Ein Labyrinth voller kultureller Schätze

Sizilien Lange hatte die Hauptstadt der Insel keinen guten Ruf. Nun erobern die Palermer ihre Stadt zurück und sind stolz darauf, dass sie in diesem Jahr italienische Kulturhauptstadt ist.
  • Foto: mauritius images/Blend Images/ Jenny Woodhouse

Palermo fasziniert nicht jeden auf den ersten Blick. Laut, chaotisch, unübersichtlich – so wirkt die sizilianische Kapitale erst mal. Der Weg zu ihren Denkmälern führt in ein 3000 Jahre altes Labyrinth: zu den steinernen Zeugnissen, mit denen die jeweiligen Eroberer die Stadt immer wieder neu gestaltet haben. Irritiert fragt sich mancher Besucher: Ist San Cataldo mit seinen rosafarbenen Kuppeln eine Kirche? Oder doch eine Moschee? Wieso sind manche Straßen in Arabisch und Hebräisch beschildert?

Selbst Palermer tun sich manchmal schwer. Phönizier, Griechen, Byzantiner, Normannen: Wie soll man sich da auch auskennen. Als die Araber die Inselmetropole Anfang des 9. Jahrhunderts zur Hauptstadt ihres sizilianischen Emirats machten, errichteten sie Lustschlösser, Moscheen und legten Zitrushaine sowie Weingärten an. Unter den Normannen wurde Islamisches in Christliches umgebaut. Jeder neue Herrscher werkelte an Palästen und Gotteshäusern herum. Die Kathedrale ist ein typisch sizilianischer Stilmix – mit erhabener Ausstrahlung.

Parkplatz ist wie Lottogewinn

Eine Annäherung an Palermo bedarf einer gewissen Gelassenheit. Zur Stoßzeit scheinen in der 670 000-Seelen- Metropole doppelt so viele Autos wie Einwohner unterwegs zu sein. Vespa-Fahrer jeden Alters kämpfen waghalsig um jeden Zentimeter Asphalt. Ein Parkplatz in einer der modernen Einkaufsstraßen mit ihren eleganten Läden und Kaffeehäusern, in denen schon in den frühen Nachmittagsstunden das Leben tobt, kommt einem Lottogewinn gleich. Wer irgendwo in der dritten Reihe parkt, legt einfach einen Zettel mit seiner Handynummer aufs Armaturenbrett, damit er herbeieilen kann, wenn jemand aus der zweiten Reihe rausfahren will. Palermo ist vitaler als je zuvor. Wer noch vor wenigen Jahrzehnten in die Stadt kam, stand in tristen Gassen vor verriegelten Gotteshäusern und verfallenen Adelspalästen mit einst prächtigen Innenhöfen, die als Müllhalden dienten. Die meisten Projekte zur Stadtsanierung kamen über die ersten symbolischen Arbeiten nicht hinaus. Gelder aus Rom und Brüssel verschwanden in den Taschen korrupter Bauunternehmer, die mit käuflichen Stadträten unter einer Decke steckten. Bis nach der Ermordung zahlloser Unternehmer und Richter der Krieg der Mafia Anfang der 1990er Jahre seinen Höhepunkt erreichte und die Toleranzgrenze der Palermer endgültig überschritten war. Eine wachsende Anti-Mafia-Bewegung brachte einen kompromisslosen Bürgermeister ins Rathaus.

Nach und nach wurden Straßen und Teile der Altstadt saniert. In einstige Adelspaläste zogen Galerien und Hotels ein, couragierte Wirte eröffneten Restaurants. Nach fast 30 Jahren wurde das Teatro Massimo, eines der größten Opernhäuser Europas und Stolz der Palermer, wieder seiner Bestimmung übergeben.

Einfach den Alltag beobachten

Jeder neue Herrscher werkelte an Palästen und Gotteshäusern herum.

Sigrid Mölck-Del Giudice

Zum touristischen Pflichtprogramm gehört auch die Kathedrale mit den Königsgräbern. Doch ihren wahren Reiz entfaltet die Stadt, wenn man ziellos durch die verwinkelten Gassen wandert und den Alltag beobachtet. Zwischen morschen Häusern verstecken sich viele architektonische Schätze.

Die antiken Märkte, Vucciria und Ballarò, nehmen sich wie historische Theaterbühnen aus. Schon von Weitem hört man die Händler im Singsang ihre Waren anbieten. Die Kundenschar ist ebenso multikulturell wie die der Verkäufer hinter ihren glitzernden Bergen von Kraken, Thunfisch, Muscheln und buntem Gemüse. Es riecht einladend nach gerösteten Innereien von Ziegen und Lämmern, die traditionell am Spieß auf glühender Holzkohle bereitet werden. Im antiken Stadtviertel La Kalsa sucht sich der Gast den fangfrischen Fisch selbst aus und lässt ihn gleich neben dem Tisch grillen. In der Antica Focacceria San Francesco werden seit 180 Jahren – nach den gleichen Rezepten – gesottene Kalbsmilz mit Fladenbrot aus Kichererbsenmehl und natürlich Arancini, die berühmten sizilianischen, mit Fleisch oder Käse gefüllten und frittierten, Reiskugeln serviert.

Mumien als Modell

In den engen Straßen stößt man auf kleine Geschäfte, die gleichzeitig Werkstatt sind. Taschen, Gürtel, Kopfbedeckungen, alles wird nach Wunsch und vor den Augen des Kunden hergestellt. Was früher in war, kann man – intakte Nerven vorausgesetzt – in der größten Mumiensammlung Europas besichtigen. Dort stehen die Toten in schwarzen Anzügen, Spitzenkleidern und Kutten Spalier wie in einer Geisterarmee.

Die belebte Shoppingmeile Via Maqueda führt schnurgerade an der Via Principe di Belmonte vorbei: einer Oase mit den ältesten Cafés der Stadt. In Palermo ist man entschlossen, in die erste Liga der europäischen Kulturstädte aufzurücken. Die ersten Schritte wurden getan.

© Gmünder Tagespost 25.05.2018 16:41
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