Stressfreier Urlaub ab der Haustür

Wandern Vor den eigenen vier Wänden liegen manchmal die interessantesten Routen. Die umliegende Region kann man auch einmal zu Fuß erkunden.
  • Foto: Jochen Bettzieche

Ziehe die Schnürsenkel meiner Stiefel fester. Mit halbem Ohr lausche ich den Verkehrsnachrichten im Radio . . . „Die A 8: Zwischen München und Salzburg stockend“ . . . Der Hüftgurt? Sitzt . . . „Die A 93 Holledau Richtung Regensburg, zwischen Siegensburg und Abensberg ist nach einem Unfall die rechte Spur gesperrt“ . . . Die Wanderstöcke sind auf die richtige Länge eingestellt . . . „Wir wünschen Ihnen trotzdem eine gute Fahrt.“

Meine Frau schaltet das Radio aus. Erleichtert. Kein Stau für uns, keine Abgase, keine Raststätten und: Urlaub von der ersten Minute an. Die Familie schultert die Rucksäcke, wir ziehen die Haustür hinter uns zu und machen uns auf: etwa 150 Kilometer Fußweg liegen vor uns. Unsere beiden Kinder kamen auf die Idee, zu Fuß zu gehen. Keiner in unserer Familie fährt gerne Auto, und so wird der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ bei uns eben wörtlich genommen.

Kein Stress auf der Straße

Von der Bahnstation Starnberg aus geht es erst einmal aufs Wasser. Mit dem Dampfer überqueren wir den See. Urlaubsfeeling stellt sich jetzt schon ein, kein Stress auf der Straße, keine Verspätung des Fliegers, einfach freihaben. In der Ferne sehen wir das Zugspitzmassiv, essen Tomatenbrote aus dem Rucksack und schauen die Häuser am Ufer an. Entschleunigung kann so einfach sein. Noch ein paar Kilometer zu Fuß vom Landesteg aus durch lichten Laubwald und blühende Wildblumenwiesen und wir erreichen unser Tagesziel, eine kleine Unterkunft im idyllischen Oberbayern.

Das klingt jetzt in der Tat sehr entspannt, aber dem ging eine akribische Planung voraus. Straßen gibt es ja zuhauf. Aber Fußwege? Unsere erste Erkenntnis in der Vorbereitung war: Benachbarte Dörfer mögen zwar für Autos auf gerader Linie verbunden sein, aber für Wanderer, denen ihr Leben lieb ist, führen oft nur verschlungene Pfade von A nach B. Und Unterkünfte? Gibt es viele. Wenn nicht hier, dann da. Doch „da“ bedeutet oft in fünf bis zehn Kilometer Entfernung. Mit dem Auto kein Problem, aber zu Fuß sind zehn Kilometer eben – zehn Kilometer.

Am nächsten Morgen haben wir rund 24 Kilometer vor uns. Wir müssen nur durch einen Tunnel, dann sind wir schon wieder im Wald, einen Kilometer vor Eurasburg. Dort angekommen, stürzen wir uns in einen kleinen Supermarkt und füllen unseren Proviant auf. Kleinigkeiten bestimmen den Tag: die Rehe auf der Waldlichtung, an die wir bis auf wenige Meter herankommen. Radfahrer, mit denen wir ins Gespräch kommen, als wir an einem Bach haltmachen. Unmengen von Ameisen, die wirklich scharf sind auf unsere Brotkrümel. Und Vögel – wer hätte gedacht, dass es hier bei uns so viele davon gibt. Es wird heiß, und wir müssen ein paar Kilometer Schnellstraße mit dem Bus überbrücken. Am Nachmittag erreichen wir unser Ziel, einen Bauernhof bei Bad Tölz. Ein Hoch auf die Bauernhöfe! Viele bieten kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten für Familien. Die Kinder freunden sich mit dem Hofhund an, die Eltern genießen den Sonnenuntergang.

Jetzt geht es bergauf

Am nächsten Tag lassen wir das Flachland hinter uns. Ab jetzt kommen zu den Strecken- auch noch Höhenmeter hinzu. Über einen Bergrücken wandern wir nach Bad Wiessee am Tegernsee. Im Ort angekommen, ist es nur noch ein Kilometer bis zu unserer Unterkunft. Aber dieser Kilometer ist der anstrengendste des Tages. Diesmal haben wir zum Übernachten ein Apartment gewählt. Die Kinder hätten gerne Pizza. Also nehme ich die Bestellung auf und mache mich auf den Weg.

Der Höhepunkt des Tages

Nächster Tag, nächster Bergrücken. Kurz vor dem Übergang wird es sehr steil. Neben dem Weg fällt die Bergwand fast senkrecht ab. Während die Eltern die Luft anhalten, klettern die Kinder freudig über Wurzeln und Steine nach oben. Dieses recht kurze Wegstück erklären sie denn zum Höhepunkt des Tages. Am späten Nachmittag erreichen wir die Albert-Link-Hütte. In der Alpenvereinshütte werden wir heute übernachten. Bis zum Abendessen setzen wir uns an einen kleinen Bach. Rund um uns erheben sich die Gipfel des Mangfallgebirges.

Unsere fünfte Etappe beginnt mit einem unvorhergesehenen Problem. Ein paar Kilometer Asphaltstraße, kaum befahren, aber langweilig, wollten wir mit dem Bus überbrücken. Laut ausgedrucktem Busfahrplan sollte der auch fahren, er kommt aber nicht. Schließlich entdecke ich an der Haltestelle eine Telefonnummer der Busgesellschaft. Ich rufe an und frage, wo denn der Bus bleibt. „Ja, der fährt noch nicht, da haben Sie den Sommerfahrplan“, sagt der freundliche Mann am anderen Ende der Telefonleitung.

Ein Blick auf die Karte zeigt, dass unsere heutige Wegstrecke dadurch um knapp vier Kilometer länger wird. Dazu kommen elf Kilometer quer durchs Mangfallgebirge ohne Einkehr- oder Unterkunftsmöglichkeit und ohne Straße. Und dann noch ein paar Kilometer bis zu einem kleinen Hotel. Ein Anruf, klar, der Hotelier wird uns abholen, sobald wir in seiner Reichweite sind. Das wird später Nachmittag werden.

Dann das nächste Problem: Wir müssen über einen Bach. Die kleine Holzbrücke ist aber gesperrt. Das Holz sieht auch etwas morsch aus, aber die Stahlträger untendrunter machen einen guten und soliden Eindruck. Also ein Gepäckstück nach dem anderen und ein Mensch nach dem anderen und immer schön oberhalb des Stahlträgers gehen. Dahinter haben wir den Weg für uns, steigen in ein kleines Tal auf, rasten an einem Bachlauf und strecken die Füße ins kalte Wasser.

Noch ein Schritt bis Österreich

Nur kurz, denn der Weg ist weit. Wir nähern uns müde dem Ursprungpass. Wir schleppen uns hinauf – und haben es geschafft. Hier ist die Grenze. Nur einen Schritt weiter und wir sind in Österreich.

Dort gehen wir zur Post und schicken Dinge nach Hause, die wir nicht mehr brauchen. Landkarten, die wir abgelaufen haben, Wäsche und Steine, die wir gefunden haben.

© Gmünder Tagespost 20.04.2018 16:27
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