Mit dem Frachter in die Idylle

Südsee Die Marquesas-Inseln passen nicht zum Klischee der Paradiese. Doch die wilde Schönheit des Archipels hat einst die Entdecker und später viele Künstler verzaubert.
  • Foto: Helge Bendl

Der Weg ins Paradies sei recht steinig, heißt es. Doch wer weiß das schon genau? Definitiv ziemlich steil ist der Weg, auf dem man in ein paar Stunden einmal quer über Fatu Hiva wandern kann. Doch die Tour lohnt sich, denn die Insel scheint einem Abenteuerroman von Jack London entsprungen zu sein. Was kein Zufall ist: Der Schriftsteller legte bei seiner Segeltour durch die Südsee auch in der spektakulären „Bucht der Jungfrauen“ an. Für den Poeten aus dem Norden war es Liebe auf den ersten Blick: „Man fühlt es fast wie einen Schmerz, so vollkommen ist die Schönheit.“ Mehr als 100 Jahre später liegt an derselben Stelle die „Aranui 5“ vor Anker. Das weiße Passagierfrachtschiff ist die wichtigste Verbindung zur Außenwelt: Bis heute gibt es keinen Flughafen, Besuch kommt selten.

Endlose Weite

Fatu Hiva ist die spektakulärste der 14 Marquesas-Inseln, ein Archipel in der scheinbar endlosen Weite des Südpazifiks. Mehr als 1500 Kilometer sind es bis nach Tahiti und zur Regierung Französisch-Polynesiens. Angeblich liegt kein besiedelter Ort weiter entfernt vom Festland. Passend dazu wirken die Inseln alle wie Festungen: Schroffe Berge erheben sich hier direkt aus dem tiefblauen Meer – in den Buchten von Fatu Hiva vor den beiden Dörfern Hanavave und Omoa können die Passagiere der „Aranui 5“ nur per Boot anlanden. An mehr als 1000 Meter hohen Bergen wächst dichter Nebelwald, in den engen Tälern rauschen neben Wasserfällen Tausende von Kokospalmen im Wind.

Insel der Aromen

Nur wenig mehr als 500 Einwohner haben hier ein ruhiges Leben. Wenn alle drei Wochen die „Aranui 5“ vorbeischaut, herrscht aber Betrieb. Kunsthandwerker verkaufen Schnitzereien und bemalten Rindenbaststoff. Der fruchtbare vulkanische Boden macht Fatu Hiva aber auch zu einer Insel der Aromen. Das berühmte nach Tiaré-Blüten duftende Monoi-Öl wird hier noch traditionell von Hand hergestellt.

Und um den Angebeteten zu betören, stecken sich die Damen das Pflanzenbouquet Umu Hei ins schwarze Haar. Die Aromen von Sandelholzpulver, geraspeltem Ingwer, Ananas und Vetiver-Wurzeln sind mit den Blüten von Jasmin und Ylang-Ylang eine unwiderstehliche Kombination. Die Herren der Schöpfung beeindrucken dagegen lieber mit ihren Tattoos. Die uralte Tradition, den Körper zu schmücken, hatten die Missionare einst verboten, doch heute besinnt man sich wieder auf das kulturelle Erbe.

Wunderbare wilde Schönheit

Zum Klischee des Südsee-Idylls von der Fototapete passen die Marquesas nicht. Hier gibt es anders als auf den Gesellschaftsinseln bei Tahiti, zu denen auch Bora Bora zählt, keine weißen Sandstrände, keine türkisfarben schillernden Lagunen, keine kostbaren schwarzen Perlen. Der Archipel zog mit seiner wilden Schönheit Entdecker und Schriftsteller trotzdem in seinen Bann. James Cook erforschte die Region, Robert Louis Stevenson und Herman Melville schrieben über sie. Dem Chansonnier Jacques Brel und dem Maler Paul Gauguin gefiel es hier so gut, dass sie sich dauerhaft niederließen: Sie sind beide auf dem kleinen Friedhof der Insel Hiva Oa bestattet. Fans aus aller Welt gedenken ihrer Idole an den Gräbern, die von weiß blühenden Frangipani-Bäumen beschattet werden, und pilgern zu einem Museum, das die Geschichte der Künstler erzählt.

Eine historische Opferanlage

Man fühlt es fast wie Schmerz, so vollkommen ist die Schönheit.

Jack London
Schriftsteller

Zwar haben die europäischen Eroberer mit der Einführung des Christentums ganze Arbeit geleistet – die ursprüngliche Maori-Kultur ist untergegangen – doch einige Kultstätten erinnern an jene wilde Zeit, in der sich die Inselstämme noch bekriegten. Wer an Land geht, zum Beispiel auf Nuku Hiva, trifft im Inselinneren auf eine historische Opferanlage. Tikis, steinerne Gottheiten mit übergroßen Köpfen, symbolisieren die wie Götter verehrten Ahnen. Über glitschige Vulkanquader geht es den Hang hinauf zu einem gigantischen Feigenbaum mit Luftwurzeln. Dort, erzählt der Guide, habe man früher die Menschen aufgehängt.

Wenn dann Trommeln ertönen und halb nackte Männer einen Tanz aufführen, bei dem wild geschmatzt und gegrunzt wird, läuft manchem Gast trotz 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit ein Schauer über den Rücken. Doch die Tänzer entpuppen sich als höfliche Zeitgenossen, nicht als Kannibalen: Sie essen lieber Spanferkel aus dem Erdofen.

Das serviert auf traditionelle Art noch Madame Yvonne in ihrem Inselrestaurant. Die über 90-Jährige ist eine charmante Dame, lässt aber partout nicht mit sich handeln: Selbstverständlich muss man auch ihren „poisson cru“ probieren, in Limettensaft marinierten Thunfisch, und zum Nachtisch eine extragroße Portion Tapiokapudding mit Kokosmilch. Alles, was es auf den Inseln nicht gibt, bringt das Frachtschiff. 5000 Kilometer lang ist die 14-tägige Tour der „Aranui 5“ von Papeete auf Tahiti und zurück. An Bord lagert, was die 10 000 Einwohner zum Leben brauchen – Autoreifen und Benzin, Bier und Tiefkühlhähnchen, Kleider und Schulhefte. Passagiere dürfen mitfahren: Für Einheimische, die von Insel zu Insel reisen, gibt es einen Schlafsaal. Gäste aus Übersee buchen Außenkabinen mit Balkon oder Bullauge, Backpacker ein Bett im Schlafsaal.

Die Route bestimmt die Fracht

Nach den Vorgängerschiffen Nummer 1, 2 und 3 ist inzwischen die „Aranui 5“ im Einsatz (die Zahl 4 gilt den chinesischen Besitzern als schlechtes Omen und wurde übersprungen). Noch immer wird die exakte Route von der gebunkerten Fracht bestimmt, doch die „Aranui 5“ ist inzwischen ein echtes, sehr komfortables Kreuzfahrtschiff. Es gibt Bars, einen kleinen Pool und sogar einen Spa. Unverändert ist die relaxte Atmosphäre: Auf einen Dresscode legt man keinen Wert, und mit dem Personal kommt man schnell ins Gespräch.

Geschichtenerzähler an Bord

Wenn kein Manöver ansteht, darf man Kapitän Faaora Faraire jederzeit auf der Brücke besuchen. Star der Crew ist aber Mahalo: Der Seebär mit dem komplett tätowierten Gesicht war mal Kranführer, doch inzwischen ist der Mann, Sohn des letzten Königs von Nuku Hiva, vor allem ein begnadeter Geschichtenerzähler.

© Gmünder Tagespost 23.03.2018 10:05
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