Im Kanu zu den Kasnudeln schippern

Österreich Manche Urlauber rasen auf der Autobahn durch Kärnten, um kurz darauf an der Adria zu sein. Viele aber bleiben und genießen die Berge, die kristallklaren Seen und das mediterrane Klima.
  • Foto: Eichmüller

Sie heißen Hans und Waltraud oder Erich und Renate. Und sie haben sich einen Ehrenplatz verdient. Ihre Handabdrücke in Beton zieren die Außenwand des Restaurants am Campingplatz Burgstaller in Döbriach am Millstätter See. „Alle, die hier verewigt sind, kommen seit mindestens 35 Jahren zu uns“, sagt Arndt Burgstaller stolz. Bald wird sich der Campingplatz-Chef überlegen müssen, wie er die Wiederholungstäter ehren soll, die ihm seit einem halben Jahrhundert treu sind. Umtriebig wie er ist, wird ihm dazu etwas einfallen.

Eine einfallsreiche Geschäftsidee

Schon vor über 60 Jahren hatte Arndts Vater Dieter, damals ein Bauernjunge in Lederhosen, einen Einfall. Weil regelmäßig auf der sumpfigen Rosswiese am See, die der Familie gehörte, Fremde ihre Zelte aufschlugen, fasste er eines Tages seinen ganzen Mut zusammen. „Er verlangte von jedem zwei Schilling“, erzählt Arndt. Umgerechnet waren das 15 Cent. „Alle haben bezahlt. Und am nächsten Abend wieder.“ Als bekannt wurde, wie Dieter sein Taschengeld aufbesserte, gab es zu Hause statt der befürchteten Tracht Prügel Lob für die Geschäftsidee. Ein paar Jahre und viele Schilling später wurde 1964 der Campingplatz eröffnet, der inzwischen einer der größten unter den über 100 Plätzen in Kärnten ist.

Ravioli bloß nicht aus der Dose  

Bleibt die Frage, was die Touristen, die mit ihren Wohnanhängern und Caravans vor allem aus Deutschland und Holland anreisen, immer wieder nach Kärnten zieht. Sind es die 200 größeren und kleineren Seen, die trotz eiszeitlichen Ursprungs im Sommer mollige 24 Grad und mehr erreichen? Sind es die unzähligen Freizeitangebote, die vom Mountainbiking über die Kanufahrt auf der Drau bis zum Klettern in allen Schwierigkeitsgraden und zum Schürfen von Halbedelsteinen reichen? Ist es die Kultur? Und das gute Essen?

Manchem Camper wurde einst nachgesagt, sein kulinarischer Gipfel sei mit aufgewärmten Dosenravioli erreicht. Genau an diesem Punkt setzten die Kärntner an – und servierten Kärntner Kasnudeln. Die wohlschmeckenden gefüllten Teigtaschen sind nur dann echt, wenn die Teigränder von Hand zopfartig zusammengedrückt, also „gekrendelt“ sind. „A Dirndl, des net krendeln ko, kriagt koan Mo“, besagt ein Sprichwort. Wer nicht krendeln kann, bleibt Single.

Krendeln heißt, die Teigränder der Kasnudeln zusammenzudrücken.

Arndt Burgstaller

Das Herz blieb in Kärnten

Ob der Bayer Marcus Hartinger durchs Krendeln sein Herz in Kärnten verloren hat? Das bayrische Granteln jedenfalls hat er hier abgelegt. „Dafür ist es hier einfach zu schön.“ Mit seiner Frau Barbara betreibt Marcus am Ossiacher See den Campingplatz Berghof. Wobei der Name in die Irre führt. Er liegt nicht auf einem Berg, sondern direkt am See. „Das Grundstück gehörte früher der Familie Berg“, erzählt Marcus, „hier hat Alban Berg seine Oper ,Wozzeck‘ komponiert.“ Das klassische musikalische Erbe wird in Ossiach jedes Jahr mit einem großen Musikfest gepflegt.

Johann Anderwald begeistert eine andere Musikrichtung. Der Seniorchef vom Camping Anderwald am Faaker See freut sich jedes Jahr auf Anfang September. Denn der Sound PS-starker Motorräder, die sich hier zur „European Bikeweek“ treffen, ist Musik in seinen Ohren. Nicht nur, weil dann auf seinem Campingplatz die Zweimannzelte der Motorradfahrer dicht an dicht stehen. „Die Biker sind ganz nette Leut’“, sagt Anderwald und verwöhnt sie mit seinem selbst angesetzten Zirbenschnaps. Wem es aber zu viel wird, wenn 60 000 chromglänzende Motorräder im Gegenuhrzeigersinn um den Faaker See cruisen, der kann im Kanu in die Schilfkanäle des Sees flüchten und sich wie in den Everglades fühlen.

Verrückte Ideen

Arndt Burgstaller steht dagegen eher auf Schlager- und Schunkelmusik. Ein selbst getexteter Werbesong für seinen Campingplatz hat es vor ein paar Jahren sogar in die Hitparade geschafft. Noch eine verrückte Burgstaller-Idee gefällig? Weil Arndt Toilettenhäuschen auf Campingplätzen immer schon langweilig fand, hat er ein Sanitärgebäude mit schiefen Wänden und integriertem Piratenschiff gebaut, das aus einem Fantasyfilm stammen könnte. „Ein Mittelding aus Hundertwasser und Gaudi, nur schöner“, ist Arndt überzeugt. Und weil er gerade in Fahrt ist, zeigt er auch noch seinen 60 000 Euro teuren Campingstellplatz, der sich dank eines Elektroantriebs mit der Sonne dreht und der seinerzeit der erste weltweit gewesen sein soll, „wenn nicht sogar in Österreich“. Auch wenn das Drehlager wegen Korrosionsschäden inzwischen ab und zu mal streikt, gibt es Stammgäste, die diesen Platz an der Sonne immer wieder buchen. Ob die 35-mal oder noch öfter kommen werden? Daueroptimist Arndt hat da keine Zweifel.

© Gmünder Tagespost 11.01.2019 16:06
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