Eine Stadt am Neckar blüht auf

Heilbronn hat sich den Fluss und die Jugend zurückerobert. Mit der Bundesgartenschau und der neuen Experimenta präsentiert sich die Region als spannendes Ziel.
  • Fotos:BUGA Heilbronn

Heilbronn hat sich hübsch gemacht. Wo einst eine Bundesstraße die Stadt vom Neckar trennte und vereinigte Hüttenwerke aus alten Hafengebäuden, Schrottplätzen und Baracken die Landschaft verschandelten, ist jetzt . . . Baustelle! Aber nicht mehr lang.

An der Experimenta, einem architektonischen Hingucker aus Stahl und Glas mit kreuz und quer verschobenen Stockwerken, die viel Licht ins Innere bringen, fehlen nur noch letzte Details.

Eine Million Blumenzwiebel

Und auf dem 40 Hektar großen Bundesgartenschau-Gelände wohnen schon 700 Menschen in experimentellen Bauformen, die Teil der Schau sind. Eine Million Blumenzwiebeln in der Erde warten darauf, im Frühjahr ihre ganze Farb- und Formenpracht zu entfalten. „Heilbronn ist eine der spannendsten Städte in Süddeutschland“, schwärmt ihr Oberbürgermeister Harry Mergel und zählt auf: Weinberge ringsum, den Neckar erlebbar in der Stadt, zwei nagelneue Besuchermagnete, eine florierende Wirtschaft mit Automobilzulieferern, Maschinenbau, Chemie und Lebensmitteln.

Und dazu mit Dieter Schwarz einen potenten Förderer einer Wissenschaftsstadt Heilbronn mit dem Science-Center Experimenta, Bildungscampus, Start-up-Zentrum und mittlerweile rund 10 000 Studenten. „Wir sind jünger, bunter und internationaler geworden“, zieht Mergel ein positives Fazit der Runderneuerung mit einem Volumen von rund einer Milliarde Euro.

Eröffnung am 17.April 2019

Der Rekordsommer 2018 war eine echte Herausforderung für die Macher der Bundesgartenschau. „Obwohl wir wochenlang fast den ganzen Tag gegossen haben, sind uns die Blätter an den Bäumen verbrannt in der Hitze“, erzählt Buga-Geschäftsführer Hans-Peter Faas. Trotzdem soll alles rechtzeitig gut werden bis zur Eröffnung am 17. April: Rosen und Stauden, Büsche und Gräser sind gepflanzt, 1700 Pappeln wachsen als Energiewald und Schattenspender für die 17 Themengärten dem Himmel entgegen, der Veranstaltungskalender zur Schau ist gefüllt mit fast 2000 Terminen.

Bürger planen mit

Viel wichtiger, als auch die letzte Tulpe gerade zu rücken, findet Faas aber die Atmosphäre. „Die Gäste sollen sich in der Stadt willkommen fühlen“, sagt er. Deshalb habe man von Anfang an die Bürger bei allen Planungen miteinbezogen und regelmäßig ihr Feedback eingeholt. Die rund 125 000 Einwohner belohnten das bei der jüngsten Umfrage mit 86 Prozent Zustimmung zur Buga. Man spürt auch ihren Stolz. „Heilbronn war früher die Stadt zum Vorbeifahren“, sagt Buga-Planer Oliver Toellner. „Die Bundesstraße lief nur 30 Meter neben dem Fluss, aber man sah, roch und spürte ihn nicht.“

Heute ersetzen grüne, mit Natursteinen gefasste Terrassen die einstige Steilböschung mit Gestrüpp. Die Industrielandschaft entlang des Neckars hat sich auf der 40 Hektar großen Neckarinsel zwischen dem Kanal und einem Altarm in einen Landschaftspark verwandelt.

Die Gäste sollen sich in der Stadt willkommen fühlen.

H.P. Faas, Buga-Geschäftsführer

Uraltes Schiff entdeckt

Dafür wurden 300 Tonnen Altlasten und 13 Tonnen Kampfmittel entsorgt, Archäologen freuten sich über den Fund eines uralten Schiffs, Verkehrsplaner mussten für den Rückbau der B 39 die Verkehrsströme komplett neu denken, Industriestraßen ertüchtigen und eine neue Brücke bauen.Dafür haben die künftig 3500 Bewohner, 1500 Arbeitnehmer und bis zu 180 Gäste der nagelneuen Jugendherberge Zugang zum Wasser und leben mitten im Grün.

Die einen in Deutschlands höchstem Holzhochhaus, die anderen in einem inklusiven Wohnprojekt samt von den behinderten Bewohnern geführtem Kaffeehaus und Waschsalon. Der größte Gewinn der großen bunten Gärtner-Olympiade ist, was bleibt: der Park, das innovative Wohnquartier und vor allem die Rückkehr des Flusses in die Stadt. „Ist das nicht wunderbar?“, fragt ein ums andere Mal der Kanu-Guide, der Paddeltouren auf dem Neckar anbietet. Aus dieser Perspektive sieht die schöne neue Welt in Heilbronn gleich noch mal ganz anders aus. Tatsächlich lebt das Neckarufer wieder, lockt Jogger und Spaziergänger, Angler und Müßiggänger, die in der Kaffeebucht eine kurze Auszeit vom Alltag genießen.

Fast alles zur Geschichte der einstigen Hafenstadt Heilbronn - bis König Wilhelm Ende des 19. Jahrhunderts anordnete, den Neckar mit Schleusen und Kanälen bis Stuttgart schiffbar zu machen, erfährt man bei einer Stadtrundfahrt mit der Pinasse der Marinekameradschaft Heilbronn. Deren Vorsitzender Hartmut Kienzle steuert mit Sohn Jörn den „Troll“ - ein ehemaliges Rettungsboot eines U-Bootes - über den Neckar und kurbelt auch sehr souverän die Schleusentore per Handkurbel.

Das Einzige, was er nicht sicher sagen kann, ist, ob sich der Name des historischen Mahagoniholz-Bootes von den nordischen Trollen oder vom schwäbischen Trollinger herleitet.

Alles hat ein Herz aus Wein

Für Martin Heinrich keine Frage. Für den umtriebigen Wengerter hat alles ein Herz aus Wein: die liebliche Landschaft rund um Heilbronn, der Rebengarten auf der Buga, den er unter witterungstechnisch erschwerten Bedingungen anlegte, und natürlich die Weinvilla, deren Gastgeber er gelegentlich ist. Die alte Fabrikantenvilla gehört zu den wenigen historischen Gebäuden in Heilbronn, die den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg überstanden.

Weinbauern seit 1251

Ein Zusammenschluss der Weingärtner von Heilbronn pachtete sie für die Bewirtung und Information von Besuchern - immerhin reicht Heilbronns Weinbaugeschichte bis ins Jahr 1251 zurück. Und so, wie mancher Wein mit den Jahren gewinnt, hat sich auch die Stadt entwickelt.

© Gmünder Tagespost 11.01.2019 16:08
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