Unendliches Paradies auf Backbord

Seychellen Es gibt viele Möglichkeiten, die Inselgruppe der Seychellen im Indischen Ozean zu entdecken. Zu den wohl schönsten zählen die Törns mit einem historischen Motorsegler.
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Die Gäste seines Motorseglers haben gerade gefrühstückt, da bittet er sie an Deck. „Fertig zum Schnorcheln?“ Chris, seines Zeichens Tauchlehrer und Kapitän der „Sea Pearl“, ist ein Mann der Tat. Dort drücken ihnen zwei junge Schwarze Taucherbrillen, Schnorchel und Flossen in die Hand.

Während die Schiffsgemeinde Kontakt mit Neptun aufnimmt, kippt Küchenchef Hansley die Essensreste ins Meer. Im Handumdrehen brodelt das Wasser vor bunt gesprenkelten, roten, blauen und gelben Schuppengesellen. Plötzlich taucht ein Riffhai auf, beäugt das Gewimmel, findet es wenig interessant und schwimmt elegant davon. „Glück gehabt“, witzelt Chris, „der Hai hatte schon gefrühstückt.“

100 Jahre alter zwei-Master

Eine halbe Stunde später hat sich die Aufregung gelegt. Die „Sea Pearl“, ein 1915 in den Niederlanden vom Stapel gelaufener Zwei-Mast-Schoner mit acht Gästekabinen, ankert vor der Insel Praslin, die Passagiere sitzen in einem Kleinbus und kurven an üppigen Regenwaldhängen die Küstenstraße entlang.

Ziel ist der Nationalpark Vallée de Mai, neben blütenweißen Stränden das Highlight der zweitgrößten Seychellen-Insel. Legenden, sagt man, sind der Weihrauch der Geschichte. Ein gutes Beispiel dazu ist die Coco de Mer.

Beliebtes Sammlerstück

Diese bis zu 20 Kilogramm schwere Nuss ähnelt von der Form her einem weiblichen Becken. Ihr Entdecker war der portugiesische Weltumsegler Ferdinand Magellan (1480-1521). Dieser hatte ein paar davon in den Gewässern vor Java dahindümpeln gesehen und geglaubt, sie wüchsen auf riesigen Bäumen am Meeresgrund.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Coco de Mer zum begehrten Sammelobjekt. Jeder Preis wurde gezahlt, um die augenscheinliche Sinnlichkeit als Blickfang im heimischen Château oder Schloss ausstellen zu können. „Natürlich“, versichert Chris, wuchere das pflanzliche Unikum weder in den Tiefen des Ozeans, noch seien seine Früchte ein Aphrodisiakum. Nein, Magellans Meeresgewächs ist nichts anderes als eine schlanke, bis zu 40 Meter hohe Fächerpalme.

Weltnaturerbe der Unesco

Eine Laune der Natur also, die weltweit nur auf Praslin und der Nachbarinsel Curieuse wächst. Rund 5000 davon gibt es im Nationalpark Vallée de Mai. Den Park selbst hat die Unesco 1983 zum Weltnaturerbe geadelt. „Morgen früh“, verkündet Chris nach dem Abendessen, „steuern wir La Digue an.
Das Eiland ist so etwas wie die Primaballerina der Seychellen.“ Wie er das meint, wird anderntags bei einer Radtour über die Insel klar.

Glück gehabt, der Hai hat schon gefrühstückt.

Kaptiän Chris, auch Tauchlehrer

Während Mahé mit 154 Quadratkilometern die größte Insel des Archipels ist und mit gut 30 zum Teil ultraluxuriösen Unterkünften an der Beau-Vallon-Bucht auch über die größte Hoteldichte der Seychellen verfügt, ist die zehn Quadratkilometer große Insel La Digue ein bilderbuchschöner Ruhepol für Erholungsuchende und Strandjünger. Die Natur hat hier wohl alle Register gezogen.

Der schönste Strand der Welt

Nirgendwo sind die grauen, in Millionen Jahren von Wind und Wetter glatt geschliffenen Granitfelsen spektakulärer, die dahingewürfelten Holzhäuschen pittoresker und die Strände fantastischer als auf La Digue. Das weiß auch die Werbeindustrie. Der „Source d’Argent“ - angeblich der schönste Strand der Welt - ist als Filmkulisse für Rum-, Bademoden- und Süßwaren-Werbespots quasi im Dauereinsatz.

Am Strand abhängen, faulenzen, segeln, exotisches Federvieh bestaunen und die Farbenpracht der Unterwasserfauna durch die Taucherbrille in Augenschein nehmen - die Tage auf der „Sea Pearl“ rieseln wie Sandkörner durchs Stundenglas. Die letzte Insel vor dem 50 Kilometer langen Schlag zurück nach Mahé ist das kleine Eiland Curieuse. Die „Sea Pearl“ ankert an der Ostküste, Chris bringt die Schiffsgäste im Beiboot zum Strand.

Umrahmt von majestätischen Kokospalmen, begrüßen sie die Riesenschildkröten.

Heimat der herzallerliebsten Schildkröten

Auf Curieuse, so erklärt eine Infotafel, leben rund 300 dieser Urzeitexemplare; es gibt hier eine Schildkrötenaufzuchtstation, ein kleines Forschungslabor und ein paar Meter hinter den Bungalows der Parkranger einen Weg, der durch sumpfige Mangrovenwälder zu den Stränden an der Südseite des Eilands führt.

Die Gruppe wandert los. Nach eineinhalb Kilometern schält sich eine schneeweiße Kolonialvilla aus der sattgrünen Tropenflora. So hübsch, wie sich die Immobilie präsentiert, so dunkel ist ihre Vergangenheit. Geschichtsbuch auf: Nachdem sich Frankreich vor gut 250 Jahren die Seychellen unter den Nagel gerissen hatte, drehten die Kanonen britischer Linienschiffe ein paar Jahrzehnte später die Besitzverhältnisse um.Bis zu ihrer Unabhängigkeit 1976 gehörten die Seychellen zum Empire. Mitte des 19. Jh. wurde Curieuse Leprakolonie der britischen Kronkolonie Mauritius und die Villa die Unterkunft des Pflegepersonals. Während die Wanderer das schmucke Gebäude - es ist heute ein Museum - in Augenschein nehmen, bereitet die Crew ein Strand-Barbecue vor. Grillmeister ist natürlich Küchenchef Hansley. Auf dem Speiseplan stehen frisch gefangener Fisch, Fleisch, Gemüse, Tropenfrüchte und das „spirituelle“ Aushängeschild der Seychellen, acht Jahre alter Takamaka-Rum. Mal sehen, was die Schiffsgäste übrig lassen. Viel wird es nicht sein.

Schließlich geht morgen Abend der Flug von Mahé aus wieder Richtung Heimat. Und dort ist es grau und kalt!

© Gmünder Tagespost 11.01.2019 16:06
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