Entspannen in den Zauberbergen

Schweiz Wer im Winterurlaub nicht nur die Skihänge heruntersausen möchte, findet im Skigebiet Davos-Klosters einige erholsame Alternativen.
  • Foto: Nicole Schmidt

Kein Anstehen, wie angenehm. Galant reicht der Liftwart seinen Gästen einfach den altmodischen Schleppbügel. Jedem einzeln, mit der Hand und einem freundlichen Nicken. Urige Schweizer Volksmusik perlt aus dem Radio in seinem Holzhäuschen. Gemächlich zuckelt der Lift bergan. Und oben wartet ein sanft abfallender Sonnenhang – ganz ohne Pistensäue, die einem in den Weg rasen. „Das ist Skifahren, wie es früher einmal war“, seufzen drei Freundinnen und lassen ganz entspannt die Bretter den „Slow Mountain“ hinabgleiten.

Die drei sind durchaus sportlich, lieben Bewegung in der Natur und die verschneiten Schweizer Berge. Aber sie stürzen nun mal nicht gern im Schuss die schwarzen Hänge hinab. Und winken bei Superlativ-Abfahrten mit Dutzenden von Kilometern ab. Deshalb sind sie hergekommen in die Graubündner Verbundgemeinden Davos-Klosters, die gerne mit entschleunigten Wintertagen werben. Eines der sechs Skigebiete, Schatzalp/Strela, heißt dementsprechend „Slow Mountain“. Und der Name passt: Es scheint Lichtjahre entfernt von Davos und liegt doch bloß 300 Meter höher als die höchstgelegene Stadt der Alpen.

Ehemaliges Luxus-Sanatorium

Mit der Standseilbahn zuckelten schon vor über 100 Jahren Lungenkranke hoch zur Schatzalp, wo damals ein Luxus-Sanatorium stand. Heute ist es ein Hotel mit einem ganz eigenen, aus der Zeit gefallenen Charme. Und mit ebendiesem kleinen, feinen Skigebiet, dessen Anlagen über ein Jahrzehnt stillstanden und nun ohne jeden Anflug von Modernität wieder renoviert sind. Zwei Bügelschlepper, eine Handvoll Pisten, ein Schlittenweg hinunter. Das war’s.

Langlaufloipen für Jedermann

Superschön, nur auf die Dauer vielleicht doch ein wenig eintönig, finden die drei Freundinnen. Aber es gibt ja noch andere entschleunigende Arten, den Winter zu genießen. Winterwandern, sehr romantisch zum Beispiel von Frauenkirch aus ins abgeschiedene Sertigtal. Oder Langlaufen: Könner schätzen die sehr anspruchsvolle Loipe auf der Weltcup-Strecke im Flüelatal, Anfänger die beinahe topfebene über den Golfplatz mit Abendbeleuchtung. Oder aber Schneeschuhwandern.

Der ultimative Ort dafür ist der Pischa: „Was ihr gleich erlebt, werdet ihr euer Leben nicht mehr vergessen. Dieses Gefühl von unendlicher Freiheit und Naturverbundenheit überwältigt selbst mich immer wieder“, sagt Schneeschuh-Guide Beat Däscher, der mit den drei Freundinnen im Pischa-Bus sitzt. Er bringt sie von Davos-Dorf aus zu diesem Berg, der einfach wieder Berg sein darf.

Unberührte Glitzerschnee-Welt

Das Gefühl von unendlicher Freiheit überwältigt mich immer wieder.

Beat Däscher
Schneeschuh-Guide

Die Skilifte sind stillgelegt, es gibt kaum präpariere Pisten mehr, nur eine Pendelbahn von der Talstation Dörfji hinauf. Kein Gedränge hier. Ein halbes Dutzend Tourengeher, junge Männer mit Fatbikes – das sind Mountainbikes mit extrem breiten Reifen – und andere Wanderer mit Schneeschuhen im Gepäck steigen noch in die Gondel.

Oben, in 2 500 Meter Höhe, empfängt sie klirrende Kälte. Minus 17 Grad zeigt das Thermometer. Erst mal noch tiefer einmummeln, mit klammen Fingern das Lawinensuchgerät und die Schneeschuhe umschnallen. Auweia, das wird anstrengend.

Aber dann sehen sie das atemberaubende Bergpanorama um sich herum. Und alle packt die Lust loszumarschieren in dieser scheinbar unberührten, sanfthügeligen Glitzerschnee-Welt. Jeder Schritt knirscht. Guide Beat, seit 49 Jahren Bergführer und Skilehrer, stapft voran. „Da“, sagt er und zeigt auf die einzigen Spuren im Schnee – von scheuen Schneehühnern.

Der Guide weiß genau, wie man am besten auf dem Kamm des Flüelabergs vorwärtskommt, wo man aufpassen muss, damit man nicht zu tief in den Schnee einsinkt, wo sie schnaufend einen kleinen Hang für die beste Aussicht erklimmen müssen: um sie herum nur Berggipfel, das Parsenn-Gebiet, Schwarzhorn, Weißhorn, Sentis, alle fast 3 000 Meter hoch, und ganz unten im Tal das winzige Davos, der zugefrorene See. Ganz bewusst nehmen sie das wahr, heben die Arme, schreien und lachen vor Freude, und es macht überhaupt nichts aus, dass Haare und Augenbrauen steif gefroren sind.

Erholung in uriger Atmosphäre

Dann geht es bergab, bis die Mäderbeiz-Hütte auftaucht. Ein Feuer knistert im Kamin. Entspannt lehnen sich alle auf dem weichen Fell zurück, das als Stuhlkissen dient. Und können Beat nur zustimmen. Diese Ruhe hier, sagen sie, sollten auch mal die Skiraser erleben, die immer auf ihren Pistenautobahnen unterwegs sind.

© Gmünder Tagespost 19.01.2018 12:37
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