Im Farbenrausch des Revolutionärs

Mode Für Yves Saint Laurent war Marokko eine Offenbarung – sein einstiger Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé hat dem Modeschöpfer mit einem Museum in Marrakesch ein Denkmal gesetzt.
  • Der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent.
    Fotos: Nicolas Mathéus, Reginald Gray/Fondation Jardin Majorelle
  • Fotos: Nicolas Mathéus, Reginald Gray/Fondation Jardin Majorelle

Marrakesch, die Lieblingsstadt des französischen Modeschöpfers Yves Saint Laurent, kann sich derzeit vor der Invasion an Modefans kaum retten. Jeder will hierherkommen, in das neue Musée Yves Saint Laurent Marrakech. Der fensterlose Bau aus rosa Granit und Ziegelsteinen, einer trutzigen Wüstenburg nachempfunden, ist momentan der Hotspot in Marokko schlechthin. Die langen Schlangen vor dem Ende Oktober 2017 eröffneten Mode- und Kunstmuseum sind mittlerweile kürzer geworden. Das lang gestreckte Gebäude in der Rue Yves Saint Laurent grenzt direkt an den berühmten Jardin Majorelle.

Der schönste Garten der Welt

Das 1923 vom französischen Maler Jacques Majorelle angelegte und 1980 von Yves Saint Laurent und seinem einstigen Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé aufgekaufte botanische Anwesen mit der Villa in leuchtendem Majorelle-Blau gilt als einer der schönsten Gärten der Welt. Hier hat Yves Saint Laurent (YSL) die letzte Ruhe gefunden, seine Asche wurde nach seinem Tod 2008 dort verstreut.

Drinnen im YSL-Museum ist es ziemlich dunkel. Nichts soll von den 50 Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Kreationen des scheuen französischen Modeschöpfers ablenken, die in der Yves Saint Laurent Hall auf gesichtslosen schwarzen Figuren präsentiert werden. Da sind sie alle zu bewundern, etwa eines der berühmten Mondrian-Kleider, schimmernde, lange Roben mit Bolero aus der Frühjahrskollektion 1988, aber auch eine kurze Version mit Shorts des eleganten „Le Smoking“ von 1968 –einfach ein Rausch an Formen und Farben.

In dem rund 4 000 Quadratmeter großen Kulturzentrum sind zudem Räumlichkeiten für Wechselausstellungen, eine Bibliothek, ein Auditorium, ein Café sowie ein Buchladen untergebracht.

„Ich war wie betäubt, als ich Marrakesch zum ersten Mal sah. Die Stadt hat meine Augen für Farbe geöffnet“, hat Yves Saint Laurent gesagt. Das galt zu Lebzeiten von ihm ebenso wie heute für Tausende von Touristen. Kein Wunder, tut sich doch hier eine fremde, orientalische Welt auf, die alle Sinne anspricht. Am eindringlichsten wird dies dort erlebbar, wo traditionelle Architektur und Natur eine Symbiose eingehen. Etwa in dem palastähnlichen, nur nach Absprache zugänglichen Domizil von Serge Lutens.

Das Parfüm Marokkos

Dieses Labyrinth aus erworbenen Gebäuden des großen Duftschöpfers mit handgeschnitzten Zedernholzdecken und filigran verzierten Wänden ist durch lange, hohe Gänge miteinander verbunden. Die fast bedrückende, die Außenwelt abschirmende völlige Dunkelheit der Räume wird immer wieder durch Lichthöfe aufgebrochen.

Lutens war wie YSL bei seiner ersten Marokko-Reise im Jahr 1968 von den ihm bis dato unbekannten Eindrücken infiziert worden – zuvor war ihm Parfüm gleichgültig gewesen: „Ich roch dort die Lieblichkeit und auch die Üppigkeit der Hölzer, das ganze Gemisch aus Luft, Sonne, Staub und Ausdünstungen, das sich über das Holz verbreitete. Das Zedernholz, das in winzigen Zimmermannsbuden zersägt wurde, während ich vorüberging.“

Die Stadt hat meine Augen für Farbe geöffnet.

Yves Saint Laurent
Modeschöpfer

Ein kleines Paradies

Auch die Schweizerin Christine Ferrari verliebte sich bei ihrem ersten Aufenthalt in dieses Land. Sie betreibt seit einigen Jahren mit einer Handvoll marokkanischer Mitarbeiterinnen die Safran-Farm Le Paradis de Safran – in der Tat ein kleines Paradies auf dem Weg in das bei Einheimischen wie Touristen beliebten Ourika-Tal. Bemerkenswert ist ihr Mini-Open-Air-Restaurant, in dem an mit Blüten geschmückten Tischen ein ausgezeichnetes Safran-Menü serviert wird. Die hauchdünnen Fäden der violett leuchtenden Krokus-Blüten geben den Speisen ein absolut unverwechselbares Aroma.

200 Blüten für ein Gramm

Zur Erntezeit kann man zuschauen, wie die Arbeiterinnen das teure und seltene Gewürz aus Bergen von Blüten gewinnen. In jedem der Blütenkelche befinden sich nur drei Stempelfäden, die vorsichtig von Hand herausgezupft werden. „Für ein Gramm Safran werden rund 200 Blüten benötigt“, erläutert Christine Ferrari. Und sie warnt: „Sie glauben gar nicht, wie oft Safran gefälscht wird.“

So viele Farben, so viele Eindrücke. Kein Wunder also, dass Marrakesch einen regelrechten Hype erlebt. Wer auf sich hält, erfüllt sich auch bei der Unterkunft den Traum von Tausendundeiner Nacht – etwa im Amanjena, einem weitläufigen Luxusressort im maurischen Stil, etwas außerhalb der Millionenstadt und eingebettet in eine drei Hektar große Oase aus Olivenhainen und Dattelpalmen.

Wunderbare Erinnerung

Hier gibt es keine Zimmer, die Gäste wohnen in Pavillons, teils mit eigenen Gärten. Man wird sich vielleicht sein Leben lang an die Farben und Düfte Marrakeschs erinnern. Und man wird auch verstehen, weshalb so viele Menschen ihr Herz an diese Stadt verloren haben. Wie Serge Lutens, wie Christine Ferrari – und wie Yves Saint Laurent.

© Gmünder Tagespost 19.01.2018 12:59
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