Durch den kalten, wilden Schwarzwald

Winterstrategie Wie Tiere und Pflanzen im Winter ihr Überleben sichern, erfahren Besucher bei einer geführten Schneeschuhtour mit einem Ranger im Nationalpark Schwarzwald.
  • Foto: Annette Frühauf

Patrick Stader wartet schon mit den sperrig aussehenden Schneeschuhen an den Füßen. „Nach so vielen Regen- und Nebeltagen haben wir heute optimales Wetter“, sagt der Ranger aufmunternd mit Blick zum bedeckten Himmel. Ein kalter Wind weht den Teilnehmern um die Nasen, aber das Laufen erwärmt. Das Motto der Schneeschuhtour lautet „Überleben im Winter“.

Weiß bedeckte Bäume und noch unberührter Schnee erwarten die Schneeschuhgänger rund um den Ruhestein. Wer doch mal etwas tiefer einbricht und das Gleichgewicht verliert, fällt weich und steht gleich wieder auf. Der junge Ranger legt ein ordentliches Tempo vor, schaut dabei aber aufmerksam nach allen Seiten, um auch das kleinste Anzeichen von Leben zu entdecken.

Für die Wildtiere und Pflanzen bringt der Winter so einige Herausforderungen mit sich – die Strategien, um diese harte Zeit zu überleben, variieren entsprechend. Die Tiere sollten in den kalten Monaten nicht in ihren Ruhequartieren gestört werden, denn eine hastige Flucht verbraucht viel wertvolle Energie. Daher sind im Nationalpark manche Wege im Winter gesperrt. Besuchern ist es verboten, die gekennzeichneten Strecken zu verlassen.

Bis zu 60 Minuten Atempause

Patrick Stader stapft munter vornweg, gut sichtbar in seiner grünen Outdoor-Jacke mit dem Nationalpark-Logo. Dann bleibt er stehen, um auf zwei tote Baumstümpfe mit Höhlenlöchern aufmerksam zu machen: „Spechte picken Insekten und Larven aus der Baumrinde. Zur Brutpflege zimmern sie solche Höhlen in abgestorbene Stämme.“ Verlassene Höhlen dienen anderen Waldbewohnern wie dem Gartenschläfer zum überwintern. Das kleine Säugetier weiß es zu schätzen, wenn die dicken Wände alter Bäume es vor der Kälte schützen. Seine Überlebensstrategie ist der Winterschlaf. Das rund zehn Zentimeter große Tier fährt seinen Kreislauf auf ein Minimum zurück. Dabei kommt es zu Atempausen, die bis zu 60 Minuten andauern können. Außerhalb des Nationalparks werden Bäume oft lange vor ihrem Endalter gefällt. So geht der Lebensraum von Spechten und anderen Höhlennistern vielerorts zurück. Kaum hat sich die Gruppe wieder in Bewegung gesetzt, kniet der Ranger auf dem Boden, um eine frische Tierspur zu untersuchen: „Das war ein Hermelin, eine Marderart. Es ist gesprungen, das sieht man an dem Abdruck zweier Tatzen.“ Im Winter lässt sich der Marder weißes Winterhaar wachsen. Wenn der Schnee aber im Frühjahr zu schnell schmilzt, kann es vorkommen, dass der braune Pelz noch nicht vollständig nachgewachsen ist. Für Raubvögel, Eulen und Füchse eine leichte Beute.

Spechte picken Insekten und Larven aus der Baumrinde.

Patrick Stader
Ranger

Faszinierende Anpassung

Aus den Tiefen des Rucksacks zieht Stader einen kleinen Becher heraus und zeigt auf den Inhalt. „Das ist Kot vom Auerhuhn. Wer genau hinschaut, erkennt Baumnadeln und winzige Steinchen darin“, erklärt der Experte, der über mehrere Monate einen Auerhahn beobachtete und fasziniert ist von den Anpassungsstrategien des seltenen Tiers. Im Winter zieht sich der Muskelmagen des streng geschützten und vom Aussterben bedrohten Vogels zusammen. Jetzt kann er vor allem kleine Steine und Nadeln verdauen, die ihn durch ihr Aneinanderreiben mit Nährstoffen versorgen.

An einem gurgelnden Bachlauf sucht Stader nach kleinen, schwarzen Punkten. Das sind Insekten, welche die Wintergoldhähnchen als Nahrungsquelle dienen und die er hier regelmäßig „singen“ hört. Heute schweigen sie allerdings. Der kleine Vogel, den sein aufgeplustertes Gefieder schützt, pickt die Insekten von den Ästen. Alkohol im Blut der Insekten verhindert, dass sie gefrieren.

Der Mut, im Nationalpark der Natur das Ruder zu überlassen, schöpft sich aus dem tiefen Vertrauen in die Kraft der Tiere und Pflanzen, mit einzigartigen Verhaltensweisen ihr Überleben auch in schwierigen Zeiten zu sichern. Allein auf einer der beschilderten Routen oder bei einer Führung kann sich auch jeder Besucher vom wunderbaren Reiz des wilden Schwarzwalds bezaubern zu lassen.

© Gmünder Tagespost 26.01.2018 11:17
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