf Abstand zu halten, oder eben auch das Handtuch auf dem Liegestuhl.

Goffman zufolge erheben wir damit keinen Besitzanspruch, sondern wollen einen Schutz des Selbst erreichen. Nach dem Motto: Hier kann mir keiner was, das ist mein Terrain.

Wir sind gewohnt zu besitzen

Ronald Staples erkennt in der Reservierlust auch eine Reflexion der Konsumgesellschaft. „Wir sind es gewohnt, Dinge zu tauschen und sie dann zu besitzen, und wenn wir etwas besitzen, sehen wir nicht ein, wieso wir es teilen sollen“, sagt der Soziologe von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Wer seinen Urlaub oder den Thermeneintritt bezahlt hat, verbindet damit also automatisch den Anspruch auf einen Liegestuhl. Hat er den einmal erobert, gibt er ihn nicht mehr her. Ein Mensch, der saunieren oder am Hotelpool entspannen will, ist im Freizeitmodus. „All das, was wir Anstrengendes in der Erwerbsphäre haben, wollen wir hier nicht haben, wir wollen uns erholen“, sagt Staples. „Dazu gehört, dass wir nicht auf einer komplizierten taktischen Ebene miteinander kooperieren möchten.“ Wie zum Beispiel an einem Hotelpool aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Das alles sind keine bewussten Vorgänge. Doch wir spüren ihre Auswirkungen, wenn wir mit einem bunten Frotteehandtuch unseren Liegestuhl gegen jeden potenziellen Angreifer verteidigen.

Territorien des Selbst.

Erving Goffman
Soziologe

Reines Gebrauchsrecht

Der Soziologe Heinrich Popitz beschäftigte sich in seinem Buch „Phänomene der Macht“ ebenfalls mit der Liegestuhlfrage. Er denkt sich ein im Mittelmeer kreuzendes Schiff, das den Passagieren als einzigen Luxus auf Deck Liegestühle anbietet, gut ein Drittel so viel, wie es Passagiere gibt. Das funktioniert in den ersten paar Tagen problemlos, weil sich eine Ordnung etabliert hat, die Popitz als „reines Gebrauchsrecht ohne dauerhafte Ansprüche“ beschreibt. Heißt: Steht jemand auf, gilt der Liegestuhl automatisch als frei und kann von jedem neu besetzt werden.

In einem Hafen nun steigen neue Passagiere zu, die die bestehende Ordnung durcheinanderbringen. Sie besetzen ihre Liegestühle und erklären einen dauerhaften Besitzanspruch. Der Liegestuhl ist demnach auch als belegt anzusehen, wenn die besitzende Person physisch gerade nicht anwesend ist.

Die zentrale Frage lautet: Wie kann es einer Minderheit – den Liegestuhlbesetzern – gelingen, ihre Interessen gegen die einer Mehrheit durchzusetzen? Woher nimmt sie ihre Macht?

Möglich ist das Popitz zufolge aus zwei Gründen. Zum einen weil die Liegestuhlbesitzer es schaffen, durch ihren Besitz eine überlegene Organisationsfähigkeit zu vermitteln. „Sie herrschen nicht zuletzt, weil sie in dieser Weise überlegen sind, und weil sie herrschen, können sie diese Überlegenheit ständig reproduzieren“, schreibt der Soziologe. Auf gut Deutsch: Wer pfiffig genug ist, vorm Frühstück schnell an den Hotelpool zu flitzen und seine Liege zu markieren, der wird für dieses Zeitmanagement später belohnt – er hat eine Liege.

Der zweite Grund ist die Legitimitätsgeltung, die sich fast automatisch einstellt, wenn die benachteiligte Masse nicht reagiert.

Denn was tun all die, die keinen Liegestuhl abbekommen haben? Sie schweigen, grummeln allenfalls in sich hinein, werden aber nicht aktiv, weil sie die offene Provokation scheuen. Wer will schon einen Streit am Pool? So ist im Handumdrehen die geltende Ordnung als verbindlich anerkannt.

Die Liegestühle besetzende Minderheit profitiert davon, dass es einen gewissen Respekt vor persönlichem Eigentum gibt. Sie geht davon aus, dass keiner das Handtuch wegnimmt, und die Erfahrung zeigt, dass das stimmt.

Profis besetzen individuell

„Profis“, sagt Staples, „legen nicht nur ein Handtuch hin, sondern auch noch etwas Individuelleres, eine Brille zum Beispiel oder ein Buch.“ Letzteres am besten aufgeschlagen. Das suggeriert, dass der Besitzer nur mal kurz weg ist.

Für die, die jetzt an den akut nicht besetzten Liegestuhl wollen, bedeutet es eine große Überwindung, diese persönlichen Gegenstände zu entfernen. Man kann sich zwar theoretisch auf eine übergeordnete Regel berufen – „Bitte keine Liegen reservieren!“ –, doch die Situation bleibt unangenehm. Daran wird auch eine Online-Reservierung vor Urlaubsbeginn nichts ändern. Der Kampf um die nicht gebuchten Liegestühle wird weitergehen.

© Gmünder Tagespost 27.04.2018 17:21
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