Der wilde Westen fängt hinter Phönix an

USA Im Wüstenstaat Arizona kann sich jeder als Cowboy fühlen. Hoch zu Pferd lässt sich das Land am besten erkunden. Das Tor zum Grand Canyon bietet dann nicht nur Kakteen und Sonne.
  • Foto: Susanne Hamann

Fuchswallach Bernie ist ein ungeduldiger Bursche. Immer wieder versucht er, den vor ihm gehenden Braunen namens Ned zu überholen. Für den Reiter gar nicht so einfach, ein bis zwei Meter Abstand einzuhalten, so wie Jesse Feldman es der Gruppe vor Beginn des Ausritts erklärt hat. Der 43-Jährige betreibt gemeinsam mit Vater Ron und Bruder Josh einen Reitstall in Apache Junction, hoch in den Bergen über Mesa, und ist „schon vom Pferde gefallen, bevor er überhaupt geboren wurde“ – gut gepolstert in Mamas Bauch. 55 Pferde hat die Familie, die meisten davon sind Quarter Horses. Mit Vierbeinern dieser Art haben die Cowboys einst den Wilden Westen erobert. Die Rasse gilt als muskulös, wendig, widerstandsfähig. Genau richtig für die sengende Sonne in der Wüste Arizonas. „Unsere Pferde sind alle mindestens zwölf Jahre alt und sehr gutmütig. Keine Angst, auf denen kann jeder reiten“, sagt Jesse Feldman.

Er trägt ganz klischeehaft Karohemd, Cowboyhut, Boots und hat Sinn für Humor. Daher werden auch Anfänger auf seiner Ranch in den Sattel gehievt, es gibt eine kurze Einweisung, und los geht’s.

Wie Lucky Luke fühlen

Hoch zu Pferd fühlt man sich so cool wie Lucky Luke persönlich, zumindest ein bisschen. Denn der Comic-Cowboy würde sich wohl kaum krampfhaft am Sattelknauf festklammern. Schwankend geht es durch die raue, vernarbte Landschaft, über Steine und Sand, vorbei an haushohen, mehrarmigen Saguaro-Kakteen und buschigen Palo-Verde-Bäumen. Das Tempo ist gemächlich, so dass Zeit zum Schauen und Staunen bleibt. „Bloß nicht die Pferde an den Sträuchern fressen lassen“, mahnt Hank Jones, der die Gruppe begleitet, „darunter könnten sich Klapperschlangen verstecken.“ Leider hält sich Bernie, der störrische Kerl, nur ungern an die Order. Er muss mit einem harschen Zug am Zügel an die Gefahr erinnert werden.

Die Sonne brennt, stachelige Kreosotbüsche streifen an den Beinen von Mensch und Tier entlang, der Staub der Sonora-Wüste legt sich unbarmherzig in jede Pore und trocknet den Mund aus. Gut, dass Jesse Feldman jedem Hobbyreiter eine Tasche für die Wasserflasche an den Westernsattel gehängt hat. In der Ferne türmt sich ein mächtiges, rot leuchtendes Bergmassiv auf.

Wo der Donnergott wohnt

Superstition Mountains, Aberglaube-Berge, nannten die Apachen diese Kette aus bizarr zerklüfteten Felsen. Der Indianerstamm glaubte, dass dort oben der Donnergott zu Hause ist. Zu Füßen der schrundigen Gipfel sieht Arizona genau so aus, wie sich das der Karl-May-Fan aus Europa vorstellt – fehlen nur die Rothäute samt Kriegsbeil. Die Cowboys, die in den Sonnenuntergang reiten, spielen die Touristen heute mal selbst.

Eine weitere Vorstellung vom Leben im Wilden Westen kann man nicht weit von der Ranch der Familie Feldman entfernt in Goldfield Ghost Town bekommen. Um 1890 zählte der Ort zu den aufstrebenden Goldgräberstädten. Innerhalb von fünf Jahren wurde hier Edelmetall im Wert von drei Millionen Dollar gefunden. Zu den Boomzeiten gab es rund um Goldfield mehr als 50 Minen. Doch irgendwann fanden die Glücksjäger nichts mehr und zogen weiter. Die Stadt wurde verlassen. 1984 kaufte Robert Schoose (71) das Gelände.

Der Goldgräber aus Haiterbach

Zu dem Zeitpunkt standen hier nur zwei verfallende Gebäude. Der Kalifornier erfüllte sich einen Traum und baute den Ort originalgetreu wieder auf inklusive Laden, Saloon, Apotheke, Kirche, Gefängnis und Bordell – Wild-West zum Anfassen, seltsamerweise gar nicht kitschig. Besucher können mit einer Schmalspurbahn das Gelände erkunden, selbst Gold waschen oder eine Mine besuchen.

Am Wochenende bevölkern stark geschminkte Damen in wallenden Röcken und bärtige Burschen mit Colts im Anschlag das Gelände.

Hier, nahe der Superstition Mountains eine halbe Stunde östlich von Arizonas Hauptstadt Phoenix, lebte einst der als „Lost Dutchman“ berühmt gewordene Goldgräber Jacob Waltz. Der Legende nach soll er einen unermesslichen Fund gemacht haben, hielt seine Mine aber stets geheim und ging auf ständig wechselnden Wegen dorthin. Als Waltz 1891 an Lungenentzündung starb, machten sich viele auf die Suche nach seinem Schatz. Vergebens. „Noch heute zieht die Geschichte Goldsucher an. Erst letztes Jahr sind wieder drei Menschen dabei ums Leben gekommen“, sagt Stan Backenstoss.

Ich bin schon vom Pferd gefallen, bevor ich überhaupt geboren wurde

Jesse Feldman
Reitstallbetreiber

Der 70-jährige Biologe im Ruhestand führt Besucher durch das Superstition Mountain Museum, ein Cowboy von den Sporen an den Stiefeln bis zum Hut. Natürlich muss er immer wieder die Geschichte des „Lost Dutchman“ erzählen. Dabei räumt er mit zwei Missverständnissen auf: Erstens war Waltz kein Niederländer, wie der Spitzname vermuten lässt, sondern ein Württemberger aus Oberschwandorf, einem Ortsteil von Haiterbach im Kreis Calw. „Dutchman nannte man damals alle, die aus dem deutschsprachigen Raum kamen. So wie meine Vorfahren auch. Und die waren Schweizer“, erzählt Backenstoss. Und verloren („lost“) ging der Schwarzwälder Goldsucher auch nicht, sondern nur dessen Mine.

Verschwundene Indianer

Eine rätselhafte Geschichte rankt sich auch um die Indianer, die einst in der Gegend lebten. „Das Tal rund um Phoenix wurde 700 Jahre lang von den Hohokam besiedelt. Der friedliche Stamm betrieb Ackerbau und legte die Kanäle an, um für Wasser zu sorgen“, erzählt Stan Backenstoss. Um das Jahr 1400 verschwanden die Hohokam auf einmal. Keiner weiß, warum. Vielleicht wurden sie von den kriegerischen Apachen getötet? Vielleicht raffte eine Seuche sie dahin? Jedenfalls fanden die weißen Siedler verlassene Kanäle vor, als sie um 1880 aus Utah in das Tal zogen.

„Eigentlich sollte der fruchtbare Platz Pumpkinville genannt werden – Kürbisstadt. Doch ein gebildeter Brite meinte, man sollte ihn lieber Phoenix nennen. Nach der sagenhaften Vogelgestalt in der griechischen Mythologie, die sich aus der Asche erhoben hat“, erzählt Stadtführerin Jill Johnson (38). Dieser besagte Brite war ziemlich vorausschauend. Denn in Phoenix ging es nicht nur nach dem Niedergang der Hohokam mit den Pionieren weiter.

Im Moment ist Arizona Hauptstadt dabei, noch einmal aufzuerstehen. Zu Fall gebracht wurde die Metropole – wie viele Orte in den USA – von der Finanzkrise 2007. Doch im Vergleich zum Rest des Landes berappelt sich Phoenix besonders rasch. An allen Ecken wird gebaut, die glitzernde Großstadt breitet sich immer mehr in die Wüste aus.

Technologiefirmen wie der Prozessorhersteller Intel ziehen hierher, wo es viel Platz und ständig schönes Wetter gibt, und sorgen für Arbeit. Man nennt die Gegend daher auch „Silicon Desert“.

Schatzsuche in Phönix

Die Metropolregion Phoenix besteht aus vielen einzelnen Städten wie dem ländlichen Mesa, der Universitätsstadt Tempe, dem für seine vielen und guten Restaurants bekannten Gilbert oder dem Reichenvorort Scottsdale.

Im Laufe der Jahre sind die Grenzen verschwommen, man kann schwer erkennen, wo der eine Ort aufhört und der andere anfängt. In den ganz auf den Autoverkehr ausgelegten breiten Straßen reihen sich Burgerläden, Sportsbars mit riesigen Flachbildschirmen (auf denen auch mal europäischer Fußball läuft) und Barbershops aneinander, wo sich die ortsansässigen Internetnerds und Hipster den Bart pflegen lassen können.

Hübsche Fußgängerzonen sucht man in den Häuserschluchten vergebens. Auch die alten indianischen Kanäle sind inzwischen zugeschüttet – schade. Stadtführerin Jill Johnson als stolze Einheimische preist dennoch unverdrossen die Vorzüge ihrer Heimat: „Phoenix war schon eine Stadt, da gab es die Vereinigten Staaten von Amerika noch überhaupt nicht.“ Sie zeigt Touristen am liebsten den Kunstbezirk rund um die Straße Roosevelt Row mit seinen vielen bunten Wandbildern.Im Wilden Westen muss man Schätze eben suchen.

© Gmünder Tagespost 11.05.2018 14:33
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