Im Zug nach Stillstand reisen

Tschechien Im Altvatergebirge kann man auf den Spuren von Comicfigur Alois Nebel mit dem Zug fahren und sich von Absinth die Sinne vernebeln lassen.
  • Foto: Sascha Rettig

Alois Nebel gibt es eigentlich nicht und trotzdem steigt er in Ramzová in den Zug. Mit seiner jahrzehntealten Bahnuniform, dem getrimmten Schnurrbart und der markanten Brille scheint der fiktive Bahnwärter geradewegs der gleichnamigen Graphic-Novel entsprungen. Während der Zug durch die winterromantische Natur des tschechischen Altvatergebirges rattert, steht der Mensch gewordene Alois im Abteil und erzählt. Dabei geht es aber weder um die Geschichte des tschechischen Comic-Erfolgs oder die Sudetendeutschen-Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg in dieser Gegend, die darin thematisiert werden; noch berichtet er von der Verfilmung, die sogar mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, oder den zahlreichen Drehorten, die man entlang der Bahnstrecke aufsuchen könnte. Nein, als Bahnangestellter berichtet er natürlich vor allem mit Begeisterung von der Bahn.

Alles aus Comics

„1887 wurden die Gleise verlegt, als Handelsverbindung nach Polen“, sagt Alois. Durch ein enges Tal, dichte Wälder und kleine Städtchen führt die Strecke, entlang eines plätschernden Flüsschens und hoch über den Ramsauer Pass, wo mit Ramzová die höchste Bahnstation Tschechiens liegt. In Bíl Potok steigt Alois wieder aus. Wie den Bahnwärter selbst gibt es auch diesen Ort nur in den Comics. In Wirklichkeit heißt er Horní Lipová. Und auch Alois klärt auf, dass er zwar selbst mal Bahnangestellter war, sogar genau hier, aber eigentlich Petr heißt und nur ab und zu in die Nebel-Rolle schlüpft. „Am Abend müsst ihr den Fernseher einschalten - ich bin in einer Survival-Reality-Show dabei, die im Urwald auf den Philippinen gedreht wurde“, sagt er zum Abschied.

Die melancholische Eisenbahner-Ballade „Alois Nebel“ aus dem Sudetenland hat nicht nur den Blick vieler Tschechen auf die lange Zeit dünn besiedelte Region des Altvatergebirges und dessen schmerzvolle Historie verändert. Außerdem half die Popularität bei der touristischen Entdeckung. Viele Hotels und Pensionen sind in den vergangenen Jahren entstanden oder wurden aufgerüstet. Die Preise sind verhältnismäßig günstig.

Geheimtipp mit wilder Natur

Trotzdem ist diese Mittelgebirgsregion nahe der polnischen Grenze noch so etwas wie ein Geheimtipp mit wilder Natur und vielen Möglichkeiten zum Wintersport, bei dem man die deftigen Mahlzeiten mit Wild, Knödeln und Bier wieder abtrainieren kann. Familien zieht es etwa in das moderne Resort Kralicák – für Abfahrt, Langlauf, Schneeschuhwandern oder Spaßdisziplinen wie Snow- Tubing. Dolní Morava hingegen bietet mehr als zehn Kilometer Piste, Entspannung im schick aufgemöbelten Wellness-Hotel Vista und mit dem Skywalk eine ungewöhnliche verknäuelte Aussichtsplattform hoch oben auf dem Berg.

Willkommen in Stillstand!

Tomas Hradil
Bewohner

Auch beim Ausflug mit Guide David Kobza schweift der Blick zum Gleitgeräusch der Ski immer wieder durch Naturpanoramen und auf den Altvater, den Pradèd, der mit 1491 Metern der höchste Berg der Region ist. Im Winter kann man im Jeseníky-Gebirge insgesamt auf rund 340 Kilometer gut gepflegter Loipe langlaufen. „Früher lebten hier viele Deutsche, die Sudetendeutschen, aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie vertrieben“, erklärt der 33-Jährige zur Mittagsrast in der Schweizer Hütte. „70 bis 80 Prozent der Dörfer waren plötzlich verlassen und mussten erst wieder besiedelt werden.“ Manche Dörfer wurden sogar ganz vergessen.

Nebel über der Vergangenheit

„Willkommen in Stillstand!“, ruft Tomas Hradil in einem dieser Dörfer zur Begrüßung. Stillstand existiert zwar seit fast 70 Jahren nicht mehr, hat aber trotzdem einiges zu erzählen. „Die verlassene Gegend ist für mich wie ein Vorhang, hinter dem sich eine spannende Geschichte verbirgt“, sagt Tomas, der seit knapp zwei Jahren mit seiner Frau in dem verlassenen Ort lebt. Die meisten Gebäude wurden nach der Vertreibung in Brand gesetzt. „Durch die Zerstörung der Häuser sollte wohl auch der dunkle Teil der deutsch-tschechischen Geschichte ausradiert werden“, sagt der 44-Jährige, der den Nebel über der vergessenen Vergangenheit vertreiben will.

Wellness-Oase und Absinth

Zwischen kleinen Entdeckungen wie Stillstand und Winterausflügen gibt es immer auch unterschiedliche Möglichkeiten zu entspannen: im Thermalbad, in einer Wellness-Oase in der eigenen Pension oder bei einem die Lebensgeister hochjagenden Priessnitz-Heilbad im Spa, das nach dem berühmten Hydrotherapeuten benannt ist. Oder man lässt den Tag bei einer Absinth-Probe in der „Bairnsfather Distillery“ ausklingen, bei der auch Johnny Depp schon mal Kunde war. Der Betreiber ist Kyle, ein Amerikaner, den es vor mehr als zehn Jahren ins Altvatergebirge verschlug. Er blieb, weil er die ehrliche Art der Tschechen hier mag. Und ihren Humor. In seinen Absinth- und Schnapskreationen steckt nun die Natur der Gegend: Das Wasser kommt aus der Bergquelle. Und die Pflanzen und Kräuter, die größtenteils hinter dem Haus wachsen, werden sofort im Alkohol verarbeitet. Ob es am hochprozentigen Berauschen liegt? Statt der grünen Fee, die nach zu viel Absinth angeblich gern mal erscheint, taucht am Abend in der Pension bizarrerweise plötzlich Alois Nebel auf dem Bildschirm auf und sitzt mit freiem Oberkörper im philippinischen Dschungel. Ach ja, die Reality-Show!

© Gmünder Tagespost 16.03.2018 10:22
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