Die „Marken“ werden zur Marke

Geheimtipp Wo machen Italiener eigentlich selbst Urlaub? Am liebsten da, wo ihr Land noch wunderbar authentisch ist, zwischen Adria und Apennin.
  • Foto: Thomas Flügge

Manchmal gibt’s die besten Urlaubstipps im Lieblingslokal. Beim Servieren duftender Trüffelpasta verkündete Wirt Eduardo stolz: „Die feinsten Trüffeln wachsen in den Marken!“ Bitte wo? „Na, in meiner Heimat.“ Mit großer Geste preist er die Region zwischen Toskana und Adria. „Da machen wir Italiener am liebsten Ferien!“ Allora, andiamo! Nichts wie hin.

Die Entdeckungsreise beginnt am besten in Sirolo an der Küste. Durch die Gassen bergauf schlendern, historische Häuser aus hellem Kalkstein bewundern, geschmückt mit Blumenkästen vor jedem Fenster. Charmante Läden, einladende Cafés, sommerlich-elegant gekleidete einheimische Flaneure. Moment! Knatterte da nicht eben Mastroianni mit der Loren auf einer Vespa vorbei? Ach, bloß eine Illusion. So sehr verführt das nostalgische Flair zur Tagträumerei. Und dann, oben auf der Piazza Vittorio Veneto, die wie ein Balkon über die Steilküste ragt: dieser Wahnsinnsausblick! Auf 125 Meter hohe, bewaldete Kreidefelsen und, tief unten, Buchten mit rosa-weißen Kieseln. Türkisblaues Wasser, weiter draußen saphirblau, bis zum Horizont. Wer braucht da noch die Karibik? Das ist Bella Italia in seiner schönsten Form.

Das Haus von Maria

Da wäre Loreto, ein paar Kilometer weiter südlich. Neben Lourdes und Rom der wichtigste Wallfahrtsort Europas. Der Legende nach sollen Engel das Haus der Maria von Nazareth dorthin getragen haben. Oder –naturalmente! – der Wein. Was wäre ein typisches Mahl ohne den berühmten „Verdicchio dei Castelli di Jesi“? Schon seit vorrömischer Zeit werden die Trauben für den fruchtigen Weißen hier angebaut. Und dann die Landschaften: rollende Hügel, auf denen mittelalterliche Orte thronen. Festungsmauern drum herum mit Arkadengängen, die den Blick in die Ferne schweifen lassen. Im Schatten von Platanen spielen Familien Boccia und in den Freiluftlokalen sitzen vor allem die Einheimischen selbst. Originell: Es gibt ungefähr 100 nostalgische Musiktheater in den Marken, jeder größere Ort hat eines. Von außen sind sie oft unscheinbar, innen aber prachtvoll ausgestattet und mit beeindruckender Akustik.

Rossinis Heimat

Rossini lässt grüßen. Der Opern-Komponist (1792-1868), zum Beispiel vom „Barbier von Sevilla“, ist ein Sohn der Region. In seiner Geburtsstadt Pesaro an der Küste sind ihm alljährlich internationale Musikfestspiele gewidmet. Für eine spezielle Erfrischung an Sommertagen braucht man keine Badesachen, eher einen Pullover: In den Grotten von Frasassi an den Ausläufern des Apennin herrschen ganzjährig 14 Grad. Märchenhafte Tropfsteine schaffen die Illusion eines Winterwunderlandes, als wär’s die Kulisse für Andersens „Schneekönigin“. Die Höhlen sind 800 Meter weit zu begehen, aber Forscher haben entdeckt, dass sie noch 35 Kilometer weiter in die Berge hineinreichen.

Da machen wir Italiener am liebsten Ferien!

Eduardo
Wirt

An der Schlucht Gola del Furlo muss man Wanderschuhe schnüren – es geht einfach nicht anders. Zwischen den bewaldeten Felsen schlängelt sich der smaragdgrün leuchtende Fluss Candigliano. Am Ufer picknicken Ausflügler, Kajakfahrer gleiten vorüber. Und am Himmel kreist ein Steinadler. Wie wohltuend, wenn man nach der Tour die erhitzten Füße in das eiskalte Wasser tauchen kann – ah, la vita è bella! Bei den vielen Vorzügen fragt man sich, warum die Marken bisher, touristisch gesehen, etwas im Schatten der Toskana lagen.

Der alte Charme Italiens

Nun, die bekanntere Schwesterregion gilt als Geburtsstätte der Renaissance und war jahrhundertelang wichtiges Reiseziel für Bildungsreisende aus Adel und Großbürgertum. Künstler zog es auf den Spuren von Michelangelo und Leonardo da Vinci in die Umgebung von Florenz. Der Tourismus folgte. Gut für heutige Reisende in den Marken, denn so blieb dieser Landstrich weitgehend authentisch und konnte den alten Charme Italiens bewahren.

Ach, wie war noch die Sache mit den Trüffeln? Das Beste zum Schluss! Eduardo hatte seinen Freund Giorgio Remedia empfohlen, der als Trüffelkönig von Acqualagna gerühmt wird. Die Gegend ist mit üppigen Vorkommen des Luxuspilzes gesegnet. Das Aroma? Unbeschreiblich.

© Gmünder Tagespost 11.05.2018 13:41
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