Lummerland trifft „Sodom & Gomorrha“

Karibik Die Insel St. Lucia preist ihre Schätze mit einem neuen Motto an: „Let her inspire you“ (Lass sie Dich inspirieren). Das passt zum prallen Leben dort.
  • Foto: Michael Werner

Egal ob irgendwo ein Präsident zurücktritt oder ein Krieg ausbricht oder ein Popstar stirbt – die Tage des Rastafaris mit der schwarzen Wollmütze beginnen kurz vor 7 Uhr morgens immer gleich: Erst fischt der Poolputzer Blätter aus dem geschmackvollen Swimmingpool des Bay Gardens Beach Resorts im Norden St. Lucias, dann schabt er jene Ansätze von Algen, die sich innerhalb der letzten 24 Stunden gebildet haben könnten, vom tiefen Boden des Beckens. Rund 100 US-Dollar (ca. 81 Euro) beträgt in St. Lucia der monatliche Mindestlohn, und der Rasta übt seinen Job seit 20 Jahren aus. Ob er Gefallen daran gefunden hat? „Mein Vater hat einst zu mir gesagt: ,Was immer du machst –mach es gut!’“

Die Villa für Berühmtheiten

Eine Minibus-Viertelstunde nördlich des familienfreundlichen Pool-Hotels befindet sich –ebenfalls direkt am Meer - eine Luxusunterkunft, die noch ein paar Sterne mehr gesammelt hat. 1500 US-Dollar zahlen Gäste dort – pro Nacht – für die schönste Privatvilla mit lauschiger Sonnenterrasse. „Berühmtheiten buchen diese Villa gerne“, behauptet Meriah Gaston-Ebbin, die elegante Chef-Gästebetreuerin des Cap Maison.

Wenn man sie fragt, wie St. Lucianische Angestellte freundlich damit klarkommen, dass ausländische Gäste das Vielfache ihres Monatslohnes für eine Nacht verjubeln, dann tut sie zunächst charmant so, als verstehe sie die Frage nicht. Nach einer Weile sagt sie: „So ist nun mal ihre Mentalität. Und sie hoffen auf Trinkgeld.“

Weil vieles im Leben relativ ist, wirkt das Cap Maison nachgerade günstig im Vergleich zu „St. Lucias romantischstem Luxusresort“ (Eigenwerbung), dem Jade Mountain unweit des sympathischen Städtchens Soufrière im Süden der Insel. Direkt oberhalb des Anse Chastanet, einem der schönsten Schnorchelstrände der Karibik, hat der russisch-kanadische Architekt und Hotelier Nick Troubetzkoy offene Betonsuiten in den Berg hauen lassen, für die die gerne per Helikopter anreisende Klientel rund 3000 US-Dollar pro Nacht hinlegt.

Also noch mal: Warum bleiben die Lucianer freundlich? Warum ruft niemand „Go home whitey!“ wie auf anderen Karibikinseln? Warum ist die Kriminalität Touristen gegenüber in St. Lucia vergleichsweise gering?

Im Dschungel mit Hollaröhdulliö

„Na ja, die Leute, die in solch teuren Resorts wohnen, sieht man nicht auf der Straße“, sagt David Davis, ein hochgebildeter Rastafari, der als Fahrer für ein Transportunternehmen Touristen und einheimische Arbeiter quer über die Insel kutschiert, während er von der Eröffnung eines Gartens mit medizinisch wirksamen Pflanzen träumt. „Diese Leute verlassen ihr Hotel kaum.“

Welch eine Verschwendung! Denn St. Lucia schäumt schier über vor prallem Leben – gerade außerhalb der Hotels. Im Regenwald unweit von Babonneau, dem Heimatort des weisen Fahrers, haben zum Beispiel ein paar Österreicher Betonpfeiler in den Boden rammen lassen und sie mit Drahtseilen verbunden. Ziplining nennt sich die rasante Dschungel-Erkundung mit Helm und Hollaröhdulliöh, die auch bei weit gereisten Mittvierzigern kindliche Begeisterung auszulösen vermag. Die „Adrena-Line Zipline Tour“ ist zwar nicht gerade die natürlichste aller Naturannäherungen, aber ein großer Spaß – und ein ernst zu nehmender Arbeitgeber in einem Land mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent.

Die Lummerland-Berge

Weitaus ursprünglicher und um vieles rustikaler: die Besteigung des Gros Piton, des etwas höheren der beiden Zwillingsberge im Süden St. Lucias, die einst den Kinderbuchautor Michael Ende zu seiner Vorstellung von Lummerland inspirierten – jener Insel mit zwei Bergen, auf der Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, ihre Abenteuer erlebten. Straßenparty in Gros Islet

Leute, die in so teuren Resorts wohnen, sieht man nicht auf der Straße.

David Davis
Rastafari

Der Aufstieg zum 798 Meter hohen Gipfel des realen Gros Piton mutiert für untrainierte Zeitgenossen bald zur zweistündigen Schinderei, während die religiös-philosophischen Einlassungen des Rasta-Bergführers Lucienus schnell konkrete Bedeutung erlangen: Am Tag des Jüngsten Gerichts, sagt Lucienus, während es anderen längst die Sprache verschlagen hat, gäbe es nur zwei Möglichkeiten – Himmel oder Hölle. Am Gipfel angekommen, grandioser Meerblick! Den steilen Abstieg noch vor sich, weiß man nicht genau, was als Nächstes dräut. Lucienus jedenfalls, der den Berg erstmals mit neun Jahren und seitdem Tausende Male bestiegen hat, predigt pragmatisch: „Wir sind nur heute Freunde. Aber du solltest dich auch morgen noch daran erinnern, dass Zigaretten ungesund sind!“

Street Party Jump Up

Für die Katholiken der Insel liegt wenn schon nicht die Hölle, so doch mindestens Sodom und Gomorrha 60 Kilometer nördlich des Schweißberges. Zumindest während der Fastenzeit bleiben sie dem Friday Night Street Party Jump Up in Gros Islet deshalb fern. Auf der Soundsystem-Freiluftparty – der jamaikanischen Arme-Leute-Reggae-Tradition entlehnt, aber musikalisch dem Geschmack der Touristen angepasst – trifft man einige der alleinreisenden hellhäutigen Frauen mittleren Alters, die die Flugzeuge aus Kanada füllen. Man beobachtet, hält sich an Bierfläschchen der Marke Piton fest, kommt ins Gespräch.

„Xavier wollte die Verwendung des schwarzen Mannes als Sexobjekt verurteilen“, steht im Katalog einer Ausstellung des St. Lucianischen Künstlers Llewellyn Xavier auf Martinique. Wenn man St. Lucias führenden Maler in seiner Villa in den Hügeln über Gros Islet besucht, erzählt er lachend von seinen Anfängen in London, wohin er als Jugendlicher vor der Perspektivlosigkeit in seiner Heimat geflüchtet war: „Ich war nicht immer 73. Als ich jung war, wurden meine intellektuellen Fähigkeiten ignoriert. Ich wurde als Objekt gesehen.“ Er war früher sehr politisch: Anti-Rassismus-Kampf, Pro-Recycling-Kampf.

Kurz vor der Jahrtausendwende demonstrierte er erfolgreich dagegen, dass dem damals gerade im Entstehen befindlichen Sugar Beach Resort eine Hochzeitskapelle auf dem Gros Piton genehmigt wird. Heute fährt er manchmal zum Essen hin: „Sie behandeln mich gut. Sie hätten noch mehr Schaden anrichten können.“ Mit dem Minibus von der Rezeption ins Bett

Es gibt auch deutliche Worte

Man kann sich dem Luxusresort, das so ausladend angelegt ist, dass zwischen der Rezeption und den Villen japanische Minibusse und aus Bangkok importierte Tuk-Tuks verkehren müssen, auf verschiedene Arten nähern. Zum Beispiel per Boot von der Marigot Bay aus, einer der spektakulärsten Buchten der Karibik.

Unterwegs: scheinbar übermütige Delfine im Meer und deutliche Worte vom Kapitän hinter dem Steuerrad: „Unser neuer Premierminister Allen Chastanet, ein Weißer, will den Touristen zuliebe die Straßen von Straßenhändlern säubern. Und was sollen die armen Händler dann tun? Etwa Touristen ausrauben?“

Am Hafen von Soufrière wartet David Davis, der weise Fahrer, für das letzte Wegstück zum Sugar Beach Resort. Er erklärt, weshalb der einst quirlige Hauptplatz der Kleinstadt seit mehr als einem Jahr umzäunt und ausgestorben ist: „Das hat politische Gründe. Die letzte Regierung wollte den Platz restaurieren, aber der neue Premierminister hat die Arbeiten gestoppt, weil er offenbar eigene Vorstellungen hat. Die hat er bis heute noch nicht präsentiert.“

Hoch über der Marigot Bay sagt Susanna Bertola, nach der die prächtige Villa Susanna benannt ist, die die Italienerin und ihr Mann Sandro für viele Millionen Euro auf einem Cliff erbaut haben: „St. Lucia ist sicher!“ Und vor der Kathedrale der Hauptstadt Castries hadert ein Bettler: „Wir sind schwarz. Warum nur beten wir immer die Weißen an?“

© Gmünder Tagespost 13.04.2018 14:15
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