Spannender Ausflug ins Schildkrötendorf

Südfrankreich Im Massif des Maures gibt es eine wilde Population von griechischen Landschildkröten. Die Tiere sind allerdings bedroht durch verschiedene Gefahren sowie Waldbrände.
  • Schildkröten zählen zu den Reptilien.
    Foto: Wildlife

Die Folgen sind immer noch spürbar: Im Sommer 2017 hatte es fürchterliche Waldbrände an der Côte d’Azur gegeben. Nahe Saint-Tropez und La Londe des Maures brannten traumhaft schöne Pinien-, Kork- und Steineichen-Wälder ab. Eine Gruppe von Naturschützern um Bernard Devaux, die sich für den Erhalt der letzten wilden Landschildkröten einsetzt, haben in den Monaten danach den verwüsteten Waldboden abgesucht. Ihre Bilanz: An der Peripherie der Brandherde haben zehn Prozent der Schildkröten die Katastrophe überlebt. Etwas weiter im Landesinneren, in Carnoules am nördlichen Rand des Massif des Maures, gibt es eine Auffangstation für Schildkröten. Devaux ist einer der beiden Initiatoren des „village des tortues“, des Schildkrötendorfs. In den Jahren 1987 und 1988 hat er es mit dem britischen Ökologen David Stubbs gegründet.

Die wenig besiedelten Mauren sind – neben Korsika – das allerletzte Refugium Frankreichs für die hier heimische „tortue d’Hermann“. Die bis zu ungefähr 20 Zentimeter groß werdende Landschildkröte mit wissenschaftlicher Bezeichnung „testudo hermanni hermanni“ ist eine Unterart der Griechischen Landschildkröte. Bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts war sie noch an der ganzen französischen Mittelmeerküste verbreitet. „Der Mensch ist die größte Bedrohung für die Schildkröte“, sagt Devaux und erläutert: Straßenverkehr, Zersiedelung der Landschaft, weitläufige Golfplätze – all das raube den Schildkröten ihren Lebensraum.

Undurchdringlicher Wald

Zwischen den bewaldeten Bergen sieht man wilden, undurchdringlichen Buschwald. Er entsteht nach Waldbränden. Der Schildkrötenexperte wendet sich auch noch gegen ein weiteres Problem: Die possierlich anzuschauenden Schildkröten werden gern als Haustier gehalten. Aber das, so Devaux, sei nicht artgerecht. „Reptilien kann man nicht domestizieren“, konstatiert er. Und was ist mit dem Schildkrötendorf? Kein einziges Tier hätten sie der Natur entnommen, versichert Devaux, sondern von überallher würden die Leute ihre kranken oder die verletzten Tiere bringen. Auch der Zoll stehe ständig auf der Matte mit unerlaubt eingeführten und deshalb beschlagnahmten Schildkröten und bitte um Aufnahme für die Exoten. Die „terra typica“ für die heimische, nach dem Forscher Jean Hermann benannte Schildkröte, ist einfach herzustellen: alles lassen, wie es ist.

Trockenes, sandiges Gelände mit Eichen, Lavendel, Rosmarin. Warum für diese Ureinwohner ein Zaun? Praktikantin Lea erklärt, dass Tiere, denen das Leben in Freiheit fremd ist, nicht ausgesetzt werden können. Und – viele der hierher gebrachten Tiere seien Hybride. Keinesfalls sollten sie sich mit den Schildkröten aus der Umgebung vermischen.

Besondere Schildkrötenklinik

Der Mensch ist die größte Bedrohung.

Bernard Devaux
Schildkrötenexperte

Lea steigt in das Gehege: Erst ist kein Tier zu sehen, aber da im trockenen Laub raschelt es ganz heftig! Lea kommt mit einer schwarz-ockerfarbenen Schildkröte zurück: ein Männchen. Das Tier hat die typische Zeichnung: den gespaltenen Schwanzschild, die zwei schwarzen Bänder auf der Bauchseite, den gelben Fleck auf der Wange. Devaux führt die Besucher zur einzigen europäischen Schildkrötenklinik. Sie befindet sich ebenfalls auf dem Gelände. Er berichtet von Reparaturen der Panzer nach Unfällen, von Viruserkrankungen, von Folgen falscher Haltung.

Eine Kinderschar kommt vorbei und Devaux erklärt geduldig, dass Schildkröten keine Streicheltiere sind und sie Gefangenschaft nicht mögen. Es seien Erwachsene, die behaupten, dass sich ihre zu Hause gehaltenen Schildkröten pudelwohl fühlten. Devaux widerspricht kategorisch und empfiehlt einen Test: „Machen Sie doch einfach ein Loch in Ihren Zaun und direkt daneben legen Sie den schönsten Salatkopf. Die Schildkröte wird immer das Loch im Zaun wählen!“

Bernard Devaux ist froh, dass er und seine Mitstreiter einen wichtigen Erfolg verzeichnen können: Ein Teil der Region wurde 2009 offiziell als „réserve naturelle nationale“ geschützt, womit insbesondere weiterer Überbauung Einhalt geboten ist. Ende März, Anfang April werden die verbliebenen wilden Schildkröten aus ihrer Winterstarre erwachen und hie und da im Massif des Maures wieder zum Vorschein kommen.

Wenn die Besucher Glück haben, hören sie es bei einer Wanderung vielleicht einmal rascheln, weil sich eine Landschildkröte gerade dazu entschlossen hat, unter ihrem Rosmarinstrauch heraus zu kriechen und ein Sonnenbad zu nehmen. Mit Streichelversuchen werden kundige Besucher das Tierchen aber nicht belästigen.

© Gmünder Tagespost 09.03.2018 15:30
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