Friedliche Nachbarn der Kulturen

Russland 800 Kilometer entfernt von Moskau mischen sich in Kasan die Religionen. In der Metropole an der Wolga trifft die deutsche Elf bei der WM auf Südkorea.
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In Tausendundeiner Nacht ist Kasan am schönsten. Scheinwerfer beleuchten die weiße Moschee, die auf einem Hügel thront und wirkt wie der prächtige Palast eines Sultans: Die kleinen Halbmonde auf den schlanken, türkis schimmernden Minaretten scheinen fast den Sternenhimmel zu berühren. Doch schon vorher wohnt diesem Ort ein Zauber inne, wenn die Sommersonne tief steht und ihr warmes Licht hinter den Schäfchenwolken jenseits der Wolga hinüberblinzelt. Dann strahlen direkt neben der Moschee die blauen Zwiebeltürmchen der Kathedrale, und die Kuppel des Gotteshauses funkelt wie ein großes Goldstück.

Nach Moskau und Sankt Petersburg gilt Kasan als dritte Schönheit Russlands, pocht aber auch darauf, Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan zu sein. Russische Touristen, die den Kultur-Mix erkunden, gibt es busgruppenweise. Doch jenseits der Landesgrenzen kennt kaum einer diese Millionenmetropole. Nur Reisende, die auf der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs sind oder sich bei einer Flusskreuzfahrt die Wolga entlangschippern lassen, machen in Kasan einen Tag Station.

In einem Vorort von Kasan baut ein exzentrischer Philosoph und angeblicher Wunderheiler seit ein paar Jahren an einem „Tempel aller Religionen“, dessen wilde Architektur immerhin 16 Glaubensrichtungen repräsentieren soll. Auf Straßenschildern wäre eine solche Vielfalt dann doch etwas unübersichtlich, sie sind mit Russisch und Tatarisch aber immerhin zweisprachig. Der Muezzin und der orthodoxe Priester singen ihre Gebete ebenfalls parallel, der eine in der neu erbauten Kul-Scharif-Moschee, der andere in der ein paar Jahrhunderte älteren Mariä-Verkündigungs-Kathedrale. Beide Gotteshäuser darf besichtigen, wer nicht allzu viel Haut zeigt – auch bei den Kleidervorschriften ist man sich einig. Der gesamte Komplex zählt heute zum Unesco-Weltkulturerbe.

Der Kasaner Kreml

Hinter den meterdicken Mauern der Zitadelle erwartet einen im Kasaner Kreml also eine Schatztruhe, prall gefüllt mit Kunstwerken. Manche, wie die Ikone von der „Gottesmutter von Kasan“, können angeblich Wunder vollbringen: Nicht nur zu den Gottesdiensten, sondern den ganzen Tag über versammeln sich Gläubige zum Beten. Die Festung entpuppt sich aber auch als eine Burg der Geheimnisse und Geschichten. Denn viele Jahrhunderte lang lag hier am Handelsweg von Asien nach Nordeuropa das Machtzentrum eines muslimischen Khanats. Bis Iwan der Schreckliche im Jahr 1552 die Moschee zerstörte und alles dem Erdboden gleichmachte: Mit der Eroberung der Hauptstadt des Turkvolkes machte er sich zum ersten Zar, und es begann Russlands Weg zur Weltmacht.

Der Sujumbike-Turm

Die zerstörte Moschee ist inzwischen wiederaufgebaut. Der Einfluss des Orients zeigt sich auch in dem fantastischen Märchen, das man sich über den Sujumbike-Turm erzählt. „Schön und klug zugleich soll Sujumbike gewesen sein: Niemand konnte der letzten Herrscherin von Kasan das Wasser reichen“, berichtet Marsel Urazaev.

Kratze an einem Russen, und es kommt ein Tatar zum Vorschein.

Kasanisches Sprichwort

Eigentlich ist er Deutschlehrer, doch in den Ferien bessert er sein Gehalt als Reiseführer auf. Er weiß also, dass Iwan der Schreckliche um Sujumbikes Hand anhielt, prompt einen Korb bekam und eigentlich nur deswegen mit seinem Heer anrückte, um dem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Sujumbike stellte eine Bedingung: Ihr ungeliebter Iwan musste innerhalb von sieben Tagen einen Turm bauen, größer und schöner als alle anderen weit und breit.

Ob Zufall oder nicht: Heute hat der Sujumbike-Turm sieben Stockwerke – drei quadratisch und damit russisch, die darüberliegenden achteckig und damit tatarisch. Fräulein Sujumbike überlegte es sich am Ende übrigens anders und stürzte sich von ganz oben in den Tod. Historiker haben an dieser Geschichte zwar viel auszusetzen, bis heute steht der Turm dennoch für den Freiheitswillen der Tataren.

Wer sich auf die Spuren jenes Volkes begibt, das heute noch etwa die Hälfte der Bevölkerung stellt, wird nicht zum Verzehr blutiger Fleischstücke gezwungen. Dass die berühmten Reiter tatsächlich rohe Brocken unter ihren Sätteln mürbe geritten und so das „Beefsteak Tatar“ erfunden haben, ist noch so eine wunderschöne Legende.

Nach einem Spaziergang durch die Altstadt landet man bei den kleinen bunten Holzhäusern des Tatar Village. Hier türmen sich Fladen mit Kartoffeln, Fleischpasteten und gebackene Enten wie zum Beweis, dass die Tataren alles andere als Barbaren sind.

„Kratze an einem Russen, und es kommt ein Tatar zum Vorschein“, witzeln sie in Kasan. Die Kulturen haben sich vermischt, und abgesehen von ewiggestrigen Fundamentalisten hat niemand ein Problem mit dem brüderlichen Miteinander der Religionen.

Auf der anderen Flussseite huldigen sie derweil dem Fußballgott. Die Kasan-Arena ist der neueste Tempel der sportbegeisterten Stadt. In der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft trifft die deutsche Fußballnationalmannschaft dort auf das Team aus Südkorea. Während in anderen Stadien oft der russische Adler zu sehen sein wird, ist hier ein geflügelter Schneeleopard das Symbol des Austragungsortes. Wer in Kasan lebt, blickt eben schon von Asien auf Europa.

© Gmünder Tagespost 08.06.2018 17:49
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