Mehr als nur Piste und Pasta genießen

Italien Im malerischen Aostatal werden nicht nur Skifahrer glücklich. Wanderer finden sich in einem Wintermärchen wieder, entdecken Kunst und Küche – und manchmal sogar Wölfe.
  • Foto: Roland Böckeler

Für winterliche Wanderfreuden muss im italienischen Aostatal mit seinen schroffen Bergen keiner in entlegene Winkel vordringen. Ruhiger Genuss ist selbst in Skigebieten möglich. In der Gondel schwebt man hoch über dem kleinen Örtchen Torg-non und über dem Alltag. Beim Ausstieg auf 1868 Metern streben Skifahrer den Pisten zu – und Ruhesuchende dem gespurten Fußweg. Flankiert von Tannen geht es durch einen Wintertraum, außer dem Knirschen des Schnees ist nichts zu hören. Die kühle Höhenluft erfrischt, das Panorama der Bergwelt begeistert. Mit einem freundlichen „Salve“ grüßen entgegenkommende Langläufer. Ein paar sich kreuzende Tierspuren sind im Schnee zu entdecken. Das Bilderbuchidyll endet erst am Schild „Fina Pista Pedonale“.

100 Kilometer Wanderwege

Diese Art von Stopp gibt es auf der anderen Seite des Tals nicht. Enge Serpentinen schlängeln sich vorbei an der Gemeinde Champdepraz in zahllosen Kurven hinauf. Am Hotel Mont Avic ist Endstation. Wer dieses Ziel wählt, ist kein Skifahrer. Denn Skipisten gibt es nicht im 1989 gegründeten ersten Nationalpark im Aostatal. Durch rund 5 800 Hektar Fläche ziehen sich gut 100 Kilometer Wanderwege – die Hälfte davon ist auch im Winter begehbar. Und zwar am besten in Schneeschuhen.

Welche Wege frei sind und wo eventuell Lawinengefahr besteht, weiß das Besucherzentrum. In 1 300 Meter Höhe geht es los mit breitbeinigem Schritt: Der ist mit Schneeschuhen angeraten, um sich nicht selbst auf die Füße zu treten. Trotz Stöcken ist volle Konzentration nötig, um im tiefen Neuschnee nicht umzukippen. Wo sich die Gedanken allein dem nächsten Schritt widmen, beginnt pure Erholung. Park-Ranger Roberto begleitet die Gruppe durch den Kiefernwald. Und immer wieder führt die Route über schmale Brücken. Die 40 kleineren Seen, die im Sommer im Nationalpark Erfrischung bieten, sind im Winter gefroren und gut verborgen.

Pelzige Eroberer

Unsichtbar bleiben auch die Wölfe. „Seit drei Jahren erobern sie wieder die Gegend“, sagt Roberto. Sie würden vom nahen Piemont kommen. Auch rund um Perloz im südöstlichen Teil des Aostatals wurden schon Wölfe gesichtet. Doch an diesem Wintertag ist gar kein Tier zu sehen, die Gegend mit ihren teils an Felsen geschmiegten Häusern wirkt wie verlassen. In der Tat, viele gingen weg, sagt der Guide – aber junge Leute kämen auch zurück.

Wer diese Gegend mit ihrem rauen Charme nicht nur als Urlaubsziel, sondern als Heimat wählt, muss die Abgeschiedenheit lieben. So wie Pino Bettoni. Der 75-Jährige hatte mit Blick auf den Ruhestand einst Teneriffa im Visier, bis ihn ein Freund auf Chemp aufmerksam machte, eine Ansammlung von verlassenen Häusern. Es gab keine Straße, Unkraut beherrschte die Szenerie. „Man muss was machen“, sagte sich Bettoni – und zog vor 20 Jahren hierher in die Nähe seines Geburtsorts. „Es ist eine Frage von Respekt vor den Erbauern, das lebendig zu halten.“

Seit drei Jahren erobern Wölfe wieder die Gegend.

Park-Ranger Roberto

Ins Villaggio d’arte, das Künstlerdorf Chemp, wie es nun heißt, führt mittlerweile eine schmale Straße. Bettoni ist der Künstler und einzige Einwohner. Doch Besuch bekommt er viel, von Tagesausflüglern und von Künstlerfreunden, die sich inspirieren lassen.

Wer vorbei an den Häusern Chemps flaniert, entdeckt überall Kunst. Ein großer Holzengel schwingt seine Flügel in einem Mauerdurchlass, geschnitzte Hühner – ein recht typisches Motiv im Aostatal – grüßen von Fenstersimsen. Filigran sind eine Dorfszene mit vielen Menschen und ein Schäfer mit Schafen, die Bettoni auf Balken an einer Fassade platziert hat.

Holz ist sein Element. Entsprechend riecht es in seiner Werkstatt, in der er auch kleine Schmetterlinge fertigt, die an einer Schnur entlang flattern. Wären da nicht die Satellitenschüssel und sein oft klingelndes Smartphone – man wähnte sich in längst vergangener Zeit.

Regionale Delikatessen

Die ist auch beim Wandern auf dem neu gestalteten Cammino Balteo greifbar. Etwa bei der Getreidemühle aus dem 16. Jahrhundert. Deren Restaurierung wurde ebenso von der EU gefördert wie die Wiederbelebung des Höhenwegs, der von vielen Kastanien gesäumt wird. Sie werden in vielen Küchen verarbeitet und zum Beispiel mit Honig serviert. Wie in der Osteria Cà du For in Perloz – einem schlichten Restaurant, in dem liebevoll und zu reellen Preisen mit Produkten aus der Region gekocht wird.

Statt Pizza oder Pasta werden lokale Spezialitäten kredenzt. Etwa die für das Tal typische Suppe mit Schwarzbrot, Kraut und Käse, danach ein lange gereifter, feiner Schweinespeck und luftgetrockneter Schinken. Oder wie wäre es mit Kartoffelscheiben, bestrichen mit Zwiebelmarmelade? Dass auch der passende Wein aus dem Aostatal kommt, überrascht kaum: Die mehrheitlich roten Trauben fühlen sich hier wohl – ebenso wie der Ruhe suchende Urlauber.

© Gmünder Tagespost 19.01.2018 12:17
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