Eine Wüstenperle mit vielen Facetten

Vereinigte Arabische Emirate Nirgendwo auf der Welt hat sich der Sprung in die Moderne in solch einem Tempo vollzogen. Die Region lockt mit Sonne, Sand, Abenteuer, Kultur und Kommerz.

Die Wachtel hat sich schon mal frei gemacht – und zart besaitete Gemüter schauen jetzt lieber weg. Denn es knacken bereits die Knochen des gerupften Tieres, als sich die gierige Sahra über ihre Beute hermacht. Dabei bleibt die vorab getötete Wachtel nicht das einzige Opfer, das Sahra mit ihrem scharfen Schnabel in der Klinik der Medizinerin Dr. Margit Müller reißen wird. Denn Falken wie Sahra sind hier mitten im heißen Sand der Wüste von Abu Dhabi die unumstrittenen Stars.

Gerade die zur Jagd bestens geeigneten, athletischen Falken-Weibchen, welche die Männchen körperlich um ein Drittel übertrumpfen, lassen die Augen der Scheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten funkeln. Als „Kinder der Beduinen“ werden die bis zu 100 000 Euro teuren Weibchen wie vollwertige Familienmitglieder verwöhnt. Also reisen die Lieblinge der Emiratis im Auto oder im Flugzeug oft auf ihrem eigenen Sitzplatz mit. Appetit haben die Falken derweil reichlich: Etwa zehn Prozent ihres Körpergewichtes nehmen die Tiere am Tag zu sich.

„Wir kümmern uns um die Tiere, wenn sie krank sind – und geben ihnen schon mal einen Hotelservice, wenn die Besitzer keine Zeit haben“, sagt die Falken-Doktorin Müller, die ihr Hospital in der Wüste vor rund 20 Jahren in einer kleinen Baracke aufmachte – und inzwischen die Herrin über ein florierendes Unternehmen mit jährlich 5000 betreuten Tieren und täglichen Besuchergruppen aus aller Welt ist.

Dabei genießt die Medizinerin aus der Nähe von Ulm in den Emiraten höchstes Ansehen. Fußt ihre Arbeit doch auf einer alten Tradition in dem 1971 von Scheich Zayed bin Sultan al Nahyan neu geformten Land, das seither die sieben Emirate Abu Dhabi, Dubai, Ras al-Khaimah, Ajman, Schardscha, Fudschaira und Umm al-Qaiwan umfasst. Es ist eine Nation mit einem auch nach dem Finanzcrash von 2009 schnellen Pulsschlag, in der das Althergebrachte vom Tourismus und dem Handel sonst gerne in den Hintergrund gedrängt wird.

Schließlich lassen die Emirate weiter als die Tempomacher vom Golf aufhorchen. Kaum irgendwo anders hat sich der Sprung in die Moderne in einem derart atemberaubenden Tempo vollzogen, wie in den nördlichen Ausläufern der großen arabischen Wüste, wo noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Perlenfischerei der wichtigste Erwerbszweig war.

Mehr als 30 Wolkenkratzer

Während in Deutschland etwa die Inbetriebnahme des Berliner Flughafens zur Tragödie mutiert, sind allein in der Dubai Marina, einem imposanten Hafengelände, binnen zehn Jahren durch den Bauwahn der Araber mehr als 30 Wolkenkratzer mit je 300 Meter Höhe aus dem Wüstensand geschossen. Zwar stehen viele Wohnungen als Spekulationsobjekte leer; doch selbstverständlich reichten die Petro-Dollar der Emiratis in einem der reichsten Länder der Welt auch für eine nagelneue Metrolinie aus.

Vor allem Dubai, das bekannteste der sieben Emirate mit seiner „Höher, schneller, weiter“-Attitüde, ist eine Boomtown. Schon jetzt begrüßt man 14 Millionen Gäste jedes Jahr. Bis 2025 soll sich diese Zahl rund um den Burj Khalifa, das mit 828 Metern höchste Gebäude der Welt, verdoppeln. Dabei ist der Gigantismus nicht jedermanns Sache. Realisiert wird er durch Bauarbeiterkolonnen aus Indien oder Pakistan. Die rund 700 Euro Monatslohn sind für sie viel Geld – doch angesichts der Schinderei und des Wohlstandes am Golf ein kümmerliches Entgelt.

Wir geben den Tieren schon mal einen Hotelservice

Falken-Doktorin Müller
betreut jährlich 5.000 Tiere

Gebaut wird, was möglich ist

Ein Kind des scheinbar endlosen Bau-Marathons ist auch die Dubai Palm. Das ist eine aus Wüstensand aufgeschüttete Insel im Golf, die angelegt wurde, um die 70 Kilometer lange Küstenlinie Dubais zu verlängern. Derlei Projekte haben viel mit dem Wunsch nach Anerkennung zu tun. Gebaut wird, was möglich –und nicht immer, was vernünftig ist. Also ist auch energiewirtschaftlicher Irrsinn wie die Skihalle Dubais gelebte Realität in einem Land, in dem jeder Einheimische zur Hochzeit von der Herrscherfamilie rund 25 000 Euro nebst Haus bekommt.

Zum Luxus gehört auch, dass die Emirate bei einer Gastarbeiterquote von 90 Prozent ihre Touristen mit überdurchschnittlich gutem Service verwöhnen. Zwar geht es nicht überall derart luxuriös zu wie im Nobelhotel Emirates Palace von Abu Dhabi, wo sich nicht nur Staatsgäste wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Frankreichs Regierungschef Emmanuel Macron zum High Tea auf einen mit 24 Karat Blattgold verzierten Kaffee einfinden.

Alkohol gibt es im Hotel

Doch Billig-Tourismus ist gewiss nicht die Sache der Scheichs, die spätestens 2020 als Gastgeber der Weltausstellung Expo mal wieder beweisen wollen, was am Golf alles möglich ist. Schon jetzt locken die Sandstrände und die in den Hauptreisezeiten September bis Dezember sowie März bis Mai angenehmen Wassertemperaturen die Touristen an. Auch diejenigen, die sich die Fünf-Sterne-Luxusherbergen wie das Burj Al Arab mit seinen rotierenden Betten und den getrüffelten Pommes frites oder die Unterwasser-Suiten im Atlantis nicht leisten können. Dass inzwischen entgegen den Landessitten in jedem Hotel der internationalen Ketten auch Alkohol ausgeschenkt wird, ist ein Kompromiss, den die streng moslemischen Gastgeber eingegangen sind.

Schließlich hat man in den Emiraten längst mit der Zukunftssicherung begonnen. Schon jetzt exportiert Dubai, dessen Erdöl-Vorkommen in 25 Jahren komplett erloschen sein werden, nicht mehr ins Ausland. Abu Dhabi beliefert die Welt zwar noch fleißig mit seinem flüssigen Gold, doch spätestens in 140 Jahren ist auch hier Schluss. „Die Emirate sind aber viel mehr als nur Dubai und seine Tower“, sagt Daniel Bloss, Sales-Manager im Waldorf-Astoria in Ras al-Khaimah, einem kleinen Emirat im Norden. Während man hier abseits der glühend heißen Monate Juni, Juli und August auf Outdoor-Erlebnisse setzt, etwa auf die Zipline (Seilrutsche) der Via Ferrata in den zerklüfteten Bergen oder auf Wüsten-Erlebnisse wie die im noblen Al Wadi Desert Resort, kommt im südlicher gelegenen Abu Dhabi (zu Deutsch: „Vater der Gazelle“) auch die Kunst nicht zu kurz.

Erst im November 2017 eröffnete Emmanuel Macron hier für Kunstfreunde den Louvre Abu Dhabi. Ein Guggenheim-Museum in unmittelbarer Nachbarschaft ist fest eingeplant. Denn die Emiratis wollen auch in Zukunft ihre Träume aus Tausendundeiner Nacht gepflegt in den Sand setzen.

© Gmünder Tagespost 25.05.2018 16:41
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