Reiseziel mit viel südländischem Flair

Städtetrip Valletta ist neben Leeuwarden Kulturhauptstadt Europas 2018. Am besten gehen Reisende in der Hauptstadt von Malta mit einem Malteser-Ritter von heute auf Entdeckungstour.
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Dane Munro ist Ritter des katholischen Johanniter-Ordens, einer von etwa 100 auf Malta und von 13 000 auf der ganzen Welt. Wer die Stadt Valletta mit ihm erkundet, erfährt sie als eine einzige Großtat seines Ordens. Denn auf seine Vorfahren lässt der 59-jährige Altphilologe nichts kommen. Nachdem die Johanniter im 16. Jahrhundert von den Türken aus Rhodos vertrieben worden waren, beschlossen sie, auf Malta eine neue, hochmoderne Stadt zu errichten. Und sie legten ab 1571 einen Ring aus Zitadellen, Bastionen und Gräben an.

Wer es wagt, kann dabei heute noch auf einem schmalen, teils überwucherten Pfad über glatte Felsen, ausgetretene Treppen und verrostete Brückchen die halbe Stadt umrunden, die hohen Mauern aus Korallenkalk zur einen, das Meer zur anderen Seite. Die Straßen plante man schachbrettartig, so dass der Wind vom Meer die sommerheißen Steine kühlte.

Das modernste Krankenhaus

Dann baute man auf: eine Kirche, acht Herbergen für die verschiedenen Landsmannschaften der Ritter sowie das modernste Krankenhaus der Zeit. 155 Meter lang und elf Meter hoch erstreckt sich der halbrunde Stollen des „Krankenzimmers“ unter der Erde. Die Ärzte zählten zu den besten ihrer Zeit. Wunden etwa bestrichen sie mit einer Mischung aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin. Nierensteine soll ein Spitzen-Operateur in zweieinhalb Minuten entfernt haben. Heute wird die grandiose Anlage für Veranstaltungen genutzt.

Piraterie und Sklavenhandel

Später aber traten Völlerei, Sex und Arroganz an die Stelle von Armut, Gehorsam und Keuschheit, die die Ritter gelobt hatten. Geld verdiente der Orden aber auch mit Piraterie und Sklavenhandel. Ja, gibt Dane Munro zu – aber nur, um über eine Million christlicher Sklaven in Nordafrika freizukaufen.

Einer der prächtigsten Bauten Vallettas ist der Palast des Großmeisters. Man muss durch die langen Gänge mit Marmorböden, Lüstern und vergoldeten Säulen schlendern, um zu ahnen, wie weit die Ritter sich von ihren Anfängen entfernt hatten. „Am Ende waren sie nicht mehr so populär“, gibt selbst Munro zu.

In der Kathedrale St. John’s, einer Halbtonne mit viereckigen Säulen, ist alles in Gold getaucht, aus Gold getrieben, mit Gold behangen – zweieinhalb Tonnen sollen verarbeitet worden sein. Interessanter sind die 375 Grabplatten, über die Munro ein dickes Buch geschrieben hat. Die feinen Intarsienarbeiten aus Marmor, mit ihren Skeletten, Wappen, Engeln und Schwertern, erzählen die Lebensgeschichte und das Selbstbild jedes einzelnen Ritters.

1814 wurde Malta britische Kolonie und blieb es bis 1964. Vielleicht ist Valletta am ehesten ganz bei sich selbst beim Bingo im La Vallette Band Club. Zwischen den blauen Säulen sitzen Hausfrauen an Holztischen und kreuzen an, wenn sich eine der vorgelesenen Nummern auf ihrem Formular befindet. Ventilatoren surren, die grünen Billardtische stehen verlassen, eine Holztafel offeriert als Tagesgericht Kaninchenfrikassee. Auch sonst haben die Kolonisten aus dem Norden viele Spuren hinterlassen.

Einer der prächtigsten Bauten ist der Palast des Großmeisters.

Franz Lerchenmüller

Spuren aus der Kolonialzeit

Alle Malteser lernen neben ihrem arabischen Malti auch Englisch. Letzte rote Telefonzellen stehen noch dekorativ herum, die Bars servieren den britischen Cider, und Punkt 12 Uhr feuert in den Upper-Barraca-Gärten ein Schauspieler in Kakiuniform zu britischer Marschmusik eine Kanone ab.

Valletta ist eine übersichtliche Stadt, die sich prima erwandern lässt. Auf und ab geht es über Treppenstufen, die flach gehalten wurden, der Ritter wegen, die schon mal mit 60 Kilo Eisen am Körper unterwegs waren. Die Fassaden sind mit verglasten Erkern aus Holz in Tannengrün, Meerblau, Rostrot oder Senfgelb versehen – und natürlich in Ocker, der vorherrschenden Farbe der Stadt.

Hallen als Hörsäle

Erst eine Hafenrundfahrt aber zeigt, welches Konglomerat aus Vorstädten, Lagunen und Befestigungen den Großraum Valletta bildet. Sie beginnt in Sliema, wo die neuen, einfallslosen Paläste des Geldes und der Industrie aneinanderkleben wie Bienenkörbe. Beim Fort St. Elmo biegt das Schiff in die Seitenarme ein, wo Maltas neue Geldbringer gehätschelt werden.

In der Französischen Bucht erstrecken sich die großen Hallen, in denen die Johanniter den Winter über ihre Galeeren einstellten. Einige davon hat ein jordanischer Investor zu Hörsälen für eine private Universität umgestaltet. In der benachbarten Dockyard-Bucht liegen zudem einige Hundert Millionen Euro vor Anker. Malta bietet den Superreichen nicht nur EU-Pässe, sondern auch günstige Liegegebühren für ihre Superjachten. In der Kalkara-Bucht warten Wasserbecken der Filmindustrie auf neue Drehs –maltesische Orte flimmerten schon als Troja, Marseille, Haifa und Konstantinopel über die Leinwand.

Gottesfürchtige Haudegen

Spätnachmittag wird es ruhig in Valletta. Die meisten Touristen sind an ihre Pools zurückgekehrt. Im Café Cordina nippen Banker an ihrem Kinnie, einer Limo aus Bitterorange. Die Sonne lässt den ockerfarbenen Stein wie von innen erstrahlen. Fast glaubt man, tief im Schatten, die Männer in Schwarz mit dem ausladenden Hut noch einmal zu sehen, gottesfürchtige Haudegen, die auf dem Weg zur Beichte oder zur Krankenpflege sind – die Ritter von damals aus der Sicht von Dane Munro, dem Ritter von heute.

© Gmünder Tagespost 19.01.2018 13:11
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