Spaziergang am winterlichen Strand

Augenweide Liebhaber finden auch in der dunklen Jahreszeit idyllische Strände, die einen Besuch wert sind. Sie bieten einmalige Naturschauspiele und gesunde Seeluft.
  • Foto: Holm Löffler/Sylt Marketing

Zugegeben, man muss sich einen Ruck geben: aufstehen, weg vom wohlig warmen Kamin im Winter-Ferienhaus zwischen den schützenden Dünen. Rein in die Daunenjacke, Kragen hoch, Mütze auf, Handschuhe an. Nicht schön im ersten Moment, wenn der eisige Wind wie Schleifpapier mit 120er-Körnung auf der Haut schmirgelt. Gewöhnungsbedürftig, diese Kälte, die dann doch hier und da durch Kleidungsritzen bis zur Haut vorkriecht. Trotzdem: alles sofort vergessen – jedenfalls an den folgenden Stränden, denn die begeistern alle Sinne.

Black Sand Beach, Island

Wieso muss ein Traumstrand eigentlich immer schneeweiß sein? Mit Palmen und Korallen? Jedenfalls im Winter passt schwarz viel besser.

Wer’s mag, ist am Black Sand Beach in der Nähe des Städtchens Vík auf Island richtig. Er hat seinen Namen und seine Farbe von den hier überall herumliegenden, vom Meer ausgewaschenen Basaltklumpen. Sie bieten die ideale Kulisse für das Polarlicht, das hier oft einen grünen Theatervorhang an den Horizont zaubert – spätestens dann fühlt man sich beim Strandspaziergang im Nu weggebeamt in ferne Galaxien.

Fans von Champagner-Klima

Sand in Sicht – als beigefarbenes Endlos-Band bis zum Horizont. Im Winter ohne Strandkörbe, Surfbretter und Beachvolleyball-Felder. Eine Aussicht, die alle Sylties magisch auf Trab bringt. Keiner schlendert jetzt zwischen Rantum und Keitum, man marschiert, auch und gerade unter „Hagel-Peeling“, wenn der eben noch stahlblaue Himmel einen körnigen Schneeschauer über die Insel peitscht. Winterliche Nordsee-Strandspaziergänge sind – genau genommen rezeptfreie Lungenkuren. Denn mit jeder Welle, die auf den Strand schlägt, werden winzige, heilende Tröpfchen – sogenannte Aerosole – in die Luft geschleudert. Klingt aber jetzt zu sehr nach Meerwasserheilbad und zu wenig nach Whiskey-Meile. Darum adelt Sylt dieses Phänomen lieber mit dem Etikett „Champagner-Klima“. Passt besser zu den 400 Euro teuren Veuve-Clicquot-Flaschen, deren Korken schon mal im Sansibar bei Rantum knallen, Sylts berühmter „Promi-Baracke“ mit 45 000 Weinflaschen im Dünen-Weinkeller. Vom Strandmarsch kommend, lässt fast jeder hier den „Radar-Blick“ kreisen: Ist vielleicht der Kerner da? Oder Gottschalk? Die Christiansen? Oder Franz Beckenbauer? Nein, heute gibt’s statt Kaiser nur besten Kaiserschmarrn. Der sieht aus wie die Dünen direkt vorm Fenster: Sie haben immer noch Puderzucker-Überzug vom Hagelschauer vor zwei Stunden.

Besuch beim Eismann

Trommel der Natur.

Einwohner Tofino
wenn die Wellen gegen die Felsen donnern

Ein Meer mit Eisgarantie? Das bietet die Kurische Nehrung, dieser manchmal kaum 400 Meter und dann wieder fast vier Kilometer breite Land- und Strandstreifen, der das Kurische Haff, eine Bucht zur Ostsee, abschließt – mit einer russischen und einer litauischen Hälfte. Auf der litauischen lohnt ein Besuch beim Eismann: Der ist vom Örtchen Nida aus mit Snowmobil oder Motorrad rausgefahren auf der zehn Zentimeter dicken Eisschicht weit draußen aufs Haff, sitzt – wortkarg und dick eingemummelt mit dem Blick in endlose Weiten – und fischt. So wie bereits seine Vorfahren seit Generationen. Klappfischer heißen sie, weil sie auf ein Holzbrett trommeln, um den Stint anzulocken. Vorher schneiden sie mit der Kettensäge einen knappen Quadratmeter Eis heraus und hängen ihre Stellnetze ins eisige Wasser hinab. Bis der Stint anbeißt, beißen die Männer in Wurstbrote mit fettem Speck und halten sich mit Wodka warm – geschützt vorm eisigen Wind hinter ihren Segeln.

Für Strand-Kraxler

Wie versteinerte Drachenskelett-Teile ragen die Lofoten aus dem Atlantik – etwa 80 Inseln; vor der norwegischen Küste, gut 1300 Kilometer nördlich von Oslo. 55 000 Einwohner leben in legobunten Häuschen, vor allem an den geschützten Fjorden der Ostküsten. Auch in der Nähe von Kvalvika, dem schönsten Strand der Lofoten. Doch dieser ist nicht einfach über einen Plankenweg durch die Dünen zu erreichen.

Stattdessen geht’s durch ein Joch steil runter durch eine stark mit Schneeverwehungen halb verstopfte Rinne, im goldenen, winterlichen Lofotenlicht. Dahinter, ist mächtiges Dauerrauschen der auf den Strand schlagenden Wellen hörbar. Ihre Gischt wird in der Luft zerstäubt von zwei hoch aufragenden Klippen, die den Strand begrenzen wie zwei riesige Wächter: links der Ryten, ein wunderschöner Aussichtsberg, rechts eine Felsnase ohne Namen. Sie bilden den entsprechenden Rahmen für ein einzigartiges Winterbild, geschaffen von der Natur, in dem sich schwarzer und goldener Sand mit Schnee vermischen und sich vom Meer zu bizarren Mustern formen lassen.

Tofino, kanadische Westküste

Wie startende Jumbo-Triebwerke klingt bei uns ein richtiger Wintersturm, sagen die Leute die im kleinen Küstenort Tofino auf Vancouver Island leben. Und weil dieser Sound wirklich nicht alltäglich ist, übertragen sie ihn als ganz besonderen Gästeservice mit eigens installierten Mikros in Hotels wie The Wickaninnish Inn, eine Lodge direkt am Pazifischen Ozean.
Da drücken sich Sturm-Spotter, die aus aller Welt angereist sind, dann ihre Nasen hinter den orkanfesten Panoramafenstern des Restaurants platt und beobachten, wie die aufgewühlte Pazifikwellen auf den Strand und die Felsen donnern und dabei angeschwemmte Baumstämme ganz locker wie kleine Streichhölzer zerknicken. „Trommel der Natur“, nennen Einheimische das. Ist der Sturm vorbei, geht’s raus zur Strandwanderung, im vorsichtigen Zickzack durch das angeschwemmte Holz, nur wenige Meter entfernt von der immer noch bedrohlich tosenden Brandung.

© Gmünder Tagespost 16.02.2018 12:50
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