So farbenfroh ist Südafrika

Kapregion Die Armut bildet eine Barriere zwischen den Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Nur wenigen gelingt es, die alten Strukturen zu durchbrechen. Chancen bietet der Tourismus.
  • Foto: Stefanie Bisping

Drei Familien wohnen in einem Zimmer. Jede von ihnen verfügt über ein Bett mit einem Lattenrost darüber. Auf ihm liegen in Tüten und Taschen ihr Hausstand und Besitz. Zwischen zwei Betten befindet sich eine gemeinsame Kochstelle, auf einer gezimmerten Ablage stehen Nagellack und Zahnbürsten. Eine Mikrowelle und ein uralter Fernseher vervollständigen das Mobiliar. Jüngere Kinder schlafen im Bett der Eltern, größere haben eine Matratze auf dem Fußboden. Zwölf Personen teilen sich hier nur wenig mehr Quadratmeter. Im Moment ist niemand da, die Bewohner sind bei der Arbeit, auf der Suche danach oder in der Schule. Und so drängen die Fremden nach und nach ins Zimmer: Teilnehmer einer Tour durch die Township Langa, die ein wenig betreten in das Leben der Abwesenden blicken.

„Hostels“ wie dieses wurden für Männer gebaut, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt gingen. 1983 erlaubte man ihnen, ihre Familien nachzuholen. Heute gehören Hostels zu den Behausungen, die immerhin besser sind als die Wellblechhütten, in denen Menschen genauso beengt, aber auf blankem Boden leben. Dort erschweren sengende Hitze in den Sommermonaten, immer wieder verheerende Brände sowie Kälte und Überschwemmungen im Winter die Last des Lebens im langen Schatten der Apartheid noch zusätzlich.

Touren durch Townships gehören seit Jahren zum touristischen Angebot am Kap. Hier sehen Urlauber aus der Nähe, was auf dem Weg in die Winelands mit ihren herrschaftlichen Weingütern nur am Straßenrand sichtbar und angesichts schöner Landschaften leicht zu verdrängen ist: die Lebensrealität der Mehrzahl der Großstadtbewohner Südafrikas.

„Farbig“ heißt nicht schwarz

Über Kilometer erstrecken sich die Hütten von Langa, der ältesten Township des Landes; die von Khayelitsha, der mit zwei Millionen Einwohnern zweitgrößten in Südafrika nach Soweto; und von Bonteheuwel, wo noch immer die Menschen leben, die man hier farbig nennt. Die Siedlungen beweisen, dass die systematische Entrechtung der größten Bevölkerungsgruppe des Landes nicht überwunden ist. 80 Prozent der Südafrikaner sind schwarz, jeweils zehn sind weiß oder „farbig“. Letzteres bedeutet nicht blau oder grün, sondern bezeichnet Südafrikaner, zu deren Ahnen Menschen mit afrikanischen oder asiatischen Wurzeln zählen. Auch in kleinen Städten wie Stellenbosch und Franschoek lebt die große Mehrheit der schwarzen Bevölkerung noch immer in Townships. Wo früher Rassengesetze trennten, trennt heute die Armut.

Hajo Kowalke, der im Jahr 2002 mit 16 Umzugskartons von Berlin nach Kapstadt übersiedelte und hier ein Gästehaus eröffnete, veranstaltet Township-Touren für deutschsprachige Besucher. In Langa übernimmt ein junger einheimischer Guide: Odwa, der die Ausgrenzungen aus der Ära der Apartheid aus Erzählungen seiner Familie kennt, schildert den Alltag in Langa, wo er mit vier Brüdern und seiner alleinerziehenden Mutter aufwuchs.

Traditionelle Riten sind illegal

Odwa zeigt den Gästen die Wohnmöglichkeiten Langas: Hütten und Hostels, wo die Ärmsten leben; die winzigen Wohnungen der Mittelklasse; am oberen Ende des Spektrums das sogenannte Villenviertel, in dem Ärzte, Anwälte und Geschäftsleute kleine Häuser bewohnen. Heute gibt es in Langa Menschen mit echten Berufen. Viele von ihnen leben lieber hier als in Kapstadts City, wo sie Ausgrenzungen befürchten und traditionelle Riten illegal sind.

Über eine Außentreppe steigen die Besucher in eine Wohnung mit zwei Zimmern. Zwei junge Mädchen öffnen die Tür und lassen die Fremden in ihr Leben blicken. Ein kleines Schlafzimmer besitzt die neunköpfige Familie und eine Küche, in der der Kühlschrank neben dem Gasherd steht und neben dem Etagenbett der älteren Kinder: privilegierter Wohnraum für Menschen mit regelmäßiger Arbeit. Zahlen sie zehn Jahre lang die Monatsmiete von 250 Rand – etwa 15 Euro –, gehört die Wohnung ihnen.

Warum ist das nicht früher passiert?

Yusuf Voterson
Agentur-Besitzer

Odwa deutet auf einige „RDP-Homes“. Die Abkürzung steht für Reconstruction, Development und Progress – Wiederaufbau, Entwicklung und Fortschritt. Im Volksmund heißen sie Mandela-Häuser, und in der Tat warten manche Familien bald so lange auf eines, wie Nelson Mandela auf Robben Island einsaß. Diese gemauerten Häuser sollen dereinst alle Hütten ersetzen.

Im Meer aus Wellblech

Neben dem „Villenviertel“ beginnt das Meer aus Wellblech: die „Joe Slovo Area“, benannt nach dem weißen Apartheid-Gegner und späteren Wohnungsbauminister der Regierung Mandela. Seine Gleichförmigkeit macht diesen Teil Langas zu einem schwer durchschaubaren Labyrinth. Kinder stürmen herbei und begrüßen die Fremden. Hajo versucht, ihre Armut als charakterbildend zu begreifen: So strahlende Kinderaugen habe er in Deutschland nie gesehen. Und welches Kind in Deutschland freue sich schon noch über einen Lutscher? Die Augen der Erwachsenen strahlen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass sie wissen, dass ihre Kinder kaum eine Chance haben, die Blechhüttenstadt zu verlassen.

Yusuf Voterson etwa hat gegen alle Wahrscheinlichkeit den Weg aus einer Township gefunden. Er besitzt heute eine Tour-Agentur mit drei Angestellten, nachdem er mit 42 Jahren seinen Schulabschluss nachholte. Er hatte die Schule mit 13 Jahren verlassen müssen.

Allzu leicht hätte er in eine Gang geraten können. „Eines der Dinge, die mich gerettet haben, war meine frühe Heirat.“ Seit über 30 Jahren ist er verheiratet und heute Vater von sechs Kindern.

Bitterkeit erlaubt er sich nicht. „Damals war es für alle schwer.“ Als 1994 die ersten freien Wahlen stattfanden und Nelson Mandela Präsident wurde, war Yusuf Voterson 33 Jahre alt. „Immer war der Gedanke da: Warum ist das nicht früher passiert? Aber schließlich ist es passiert, und das ist es, was zählt.“

Yusuf Voterson sitzt in der Lounge eines Hotels. Er wartet auf die Gruppe, der er heute die strahlend bunten Häuser im Viertel Bo Kaap zeigen wird. Vor den Fenstern erstreckt sich blau der Ozean, wie ein Schatten liegt Robben Island in der Ferne. „Früher“, sagt er, „hätte ich auf diesem Sofa gar nicht sitzen dürfen.“

© Gmünder Tagespost 25.05.2018 16:41
635 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.