Querfeldein durch Dschungel und Steppe

Aktivurlaub Madagaskar lockt mit interessanten Regenwäldern und steppenähnlichen Hochebenen. Eine reizvolle Art, die Insel kennenzulernen, ist eine Tour mit dem Mountainbike.
  • Foto: Gerhard von Kapff

Schaut mal - dort“, flüstert Neina und zeigt auf eine Stelle im Dschungel, an der sich etwas bewegt. Neina ist seit vielen Jahren Ranger im Ranomafana-Nationalpark an der Ostküste von Madagaskar und kennt die Pflanzen und Tiere, die hier im Regenwald leben, so gut wie kaum ein anderer. Er weiß auch, wo die Lemuren ab und zu von den Bäumen auf den Boden klettern, um nach Nahrung zu suchen, und hat einen der Primaten entdeckt. „Bewegt euch langsam“, raunt er den Mitgliedern der kleinen Gruppe zu, die er an diesem Tag durch den Dschungel führt. Ein Goldener Bambuslemur hat ein auf der Erde liegendes, abgebrochenes Bambusstück entdeckt und reißt nun die Außenhülle ab, um an das saftige Innere zu kommen. Ganz geheuer ist es ihm offensichtlich nicht, dass die Touristen bis auf einen knappen Meter herankommen. Immer wieder schaut er nervös zu den ungebetenen Besuchern, dann wieder auf das Bambusstück. Doch sein Appetit scheint größer zu sein als die Angst.

Ab durch den Dschungel

Die Goldenen Bambuslemuren zählen zu den größeren Vertretern der sogenannten Feuchtnasenaffen. Die Säugetiere mit den großen, oft kugelrunden Augen und den markanten Gesichtern leben ausschließlich auf Madagaskar und ein paar nahen Inseln. Die meisten Lemurenarten sind in ihrem Bestand bedroht, weil ihr Lebensraum durch Brandrodung und Abholzung schwindet. Außerdem werden vor allem die größeren Arten von Einheimischen gejagt. Im Ranomafana-Nationalpark im Bergland bei Fianarantsoa gehen jedoch allenfalls Touristen mit ihren Teleobjektiven auf die Foto-Pirsch.

Tags darauf geht es für die sechsköpfige Gruppe wieder aufs Rad. Denn die Dschungel-Exkursion war nur einer von vielen Programmpunkten der zweiwöchigen, geführten Mountainbike-Tour, die von der Hauptstadt Antananarivo bis an die Südküste führen wird. Auf Madagaskar legen die meisten der knapp 25 Millionen Einwohner Distanzen entweder zu Fuß oder mit dem Rad zurück. Deshalb kommen die Besucher sehr häufig mit den Einheimischen in Kontakt. Die acht Etappen von der Hauptstadt Antananarivo bis nach Ifaty am Indischen Ozean führen über Feldwege, verschlammte, von Ochsenkarren tief gefurchte Pisten, waghalsige Trails und mitunter auch über die wenigen geteerten Straßen. Technisch anspruchsvoll sind die Tagestouren trotzdem nicht, auch Mountainbike-Anfänger kommen gut zurecht. „Wer sich im Vorfeld ein bisschen Kondition zulegt, kann locker mitfahren“, sagt Klaus Sperling, der die Tour seit Jahren organisiert und begleitet. Er selbst bevorzugt allerdings inzwischen die noch bequemere Variante und wählt ein E-Bike.

Saphire aus Madagaskar

Wer sich im Vorfeld ein bisschen Kondition zulegt, kann locker mitfahren.

Klaus Sperling
Tourorganisator

Im Gegensatz zu benachbarten Inseln wie Réunion und Mauritius spielt der Tourismus auf Madagaskar keine große Rolle. Ausländer besuchen die Insel vor allem wegen ihrer Naturschönheiten und der Lemuren. Im Süden wird die Landschaft gegen Ende der Tour hin steppenähnlich und nur noch leicht hügelig. Die Böden sind karg, und doch bergen sie unermesslichen Reichtum: Saphire. 40 Prozent der weltweiten Produktion des Edelsteins stammt aus Madagaskar, teils aus legalem, zu weiten Teilen aber auch aus illegalem Abbau. Am nahe gelegenen, gemächlich dahinziehenden Fluss Ilakaka stehen Hunderte von Menschen im knietiefen Wasser und durchsuchen die Erde aus den Stollen mit Sieben oder flachen Schalen nach Saphiren. Die Arbeit ist ein Knochenjob.

Erstmals auf dieser Tour begegnen den Radfahrern bei einem Stopp an einer Brücke nun Einheimische, die abweisende, unfreundliche Gesichter zeigen. Kein Wunder: Wer illegal arbeitet, möchte sich nicht fotografieren lassen.

Nach 600 Kilometer am Strand

Doch die Gruppe Radler will ohnehin weiter fahren. Denn nach knapp 600 Kilometern auf dem Mountainbike wird ein Liegestuhl am Strand zunehmend reizvoller als der harte Fahrradsattel. Ganz im Südwesten Madagaskars endet diese Tour. An einem Palmenstrand, wie es sich gehört nach einer langen Radreise. Es ist irgendwann Zeit abzusteigen – und einzutauchen in den Indischen Ozean.

© Gmünder Tagespost 13.04.2018 10:13
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